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„Ringelnatz war eine Rampensau“

Wolf Butter im MAZ-Gespräch „Ringelnatz war eine Rampensau“

Ob Wilhelm Busch, Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Ringelnatz, Professor Wolf Butter lässt sie alle in seinen „Plauderein“ wieder aufleben. Am 24. April bringt Wolf Butter Verse und Lieder von Ringelnatz mit ins Ribbecker Schloss. Vorab verrät er im MAZ-Interview, was das Besondere an den Texten von Ringelnatz ist.

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Joachim Ringelnatz (1883 – 1934), Schriftsteller, Kabarettist und Maler war weitaus mehr als nur ein Humorist.

Quelle: dpa

Ribbeck. Nicht die Literaturwissenschaft stellt er in den Vordergrund, sondern den Unterhaltungswert. Professor Wolf Butter erweckt die Persönlichkeiten von Kästner, Tucholsky, Busch und Ringelnatz auf der Bühne zum Leben. Mit Ringelnatz gastiert er am 24. April im Schloss Ribbeck.

Mit Ihrem Programm begeistern Sie das Publikum im ganzen Land. Worin liegt das Geheimnis Ihrer Lesungen?

Wolf Butter: Ich mache keine Lesungen, da lege ich großen Wert drauf. Es sind im besten Sinne des Wortes Plaudereien. Bei mir wird alles freihändig gemacht, ein musikalischer Anteil ist auch dabei. Ich verbinde Biografisches und Zeitgeschichte mit Lyrik und Klatsch und Tratsch – ein zwinkerndes Auge ist auch immer dabei. Ich habe nicht den Anspruch mein Publikum zu belehren oder ein komplettes Bild des Meisters zu bringen.

Wann haben Sie mit dieser Art von Unterhaltung oder wie Sie es nennen „Plaudereien“ angefangen?

Butter: 2007 war ein Wilhelm Busch Jubiläum, da fing ich damit an. Dann kam immer wieder die Frage: Wann hast Du mal was Neues? Eigentlich wollte ich ja nur den Wilhelm Busch machen, also habe ich mich mit Kästner, Tucholsky und Ringelnatz beschäftigt – die Autoren müssen es ja auch hergeben. Wenn es eine graue Maus ist, der nur heimlich für sich gedichtet hat, ist das nicht so spannend als wenn das so verrückte Hunde wie zum Beispiel Tucholsky sind. Er war so wahnsinnig vielseitig: Zeichner, Maler, Poet, Kabarettist, Seefahrer und dazu hatte er noch viel Durst. Über solche Leute lässt sich natürlich gut erzählen.

Wann kam Ringelnatz dazu?

Butter: Das war der Letzte im Bunde, aber natürlich kannte ich Ringelnatz schon viel früher, seit meiner Theaterzeit. Er ist natürlich einer der dankbarsten, wenn auch nicht ganz so einfach. Er ist sehr skurril in seiner Sprache in seinen Bildern. Ein versteckter Philosoph, später auch Kabarettist. Heinz Erhardt hat einmal gesagt: Hätte ich nur einen Satz von Ringelnatz. Erhardt hat nie einen Hehl draus gemacht, dass bei ihm immer mal ein Ringelnatz über die Schulter schaut mit seiner großen Nase.

Was fasziniert Sie an Ringelnatz, was ist das Besondere an ihm?

Butter: Er ist ein Beobachter des Details par excellence. Seine verrückten Tiergedichte sind großartig. Er war auch ein Sportfan, das wird deutlich, wenn er über den Fußballwahn spricht oder über die Turneinlagen der Damen am Barren. Das ist natürlich auch etwas derb, wenn er seine philosophischen Betrachtungen über Frauen macht. Da ist man manchmal – gerade in der heutigen Zeit, wo es wieder etwas prüder wird – an der Grenze. Aber das, was er geschrieben hat, ist an die hundert Jahre alt. Er war natürlich auch ein Bürgerschreck und auf der anderen Seite ein ganz sensibler, leiser Mensch, der nicht nur auf die Pauke gehauen hat mit seinem Kuttel Daddeldu. Wie gesagt, er hat auch die Details sehr schön beobachtet. Und das Verrückte ist, seine Sprache ist so einmalig. Hier kann man als Schauspieler nicht schummeln, bei ihm muss man ganz genau wörtlich sein. Das ist eine Herausforderung. Inhaltlich hat er alles beleuchtet. Er ist ja nicht nur der Ulkartist, der damals ganz Deutschland abgetingelt hat. Er ist auch sehr politisch gewesen, gerade in der Inflationszeit oder als die Nazis aufkamen und er von der Bühne verhaftet wurde. Er war aber kein politischer Dichter wie Tucholsky. Und Ringelnatz war Autodidakt, er hat sich alles selber erarbeitet im Gegensatz zu Tucholsky, der Doktor war oder Kästner.

