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Rathenower Jesiden erinnern an IS-Genozid

Flüchtling Tshsin Suleman betet für seine Familie Rathenower Jesiden erinnern an IS-Genozid

Am 3. August jährt sich der Genozid am Volk der Jesiden zum zweiten Mal. Auch in Rathenow trauern jesidische Familien um Angehörige und Freunde, die Opfer des IS wurden. Mehr als 3.200 von ihnen sind noch immer in IS-Gefangenschaft. Darunter vier Brüder und eine Schwester von Tahsin Suleman. Der 28-Jährige lebt in Rathenow und betet für seine Familie.

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Am 3. August werden wieder viele Jesiden auf die Straße gehen, um daran zu erinnern, dass noch immer Tausende ihres Volkes Gefangene des IS sind.

Quelle: dpa

Rathenow. Es war früh am Morgen des 3. August 2014, als Tausende Jesiden in Deutschland plötzlich um das Leben ihre Brüder und Schwestern im Nordirak bangen mussten. Die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) überfiel die Dörfer und Städte der Jesiden in Shingal, tötete ganze Familien und entführte Tausende Frauen, Kinder und Männer. „Ich war am 3. August in Rathenow und habe in den Nachrichten und übers Handy rund um die Uhr alles verfolgt“, erinnert sich Tahsin Suleman. Der 28-Jährige ist einer von 17 Eziden, die in Rathenow leben. Bis vor vier Jahren kämpfte er im Nordirak als Polizist gegen den IS.

Seine gesamte Familie lebte früher in Shingal. Der Terror hat sie auseinandergerissen. Seine Mutter und eine Schwester konnten aus IS-Gefangenschaft befreit werden. Sie und ein weiterer Bruder leben inzwischen in Deutschland. Sein Bruder Atenan starb im Januar 2015 im Kampf gegen den IS. Vier Brüder, eine Schwester und zwei Nichten sind in IS-Gefangenschaft in Mossul. Suleman hofft, dass sie am Leben sind. Es ist ein Jahr her, dass er mit ihnen sprechen konnte. „Beim letzten Anruf nahm ein IS-Terrorist ab. Ich sagte, bitte hilf uns. Wir machen, was du willst. Er sagte nur, wir töten euch alle und legte auf.“

Tahsin Suleman demonstriert am 3. August in Berlin

Die Sorge und das Leid stehen dem jungen Mann ins Gesicht geschrieben. Das Schicksal seiner Landsleute beschäftigt ihn rund um die Uhr. Ähnlich ergeht es den anderen Jesiden in Rathenow. Sie alle werden am Jahrestag des 74. Genozids an ihrem Volk den vielen Opfern gedenken. Suleman will in Berlin demonstrieren, um die Welt daran zu erinnern, dass noch immer mehr als 3200 Jesiden Gefangene des IS sind. Und er wird sich wieder an jene schrecklichen Tage im August 2014 erinnern, an denen er verzweifelt versuchte, seine Familie zu erreichen.

Die Freunde Tahsin Suleman und Ali Hassan aus Rathenow erinnern daran, dass noch immer tausende Jesiden Gefangene des IS sind

Die Freunde Tahsin Suleman und Ali Hassan aus Rathenow erinnern daran, dass noch immer tausende Jesiden Gefangene des IS sind.

Quelle: Ch. Schmidt

Sein jüngster Bruder floh damals mit mehr als 30 Familienmitgliedern ins Sindschar-Gebirge, wo Tausende Jesiden bei Temperaturen von über 40 Grad ohne genug Wasser und Nahrung den Tod fanden. Zwei seiner Brüder versteckten sich während des Angriffs in ihren Häusern. Sie hofften, dass Barzanis Peschmerga zu Hilfe kommen, so, wie sie es versprochen hatten. Doch niemand kam. Stattdessen hatten die Peschmerga, denen Deutschland später Waffen lieferte, wenige Tage zuvor den Jesiden sämtliche Waffen abgenommen und ihnen erklärt, sie seien jetzt in Sicherheit.

Von der Welt im Stich gelassen

Als der IS angriff, hatten alle Peschmerga das Gebiet verlassen, berichtet Suleman. Die Jesiden waren auf sich allein gestellt. Selbst muslimische Nachbarn, mit denen sie seit Jahren Tür an Tür lebten, wurden zu Feinden. „Unser arabischer Nachbar, mit dem wir unser Brot und Wasser teilten, half dem IS Jesiden zu töten“, erzählt Suleman, die Verzweiflung in seiner Stimme ist nicht zu überhören.

„Der IS hat uns alles genommen. Sie haben unsere Frauen und Kinder entführt, vergewaltigt und wie Sklaven verkauft. Sie morden willkürlich, enthaupten Mütter und Väter vor den Augen ihrer Kinder, erschießen Schwangere und verheiraten sechsjährige Mädchen mit alten Männern“, erzählt Ali Hassan. Auch er ist Jeside und lebt seit 2010 in Rathenow. Er versteht, was sein Freund fühlt. Er hat die gleichen Fragen, trägt die gleiche Trauer und Wut in sich. „Wir haben ihnen doch nichts getan. Meine Nichten waren sieben Monate und sieben Jahre alt, als sie entführt wurden – unschuldige Kinder. Warum hört die Welt uns nicht? Warum hilft uns niemand?“, fragt Tahsin Suleman.

Die UN spricht von einem Völkermord an den Jesiden

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit mit einem eigenständigen monotheistischen Glauben. Ihre ursprüngliche Hauptsiedlungsgebiete liegen im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei.

Das Jesidentum ist eine uralte Religion, man geht davon aus, dass sie älter als das Christentum und der Islam ist. Manche Forscher verfolgen ihre Wurzeln zurück bis zur iranische Mythologie und zum Mithras-Kult der Römer.

In Deutschland leben ungefähr 120.000 Jesiden. Inzwischen gibt es hier auch einen Zentralrat der Jesiden, dessen Vorsitzender ist Telim Tolan.

Eine unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrates hat das Vorgehen des IS gegen die Jesiden im März 2015 als Völkermord eingestuft.

Den Überfall der IS-Milizen im August 2014 zählen die Jesiden selbst als den 74. Genozid seit dem 11. Jahrhundert.

Von Christin Schmidt

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