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Rathenow Götz Aly zu Gast in der Villa am See
Lokales Havelland Rathenow Götz Aly zu Gast in der Villa am See
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18:00 20.09.2015
Götz Aly trug in Premnitz Thesen aus seinem neuen Buch „Volk ohne Mitte“ vor. Quelle: Markus Kniebeler
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Premnitz

„Volk ohne Mitte“ – so charakterisiert der renommierte Politikwissenschaftler, Historiker und Publizist Götz Aly in seiner gleichnamigen Essayammlung die Deutschen. Weil es den Deutschen in der Zeit vor der NS-Diktatur an Selbstbewusstsein gemangelt habe, weil es sich bei Deutschland bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht um einen gefestigten Nationalsstaat, sondern um eine Ansammlung höchst disparater territorialer Gebilde gehandelt habe, seien die Einheits-Versprechungen Hitlers, seien dessen Appelle an eine bis dato nicht vorhandene Volksgemeinschaft auf fruchtbaren Boden gefallen.

Bezüge zwischen Kunst und Wissenschaft

Am Samstagabend legte Aly in der Premnitzer Villa am See seine Thesen dar. Dabei nahm er zur Erläuterung die Kunst zur Hilfe. Vier Grafiken des Künstlers Wolfgang Mattheuer hatte Gastgeber und Kunstsammler Stefan Behrens im Vortragssaal ausgestellt. Vor allem das bekannte Werk „Jahrhundertschritt“ zog Aly zur Illustration seiner Thesen heran. Eine im wahrsten Sinne des Wortes überspannte Figur habe Mattheuer da geschaffen, erläuterte Aly. Kleiner Kopf, kleines Hirn, die linke Faust nach Kommunistenmanier geballt, die rechte zum Hitlergruß ausgestreckt - in dieser Figur spiegele sich die Zerrissenheit eines ganzen Volkes. Hier sehe man jemanden, der unbedingt vorwärts kommen wolle, so Aly, und der dabei vor Gewalt nicht zurückschrecke. Der Schritt sei zu groß geraten, der Schreitende sei drauf und dran, das Gleichgewicht zu verlieren – so wie die Deutschen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts jede Balance und jedes Maß verloren hätten.

Gastgeber Stefan Behrens (li.) mit Götz Aly. Quelle: Markus Kniebeler

Götz Aly verzichtet in Premnitz darauf, die Essays aus seinem Buch abzulesen, sondern entwickelte seine Gedanken in freiem Vortrag. Die rund 40 Zuhörer wurden so Zeuge eines Wissenschaftlers, der mit seinen ebenso fundierten wie originellen Beobachtungen den ein oder anderen Denkanstoß gegeben haben mag. Dass Aly in Premnitz so gut aufgelegt war, dass er sichtlich Spaß daran hatte, Querverbindungen zwischen Kunst und Wissenschaft zu ziehen, lag sicher auch am Vortragsort. Er sei schon mehrmals in Premnitz gewesen, hatte der Historiker zu Beginn seines Vortrags gesagt. Aber dass es in der industriell geprägten Stadt ein kulturelles Kleinod wie die Villa am See gebe, dass habe er sich nicht träumen lassen.

Von Markus Kniebeler

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