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Rathenower schreibt Brief an Frau Merkel

Flüchtlingshilfe Rathenower schreibt Brief an Frau Merkel

Vor einem Jahr lernen sich Holger Jeschal und Ali Ashraf in Rathenow kennen. Der Gastronom und der Pakistani werden Freunde. Inzwischen hat Jeschal dem jungen Flüchtling eine Wohnung besorgt und ihm einen unbefristeten Arbeitsvertrag gegeben. Doch ob Ali bleiben kann, ist unklar. Deshalb hat Jeschal nun einen Brief an Angela Merkel geschrieben.

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Ali Ashraf und Holger Jeschal bekochen gemeinsam die Gäste im Charlottengarten.

Quelle: Christin Schmidt

Rathenow. Der Charlottengarten an der Rhinower Straße gehört zu jenen Lokalen, die das Flair vergangener Zeiten und eine gewisse Gemütlichkeit versprühen. Der Tresen aus gedrechseltem Holz, gehäkelte Deckchen auf den Tischen, an den Wänden hängen Hirschgeweihe und Fotos, auf denen Gastwirt Holger Jeschal mit Matthias Platzeck posiert. Der frühere Ministerpräsident und „Landesvater“ war häufiger zu Gast in dem kleinen Lokal, das für deutsche Spezialitäten wie Eisbein und Pferderouladen bekannt ist. Seit Neuestem gibt es aber auch Pizza und Pasta im Charlottengarten. Allerdings bereitet diese nicht der Chef zu, sondern sein neuer Koch Ali Ashraf.

Der 23-Jährige stammt aus Hafizabad in Pakistan. Als sein Bruder 2013 ermordet wird – vermutlich von Taliban – schicken ihn seine Eltern fort, in der Hoffnung, dass ihr Sohn es bis nach Europa schafft und dort ein sichereres Leben führen kann. Über die Türkei und das Mittelmeer schafft es der damals 19-Jährige bis nach Deutschland. Seine erste Station ist ein Flüchtlingslager in Gießen, dann wird Ali ins Erstaufnahmelager nach Eisenhüttenstadt geschickt und später nach Rathenow. Die Asylunterkunft im Birkenweg wird sein neues Zuhause - vorerst. Anfang 2016 lernt er im City Center Holger Jeschal kennen.

Die Gäste mögen den jungen Mann aus Pakistan

Die beiden kommen ins Gespräch, obwohl Ali damals nur gebrochen Deutsch spricht. Jeschal lädt den jungen Pakistani in sein Gasthaus. Sie verständigen sich mit den wenigen Worten Englisch, die beide beherrschen sowie mit Händen und Füßen. Wenn sie daran zurückdenken, müssen beide lachen. Ali möchte arbeiten und Holger Jeschal kann Hilfe in der Küche gebrauchen. Also unterstützt der gebürtige Berliner den jungen Flüchtling bei der Beantragung der Arbeitserlaubnis. Ab Mai verdient Ali sein erstes eigenes Geld – zunächst aber nur im Rahmen einer geringfügigen Beschäftigung, mehr gestattet die Behörde nicht.

Im September darf er dann voll einsteigen. Holger Jeschal gibt dem jungen Mann einen unbefristeten Vollzeitvertrag und Ali bringt frischen Wind in die Küche. „Er hat sich mit eigenen Ideen eingebracht und eine neue Speisekarte entworfen“, erzählt Jeschal. Seither gibt es neben den deutschen Gerichten auch Pizza und Pasta á la Ali im Charlottengarten. Bei den Gästen kommt das gut an, genau wie Ali selbst. „Vorurteile gab es nicht. Er wurde herzlich aufgenommen. Besonders die Frauen der Kartenrunde haben ihn ins Herz geschlossen. Sie drücken ihn jedes Mal“, verrät Jeschal.

Am Vormittag geht Ali zur Schule, am Nachmittag arbeitet er

Sechs Tage die Woche kocht Ali Ashraf nun für die Gäste im Charlottengarten. Am Vormittag besucht er von 7.30 bis 13 Uhr einen Deutschkurs, um 17 Uhr zieht er sich die Kochschürze an. Zeit für ein Hobby bleibt ihm derzeit nicht. Seit Dezember hat Ali sogar eine eigene Wohnung. Bei der Suche und den nötigen Behördengängen hatte Jeschal ihm geholfen, sogar die Erstausstattung besorgte er. „Ali verdient jetzt sein eigenes Geld, er bekommt keine Leistungen mehr vom Amt, warum soll er dann nicht auch eine eigene Wohnung haben?“, so Jeschal. Das einzige, was dem 23-Jährigen zu seinem Glück noch fehlt, ist eine Aufenthaltsgenehmigung. Denn während seine Arbeitserlaubnis bis 2019 gültig ist, läuft seine Aufenthaltsgestattung schon Ende März ab.

Ob sie verlängert wird, weiß Ali nicht. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Deshalb hat sich Holger Jeschal nun an die Härtefallkommission gewandt. Auf den Termin in der nächsten Woche setzen die beiden ihre ganze Hoffnung. Der Rathenower Gastwirt lässt nichts unversucht, um Alis Traum von einem Leben in Deutschland zu verwirklichen. Sogar an die Bundeskanzlerin hat er geschrieben. „Sie hat gesagt: Wir schaffen das. Ich habe es bis hierher geschafft und komme nun nicht weiter. Deshalb bitte ich Frau Merkel um Hilfe“, erklärt Jeschal. In der Ausländerbehörde hatte man ihm wenig Hoffnung gemacht. „Menschen aus Pakistan werden zu 99 Prozent ausgewiesen“, hieß es dort.

Verstehen kann der Gastwirt das nicht. „Es ist eine Hochburg der Taliban und auch Al-Qaida wütet dort“, weiß Jeschal. Ali überspielt seine Sorgen derweil mit einem Lächeln, das die ständige Unsicherheit und die Furcht vor der Abschiebung nicht ganz überspielen kann.

Am 1. April feiert Holger Jeschal sein zehnjähriges Jubiläum im Charlottengarten. Wenn er sich dazu etwas wünschen darf, dann dass Ali bis dahin einen Aufenthaltstitel hat und in Deutschland bleiben darf. Integriert habe er sich längst.

Von Christin Schmidt

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