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Gemeinsam lernen in der Fremde

Willkommensklasse für Flüchtlingskinder an der Weinberg-Grundschule Gemeinsam lernen in der Fremde

Unter den Flüchtlingen, die im Havelland Schutz vor Krieg, Not und Verfolgung suchen, sind auch viele Familien mit Kindern. Für elf von ihnen wurde in der Weinberg-Grundschule eine Willkommensklasse eingerichtet. In der lernen sie nicht nur Deutsch, sondern erleben auch Geborgenheit.

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Die Kinder der Willkommensklasse kennzeichnen auf der Weltkarte ihr Herkunftsland mit ihrem Namen.

Quelle: Uwe Hoffmann

Rathenow. Seit Schuljahresbeginn werden insgesamt 226 Schüler in zehn Klassen an der Rathenower Grundschule „Am Weinberg“ unterrichtet. Elf von ihnen werden von Montag bis Mittwoch für vier Stunden aus ihren Klassen herausgenommen und erhalten gemeinsamen Unterricht in der „Willkommensklasse“ von Carsta Dittrich. Die junge Rathenowerin hat Grundschullehramt studiert, und nach einem Praktikum an der Weinbergschule wurde sie gefragt, ob sie sich an der Schule das Lehrer-Team verstärken wolle. „Ich schreibe derzeit noch an meiner Masterarbeit“, erzählt Carsta Dittrich. „Aus familiären Gründen und weil ich ohnehin noch auf einen Referendarplatz warten muss, habe ich mich zunächst für die praktische Arbeit mit den Kindern entschieden. Das macht mir sehr viel Spaß.“

Carsta Dittrich unterrichtet sehr engagiert

Carsta Dittrich unterrichtet sehr engagiert.

Quelle: Uwe Hoffmann

Um 9.30 Uhr legt Carsta Dittrich ihr Smartphone in den Stuhlkreis. Das Video mit dem Begrüßungslied der Kindermusiker Ulf & Zwulf gehört zum Ritual zu Beginn des Blockunterrichts. Die insgesamt neun Jungen und zwei Mädchen sind Flüchtlingskinder, die erst seit wenigen Monate in Rathenow leben. Zemfira aus Tschetschenien ist vor zwei Jahren mit ihren zwei Brüdern nach Rathenow gekommen. Die Schülerin, die in einem Monat acht Jahre alt wird, ist bei ihren Mitschülern beliebt und hat Freundinnen gefunden. Zur besseren Förderung sind sie in die Willkommensklasse integriert worden.

„Wir haben Schüler von der 1. bis zur 6. Klasse“, sagt Schulleiterin Kerstin Pollak. „Zunächst sollten noch Schüler aus Großwudicke und Rhinow in unsere Willkommensklasse integriert werden. Diese werden jetzt vor Ort gefördert.“ Carsta Dittrich gestaltet den Unterricht mit Elementen, bei denen die Kinder spielerisch lernen und auch soziales Verhalten trainieren. Neben dem Vokabel-Lernen und Leseübungen erhalten die Schüler auch Unterricht in Grammatik. „Die Gruppe ist sehr heterogen. Die Gruppe mit den besseren Vokabelkenntnissen erhält schon anspruchsvollere Aufgaben“, schildert die engagierte Lehrerin. „Es gibt spezielles Lernmaterial von Schulbuchverlagen, aber ich stelle auch selbst Unterrichtsmaterial zusammen.“ So zum Beispiel den „Steckbrief“ der Kinder und den „Schulfreund-Steckbrief“, mit dem sich die Kinder selbst und ihren besten Freund vorstellen sollen. „Über die Schulämter werden auch spezielle Weiterbildungen für Lehrer angeboten“, so Carsta Dittrich weiter. „Aber es gibt zu wenig Plätze. Die Seminare in Berlin sind ausgebucht. Ich könnte jetzt noch nach Erfurt fahren.“

Während des Unterrichts können die Schicksale der Kinder nicht ausgeblendet werden. Vier Schüler, wie Robert aus Serbien, der insgesamt seit sieben Monaten in Deutschland lebt, haben die Ablehnung ihres Asylantrages bekommen. „Abed Abdul Karim kam ohne seine Familie aus Syrien und lebt mit einem Mann, der ihn als seinen Onkel angenommen hat, im Asylbewerberheim im Grünauer Weg“, so Carsta Dittrich, selbst junge Mutter. „Gerade am Anfang hat man an seinem Verhalten gemerkt, was der Achtjährige in der Bürgerkriegssituation in seiner Heimat durchgemacht haben muss. Wenn ich solche Schicksale sehe, kann ich das Unverständnis und die teilweise diskriminierende Ablehnung von Deutschen, auch aus meinem Bekanntenkreis, nicht verstehen.“

Zemfira (2

Zemfira (2. von li.) aus Tschetschenien ist längst integriert und hat schon Freundinnen gefunden

Quelle: Uwe Hoffmann

Der Unterricht, für den zusätzliche Lehrmaterialien nötig sind, verursacht Kosten. „Die finanzielle Situation ist zu unübersichtlich. Bisher haben wir verschiedene Geldtöpfe wie den Sozialfond angezapft“, erklärt Schulleiterin Kerstin Pollak. „Wir werden vom Schulamt unterstützt.“ Aber nach der Hektik der vergangenen Wochen müsse jetzt wieder alles in geordnetere Bahnen kommen.

„Die Schüler sind sehr wissbegierig und lernfreudig. Sie sind mir inzwischen ans Herz gewachsen“, sagt Carsta Diettrich. „Sie bringen aber auch ein anderes, lebhafteres Temperament mit. Nach den vier Stunden bin ich geschaffter, als nach einem normalen Unterrichtstag.“

In Rathenow hat übrigens auch die Scholl-Grundschule seit Schuljahresbeginn eine „Willkommen-Klasse“ eingerichtet.

Schulrecht, Schulpflicht

In allen Bundesländern haben Flüchtlingskinder generell das Recht, eine Schule zu besuchen. Fast überall besteht für sie inzwischen auch eine Schulpflicht, selbst wenn sie einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben.

In Brandenburg beginnt die Schulpflicht für Kinder am 1. August eines Kalenderjahres, wenn sie vor dem 1. Juli das sechste Lebensjahr vollendet haben. Allerdings beginnt die Schulpflicht für Kinder von Flüchtlingen erst nach dem Verlassen der Erstaufnahmeeinrichtung.

Kinder und Jugendliche, die nicht zuerst in einer Erstaufnahmeeinrichtung wohnen, werden sechs Wochen nach Erteilung einer Aufenthaltsgestattung oder Duldung schulpflichtig. Dies gilt auch für unbegleitete Minderjährige.

 

Von Uwe Hoffmann

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