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Reeder in sechster Generation

MAZ-Serie: Zu Hause in Ketzin/Havel Reeder in sechster Generation

Wilfried Herzog führt als Reeder die Tradition des Familienunternehmens in Ketzin/Havel fort. Mit seinen Fahrgastschiffen sind schon zig tausend Gäste über die Havel geschippert.

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Wilfried Herzog vor der „Bellevue“ – eines seiner Fahrgastschiffe.

Quelle: Wolfgang Balzer

Ketzin/Havel. Die Havel wurde von altershehr als Wasserstraße genutzt. Erst 1870 begann die Schleppschifffahrt mit Dampfern. Bis dahin war der Transport auf dem Wasser mühsam. Lastkähne wurden gesegelt, getreidelt, auch gestakt oder sogar gerudert. Bis 1880 verkehrten auf den märkischen Gewässern nur Kaffenkähne, benannt nach den Spitzen, den Kaffen, die das Vor- und Achterschiff überragten und als Richtungsweiser dienten. Ein maßstabgerechtes Modell im städtischen Ketziner Museum zeigt die eigenwillige Form des damals üblichen Transportmittels.

Im Jahre 1890 waren in der Havelstadt 17 Schiffseigner ansässig. Die heute einzige Ketziner Reederei Herzog zählte damals noch nicht dazu, obwohl das Familienunternehmen nachweislich auf sechs Generationen zurückblicken kann. „Es könnte sogar schon länger als 150 Jahre bestehen“, meint Wilfried Herzog, der es gegenwärtig führt. Genau wisse man das aber nicht.

In Ketzin gab es 1893 neun Schiffseigner. In den Jahren des Zweiten Weltkrieges steuerte Wilfrieds Großvater Richard seinen Lastkahn im Liniendienst zwischen Dresden, Magdeburg und Berlin bis Königsberg. 1945 brachte er die „Siegfried-Anita“ nach Ketzin/Havel mit, sie wurde aber bald von der sowjetischen Militäradministration als Reparationsleistung konfisziert. Seit 1952 schipperte Vater Siegfried über die Havel mit dem auf den Namen „Glück auf“ getauften Lastkahn. Der liegt heute noch, allerdings ungenutzt aber als Erinnerung, an den Stegen der Reederei in Ketzin.

Vom Grund der Havel gerettet

Ganz anders das kleinste der heutigen drei Fahrgastschiffe, das im Jahre 1914 in Magdeburg als Barkasse gebaute Motorschiff „Hoffnung“. Ende des Zweiten Weltkrieges lag es in Berlin-Tegel fahruntüchtig auf Grund. Großvater Richard Herzog kaufte die 1946 die „Hoffnung“, ließ sie nach Ketzin/Havel schleppen und wieder aufbauen. Damit schuf er die Grundlage für die Personenschifffahrt der Familie Herzog in der Havelstadt.

Für unzählige Familien- und Betriebsfeiern sowie für Ausflüge von Schulklassen diente das Schiff als beliebtes Transportmittel. Der ehemalige Bundespräsident, Richard von Weizsäcker, der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maiziere, aber auch die Außenminister eines G 8-Gipfels genossen die Atmosphäre auf der nur 19,7 Meter langen „Hoffnung“.

Als Schicksalsschlag empfand es Wilfried Herzog, als er am 22. Juli erfuhr, dass dieses Traditionsschiff bei äußerlichen Schweißarbeiten auf einer Werft in Oranienburg im Inneren zu brennen begann – Totalschaden. Der Schiffer muss noch heute die Tränen über diesen Verlust unterdrücken. „Ich habe die ganze Jugend auf und mit dem Schiff verbracht“, erinnert er sich. Oft rufen Fahrgäste an und fragen, ob die „Hoffnung“ wieder aufgebaut wird. „Ich bin guten Mutes“, zeigt sich Wilfried Herzog vorsichtig optimistisch. Aber ein bis zwei Jahre werden wohl vergehen, schätzt er ein.

Hochbetrieb zur DDR-Zeit

Die Reederei existiert trotzdem mit zwei Schiffen weiter: der Bellevue, Baujahr 1986, und der „Harmonie“, Baujahr 1926. In letztere hat Herzog viel Geld und noch mehr Arbeit investiert. Sie ist heute vier Meter länger als sie ursprünglich war, sie hat aus Verschleißgründen ein neues Vorschiff und den heutigen Anforderungen entsprechend einen komplett neuen Innenausbau erhalten. Viel hat der Reeder selbst gemacht. „Das gehört zum Beruf des Schiffers“, sagt er und zählt auf: Maler-, Tischler-, Schlosser- und Elektroarbeiten. Die werden überwiegend nach der Saison ab Oktober erledigt.

Nicht immer lief es mit der Schifffahrt so gut wie zu DDR-Zeiten. „Damals ist manchmal nach dem Ablegen an der Havelpromenade schon nach zehn Minuten auf Höhe der Fähre das zweite 50 Liter-Fass Bier angesteckt worden.“ 1990 sei die Schifffahrt zusammengebrochen, blickt Wilfried Herzog auf eine wirtschaftliche Durststrecke zurück. Das habe sich aber bereits ein Jahr später normalisiert, weil die Leute auf dem Wasserweg von Ketzin nach Spandau oder über den Wannsee fahren wollten.

Mehr Ausflüge mit Senioren

Heute bewertet der Reeder die wirtschaftliche Lage des Ketziner Traditionsunternehmens als „zufriedenstellend“. Aber das Publikum sei älter als früher. Es würden mehr Ausflüge mit Senioren und Fahrten von den Sozialverbänden gebucht. Dazu kämen Fahrten bei größeren Familienfesten. Auch der Service habe sich geändert. Waren die Gäste einst mit Bockwurst und Kartoffelsalat zufrieden, sind heute anspruchsvollere Gerichte und Büfetts gefragt. Schnell stand Wilfried Herzog vor einem Problem, das bis heute nicht gelöst ist: „Es gibt zu wenig Personal, sowohl Schiffsführer als auch im Service-Bereich.“

Einen besonderen Wunsch hat Wilfried Herzog. Er bittet ehemalige Fahrgäste und alle, die sich an die Fahrten mit der „Hoffnung“ erinnern, leihweise alte Fotos des Schiffes der Reederei zur Verfügung zu stellen. Schließlich soll das Fahrgastschiff möglichst bald wieder über die Havel schippern, da sind Erinnerungen über das 102-jährige Schiff gefragt.

Von Wolfgang Balzer

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