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Rhinow Das Havelland auf Teebeuteln gedruckt
Lokales Havelland Rhinow Das Havelland auf Teebeuteln gedruckt
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07:38 28.08.2018
Fotografin und Künstlerin Annette Wiechens druckt ihre Fotos auf Teebeutel. Quelle: Christin Schmidt
Gülpe

Die alten, knorrigen Weiden am Rande der Havelwiese, die Kraniche, die am Himmel Richtung Gülper See ziehen oder abgeerntete Felder, die im Ländchen Rhinow den Herbst ankündigen – Annette Wiechens hat diese Motive und viele mehr in den letzten Jahren bei Streifzügen durch die Natur fotografiert.

Nicht mit dem Smartphone, sondern ganz klassisch mit einer Spiegelreflexkamera und geschultem Blick durch den Sucher. Eine Auswahl ihrer Werke hängen nun in einem zur Galerie ausgebautem Stall in Gülpe, dem Wochenenddomizil der Berlinerin. Auf Teebeutel gedruckt und in Holz eingerahmt. Ja, Teebeutel!

Es klingt unglaublich, aber wer einen Abstecher nach Gülpe macht und Annette Wiechens besucht, wird sehen, das Havelland passt tatsächlich auf einen Teebeutel. Mehr noch: Teebeutel und havelländische Landschaft verschmelzen sogar zu einem Kunstwerk.

Die Fotografin Annette Wiechens fotografiert das Havelland und druckt ihre Bilder aus Teebeutel. Jeder Druck ist ein Unikat und zeigt die Region von einer ganz neuen Seite.

Die grobe Struktur des Papiers harmoniert wunderbar mit der zum Teil rauen, oft idyllischen Natur und eröffnet einen ganz neuen Blick auf vertraute Landschaften. Dazu bilden die Rot- und Brauntöne, die Rooibos, Darjeeling und Co in der fasrigen Struktur hinterlassen, den passenden Hintergrund für Kraniche, Pferde, Rinder, Wiesen, Wälder und Felder.

Annette Wiechens blickt zufrieden auf ihre Werke und damit auch zurück auf einen langen Prozess. Denn was der Betrachter nicht ahnt: Hinter diesen Arbeiten steckt zum einen der lange Weg von der analogen zur digitalen Fotografie und zum anderen der anfangs schmerzhafte Schritt von der Dunkelkammer über den Drucker bis hin zum Teebeutel.

Annette Wiechens gehört nämlich zu den Menschen, die die Fotografie von der Pike auf gelernt und ihre Bilder noch selbst in der Dunkelkammer entwickelten haben. Schon als Schülerin entdeckte sie ihr Interesse für Fotografie.

Die Lehrerin attestierte ihr Talent

„Im Kunst-Leistungskurs bekam ich zum ersten Mal eine Spiegelreflexkamera in die Hand. Wir sind damit umhergezogen, haben fotografiert und die Bilder auch entwickelt. Das hat mir echt Spaß gemacht“, erinnert sich die 51-Jährige.

Ihre Lehrerin attestierte ihr schon damals Talent und forderte sie auf, an der Fotografie festzuhalten. Das hat Annette Wiechens getan. Während sie anfangs mit Vorliebe Stillleben fotografierte, ist es heute vor allem die Landschaft rund um ihr Wochenendidyll in Gülpe, die sie mit der Kamera festhält.

Annette Wiechens wuchs in Hildesheim auf und verließ die Heimat so bald sie konnte. Ihr Ziel? „Berlin natürlich.“ Dort bewarb sie sich Ende der 1980er Jahre beim Lette-Verein um einen Ausbildungsplatz, wurde aber abgelehnt.

„Vermutlich weil ich blaue Haare hatte“, erklärt Wiechens mit verschmitztem Lächeln. Für die renommierte Hochschule der Künste fühlte sie sich damals nicht reif genug und eine Ausbildung als Fotografin kam für sie nicht in Frage: „Porträts, Hochzeiten, Schwangere – das wollte ich nicht. Die Thematik war mir einfach zu öde.“

Zur Fotoschule nach Hamburg

Anfang der 1990er Jahre sollte es dann doch noch mit der Fotografie klappen. Annette Wiechens zog nach Hamburg, besuchte ein Jahr lang eine Fotoschule und stieg anschließend als Assistentin bei einem Werbefotografen ein.

