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Rathenow Zweitklässler nehmen Erstklässler an die Hand
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02:15 07.09.2015
Die Kinder der Klassenstufen 1 und 2 sitzen nebeneinander und bearbeiten unterschiedliche Aufgaben zum gleichen Thema. Quelle: Bernd Geske
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Großwudicke

Nein, man sieht es nicht, dass die Kinder aus verschiedenen Jahrgangsstufen sind. Die Kleine Grundschule Großwudicke hat dieses Jahr ihre Erstklässler in die Klasse 1 / 2 eingeschult. Das bedeutet, dass hier die Kinder der Jahrgangsstufen 1 und 2 gemeinsam eine Klasse bilden. Aber wie gesagt: Rein körperlich – größer/kleiner? – sind in der gemischten Gruppe keine Klassenunterschiede zu erkennen. Schulleiterin Anke Engeleiter, die dieses Jahr auch als Klassenlehrerin für die Klasse 1 / 2 zuständig ist, schwört auf den jahrgangsübergreifenden Unterricht. „Kinder lernen am besten von Kindern“, sagt sie, „weil die ihnen die Dinge ganz anders als Lehrer erklären.“

Jeder Schulanfänger bekommt einen Partner aus Jahrgangsstufe 2

Im Unterschied zu den normalen Grundschulen habe das viele Vorteile. Wo ist was? Wie verläuft der Tag? Was ist erlaubt und was nicht? Und so weiter und so weiter. All das seien Fragen, die den Erstklässlern von den Zweitklässlern schnell und reibungslos beigebracht werden. Das funktioniere in Großwudicke so gut, erklärt Anke Engeleiter, weil ein 20 Jahre gewachsenes System dahinter steckt. Jeder Schulanfänger bekommt einen festen Partner aus Jahrgang 2, der für ihn verantwortlich ist. Emily und Emma, Timo und Marie, Glenn und Katy und all die anderen werden so zu kleinen Schulzeitabschnittspartnern.

Ein Modell für ländliche Bereiche

1995 hatte das Land einen „Modellversuch Kleine Grundschule“ gestartet, um zu testen, ob in ländlichen Bereichen bei sinkenden Schülerzahlen mit jahrgangsgemischten Klassen gute Bildungsergebnisse erzielt werden können.

Die Kleine Grundschule Großwudicke nahm von Anfang an daran teil und hat heute 105 Schülerinnen und Schüler. Auch in Hohennauen gibt es eine Kleine Grundschule.

Jahrgangsgemischte Klassen dürfen gebildet werden, wenn nur 15 Kinder oder weniger im einem Jahrgang vorhanden sind.

Eine Kleine Grundschule dürfte im Extremfall sogar weiter betrieben werden, wenn sie nur noch 45 Schülerinnen und Schüler hat.

Dabei geht es aber nicht nur um das richtige Verhalten, sondern auch um handfeste Lerninhalte. Im jahrgangsübergreifenden Unterricht widmen sich alle Kinder dem gleichen Thema, aber je nach Altersgruppe auf unterschiedlichem Anforderungsniveau. Lernt Stufe 1 beispielsweise Buchstaben mit der Anlauttabelle, festigt Stufe 2 das Alphabet und wiederholt das Nachschlagen im Wörterbuch. Und dann kommt der Knalleffekt: Zweitklässler, die ihre Aufgaben sehr gut erledigen, werden mit einem „Chef“-Anstecker dekoriert. Das qualifiziert sie dafür, den Jüngeren bei ihren Aufgaben zu helfen und ihre Ergebnisse zu kontrollieren. Allerdings werden alle paar Wochen die Chef-Anstecker wieder eingezogen und nach neuen Aufgaben-Paketen wieder neu vergeben. Auch die Partner-Paare werden regelmäßig neu zusammen gefügt. Manchmal nach Wunsch, manchmal auch nicht. „Die Kinder merken bald“, sagt Anke Engeleiter, „dass ihre besten Kumpel meist nicht ihre besten Lernpartner sind.“

Mathe, Deutsch und Englisch werden jahrgangsgetrennt unterrichtet

In der Kleinen Grundschule gibt es aber nicht nur jahrgangsübergreifenden Unterricht. Mathe, Deutsch und Englisch werden stets jahrgangsgetrennt gelehrt. Das ganze System funktioniert nur, weil die Inhalte stets für zwei Jahre von den Lehrkräften gemeinschaftlich vorgeplant und abgearbeitet werden. „Für viele Leute ist es unverständlich, was wir machen“, räumt Anke Engeleiter ein, „bis sie es mal gesehen haben.“ Im Unterschied zum allseits bekannten frontalen Unterricht – alle lauschen, einer spricht – kommt das jahrgangsübergreifende Modell ganz anders daher. Die Kinder können und sollen häufig miteinander reden, sich helfen. Die Lehrer, die nicht ständig ganze Klassen im Zaum halten müssen, haben so die Gelegenheit, sich den jeweils wichtigen Einzelfällen näher zu widmen. „Unser System funktioniert“, resümiert die Schulleiterin, „und das Arbeiten ist sehr entspannt.“

Von Bernd Geske

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