Wie haben Sie sich selbst an Ringelnatz herangearbeitet?

Butter: Ich habe die Gedichte daraufhin geprüft, ob sie was zum Vortragen sind. Manche sollte man einfach still vor sich hin lesen und manche eignen sich für die Bühne. Für mein Programm habe ich den heiteren Ringelnatz ausgewählt, aber natürlich sind auch leise Töne drin. In erster Linie sind er Werke mit großem Unterhaltungswert.

Mit Ringelnatz durch die 1920er Jahre

Am 24. April präsentiert Professor Wolf Butter Verse und Lieder des Schriftstellers, Kabarettisten und Malers Joachim Ringelnatz.

Gemäß dem Motto von Ringelnatz „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt“, widmet sich Professor Butter der heiteren Seite von Ringelnatz, verknüpft dabei literarische Anekdoten aus dem Leben des Dichters und untermalt diese mit musikalischen Einlagen.

Die Veranstaltung beginnt um 15 Uhr. Die Karten kosten im Vorverkauf zehn Euro, an der Tageskasse 13 Euro. Veranstalter ist das Kulturbüro der Stadt Nauen, Tel.  0 33 21/40 83 07

Erfährt das Publikum auch etwas zur Person, Biografisches, Anekdoten?

Butter: Ja, Hintergrund zur Person, aber niemals mit dem Anspruch der Literaturwissenschaft, sondern viel mehr mittels Klatsch und Tratsch. Also Episoden von ihm, heitere und weniger heitere. Zum Beispiel wie er seine Bilder versteigern lassen hat, weil er pleite war in der Inflationszeit und was er alles so verzapft hat. Diesen Mann kann man nicht einengen, man darf ihn nicht schlichtweg als Humorist abtun. Er war durchaus auch Humorist, das ist ja ein ehrenwerter Beruf, aber er war mehr, sehr tiefgründig.

Ihr Programm hat den Titel „Gnädige Frau, bitte trösten Sie mich“. Kann Ringelnatz uns mit seinen Texten trösten?

Butter: Ach das wäre mir zu einfach. Er schafft es durchaus, wenn wir in den Spiegel, den er uns vorhält, schauen oder uns auf unsere Unzulänglichkeiten aufmerksam macht, die er ja selber hatte. Brecht konnte mit den ernsthafttesten Stücken unterhalten, heißt es und das ist die wichtigste Aufgabe, die ein Autor und der, der die Texte vorträgt, hat. Wenn das gewährleistet ist und die Leute 70 Minuten gute Unterhaltung haben mit Literatur – es ist nun mal nicht Comedy, sondern Literatur – dann habe ich mein Klassenziel erreicht.

Inwiefern ist denn Ringelnatz noch aktuell? Was können uns seine Texte heute noch sagen?

Butter: Ein ganzer Teil ist natürlich spezifisch auf die Weimarer Republik zugeschnitten, aber ansonsten verändern wir Menschen uns doch nach wie vor nicht. Wir sind rechthaberisch, wir sind stur, egoistisch, melancholisch. Ich komme aber nicht mit der großen Botschaft und will die Menschen erziehen oder retten, so habe ich mir das nicht gedacht. Ich bin in erster Linie Komödiant und das ist meine Aufgabe.

Aber die Texte kann man doch nach wie vor auf Heutiges beziehen?

Butter: Unbedingt. Ich will bloß nicht so didaktisch daher kommen und sagen: Was lehrt uns Ringelnatz heute noch. Das wäre mir zu vordergründig.

Werden Menschen, die sich bereits mit Ringelnatz beschäftigt haben, auch noch Neues entdecken?

Butter: Genau das ist es. Es ist ja schön, wenn Leute kommen und sagen, ich kenne den Ringelnatz, den Kuttel Daddeldu und das und das. Und dann erfahren sie Sachen, die sie bereits kennen von mir interpretiert, aber auch noch Unbekanntes. Manchmal kommen Gäste hinterher zu mir und sagen: Das habe ich noch nicht gewusst oder das war mir völlig neu. Dann habe ich das Bild des Ringelnatz’ ein bisschen komplettiert.

Steckt in Ihnen auch ein bisschen Ringelnatz?

Butter: Natürlich. Ich glaube jeder, der komödiantisch auf die Bühne geht, der braucht das. Ringelnatz war eine Rampensau, jemand der gern vor Publikum seine Faxen gemacht hat. Es hat ihm Spaß gemacht, die Reaktion des Publikums aufzunehmen und darauf zu reagieren, das gilt natürlich auch für eine Plauderei. Den Schalk, den er im Nacken hatte, den soll man rüber bringen. Und wenn man selber keinen Schalk im Nacken hat, sollte man die Finger von Ringelnatz lassen.

Haben Sie einen Lieblingsvers von Ringelnatz?

Butter: Immer der, bei dem ich gerade bin, an dem ich gerade arbeite, begeistert mich.

 

Von Christin Schmidt

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