Sie erlebte, wie mit wahnsinnigem Aufwand Waschmaschinen und andere Haushaltsgeräte abgelichtet wurden. Der Job gewährte ihr einen Einblick in die raue Welt der Werbebranche und brachte ihr die Erkenntnis: „Das ist nichts für mich.“

Stattdessen kehrte sie in ihre alte Heimat zurück und wurde Mutter. Die Fotografie blieb erst einmal auf der Strecke. Annette Wiechens nutzte zwar weiterhin ihr eigenes Fotolabor, entwickelte aber in erster Linie Bilder ihrer Kinder.

„Ich konnte dort Stunden verbringen“, schwärmt die Wochenendhavelländerin. Bis heute fasziniert sie diese Arbeit. Photoshop statt Dunkelkammer, das ist für Wiechens keine Alternative. „Mir fehlt dabei die Arbeit mit den Händen“, sagt sie.

2011 tauschte sie Film gegen Speicherkarte

Es ist mit ein Grund, warum sie sich mit der Umstellung von Film auf Speicherkarte so schwer tat und lange mit der digitalen Fotografie zauderte.

Erst 2011 wagte sie den Wechsel, fotografierte aber zunächst genau wie mit ihrer analogen Kamera – den Ausschnitt genau auswählen und immer daran denken, dass ein Film nur 36 Bilder hat.

Mit dem Gedanken, dass das Original nicht so wichtig ist, weil es ja im Nachhinein verändert werden kann, hat sie bis heute ein Problem.

„So will ich nicht fotografieren, zumal ich die Bearbeitung am Computer überhaupt nicht spannend finde. Für mich war immer das Fotografieren an sich das Spannende. Unterwegs sein, wahrnehmen und mit der Kamera festhalten. Es geht um den Moment, das ist das Besondere.“

Matthias Rinne brachte sie auf den Teebeutel

Da mit der Digitalisierung auch ihre geliebte Laborarbeit wegfiel, stellte sich die kreative Fotografin die Frage, was sie mit ihren Werken machen soll? Einfach nur ausdrucken, kam nicht in Frage.

Annette Wiechens vermisst die Originalität der Handabzüge von früher, die durch Beliebigkeit ersetzt wurde, denn heute kann jedes Foto unzählige Male gedruckt werden. Früher machte die Entwicklung der Bilder im Labor jedes Bild zu einem Unikat.

Dieser Schritt gehört für sie untrennbar zum kreativen Prozess der Fotografie dazu. Statt der alten Zeit nachzutrauern, entwickelte sie deshalb gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Matthias Rinne eine Art Ersatz-Labor.

Dabei verschmelzen die digitale Fotografie mit der von ihr so geschätzten Handarbeit. Das Ergebnis sind einzigartige Drucke auf Teebeuteln.

„Jeder Druck ist eine Überraschung“

Schon vor vielen Jahren entdeckte Matthias Rinne, dass sich die kleinen Säckchen, die hauptsächlich aus Abacá-Fasern bestehen, hervorragend als Gestaltungsmittel für künstlerische Werke verwenden lassen.

Diese Idee nahm Annette Wiechens auf. Sie probierte sich mit verschiedenen Papiersorten aus, fixierte die ausgewaschenen und getrockneten Teebeutel auf Papier, schob das Blatt in den Drucker und herauskam ein Werk, dass es so nur einmal gibt.

„Jeder Teebeutel ist anders. Mal sind die Fasern poröser, auch die Färbung ist immer unterschiedlich. Jeder Druck ist eine Überraschung“, erzählt Annette Wiechens.

Zufrieden war sie mit dem Ergebnis anfangs nicht, auch weil das Motiv noch nicht passte. „Ich hatte in Berlin Tor und Hauseingänge fotografiert, aber das wirkte im Druck nicht.“ Ein Aha-Effekt setzte erst ein, als sie 2014 nach Gülpe kam und Landschaften auf die getrockneten Beutel druckte.

Hier hatte Annette Wiechens nicht nur den perfekten Erholungsort gefunden, sondern auch die passenden Motive für die Teebeutel. In ihrem Wochenendidyll zeigt sie derzeit ihre Arbeiten. Wer mehr wissen möchte, besucht die Internetseite: www.temporare.org

Von Christin Schmidt

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