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Rathenow Vom Obdachlosenhaus zurück ins Leben
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16:16 08.02.2019
Im März 2012 klopfte Bernd Schütze an die Tür des Obdachlosenhauses in der Maxim-Gorki-Straße. Sechs Jahre lebte er hier. Quelle: Fotos: Christin Schmidt
Rathenow

Bernd Schütze (Name v.d. Red. geändert) kann sein Glück kaum fassen. Er sitzt auf dem Sofa in seiner neuen Zwei-Zimmer-Wohnung im Zentrum seiner Heimatstadt und ist überwältigt. Acht Jahre ist es her, dass er eine eigene Wohnung hatte.

Die letzten sechs Jahre lebte er im Obdachlosenhaus in Rathenow. Eine harte Zeit liegt hinter dem 47-Jährigen und es fällt ihm sichtlich schwer, seine Geschichte zu erzählen. Dennoch nimmt er allen Mut zusammen, denn er möchte die Menschen wach rütteln.

„Viele denken, nur Alkoholiker leben im Obdachlosenhaus und sie sind alle selbst schuld, dass sie dort landen. Aber das ist nicht so“, betont Bernd Schütze. Er macht keinen Hehl daraus, dass er lange ein Alkoholproblem hatte, das gelte aber nicht für jeden Obdachlosen.

Nur mit zwei Tüten ins Obdachlosenhaus

Er selbst hatte seine Wohnung nach einem Klinikaufenthalt verloren. Plötzlich war das Schloss ausgewechselt, seine Sachen ausgeräumt. Er kam bei einem Freund unter. Aber zu zweit in einer Einraumwohnung, das war auf Dauer keine Lösung. Eine Mitarbeiterin der KWR ermutigte ihn schließlich, sich im Obdachlosenhaus zu melden.

Mit zwei Tüten – mehr war ihm nicht geblieben – machte er sich im März 2012 auf seinen bisher schwersten Weg. „Ich kann gar nicht beschreiben, wie hart das war. Ich fühlte mich furchtbar unwohl“, erinnert sich Schütze.

Umso überraschter war er, als er von den Mitarbeiterinnen herzlich empfangen wurde. Trotz der Fürsorge und Unterstützung folgte zunächst ein heftiger Absturz. „Ich war mit der Situation überfordert, dieses Gefühl, plötzlich ganz unten zu sein, lässt sich nur schwer beschreiben. Alles bricht zusammen“, so der 47-Jährige.

Die Rettung in der Notaufnahme

Er wusste, er muss etwas tun. Aber er wusste nicht wie. Vier Jahre später, im Sommer 2016, stand Bernd Schütze in der Notaufnahme des Rathenower Krankenhauses. „Ich habe gesagt, dass mein Körper nicht mehr will und wenn ich nicht aufhöre, war es das“.

Der Arzt nahm seinen Hilferuf ernst, behielt ihn sechs Tage in der Klinik, überwies ihn zum Entzug, der mit einer strengen Kur endete. Seit zwei Jahren ist Bernd Schütze nun schon trocken. Auch die Rückkehr ins Obdachlosenhaus brachte ihn nicht dazu, wieder zur Flasche zu greifen. Stattdessen machte er sich auf die Suche nach einer Wohnung.

Kein leichtes Unterfangen, denn nur wenn das Geld vom Amt für die Miete reicht, kann man den Absprung schaffen. Hilfe kam schließlich aus der Stadtverwaltung und auch von der KWR. Nach fast zwei Jahren Suche konnte Bernd Schütze schließlich im November seine eigenen vier Wände beziehen.

Zuvor hatte er bereits für ein halbes Jahr im Optikpark gearbeitet. Die Maßnahme ist ausgelaufen, nun absolviert er ein Bewerbungstraining mit einem klaren Ziel vor Augen: „Ich möchte etwas zurückgeben. Mein Wunsch ist es in der Pflege arbeiten. Daran arbeite ich jetzt.“

Sein Bruder gibt ihm Halt

Zweimal in der Woche besucht Bernd Schütze noch das Obdachlosenhaus. „Ich will es langsam angehen lassen und lasse mir deshalb noch mein Taschengeld hier auszahlen“, so Schütze. Den Kontakt zum Haus möchte er auch künftig halten, denn er ist den Mitarbeiterinnen unendlich dankbar.

„Sie leisten eine großartige Arbeit und es macht mich traurig, dass so viele Menschen diese Einrichtung und die Menschen, die hier leben einfach abstempeln. Niemand, der in Not ist, sollte sich dafür schämen, an diese Tür zu klopfen und um Hilfe zu bitten“, betont Schütze.

Er wünscht sich, dass die Gesellschaft insgesamt offener mit dem Thema umgeht und vor allem, dass die Einrichtung mehr Hilfe erfährt. „Es gibt so viele Unternehmer in Rathenow. Warum tun sie sich nicht zusammen und renovieren zum Beispiel das Bad?“

Halt findet Bernd Schütze heute bei seinem großen Bruder, der ihn stets unterstützt, und bei seinen Freunden. „Sie klopfen mir oft auf die Schulter, sind stolz, dass ich es gepackt habe. Dieses Lob und die Anerkennung geben mir Kraft.“

Von Christin Schmidt

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