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72-jähriger Landwirt erschießt Veterinär

Klein-Behnitzer schockiert über Bluttat 72-jähriger Landwirt erschießt Veterinär

Im Nauener Ortsteil Klein Behnitz (Havelland) ist es Dienstagmorgen zu einer Schießerei gekommen. Ein Landwirt hat mit einer Schrotflinte um sich geschossen, als das Veterinäramt seine 30 Rinder einziehen wollte. Der 72-Jährige konnte überwältigt werden. Ein 61-jähriger Mitarbeiter des Veterinäramtes erlag noch am Tatort schweren Schussverletzungen.

Klein Behnitz 52.574651 12.685629
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Quelle: Julian Stähle

Klein Behnitz. „Er war ein sturer, alter Mann“, sagt eine Dorfbewohnerin. „Nein, ein Außenseiter war er eigentlich nicht“, sagt der Mann von gegenüber. „Die Kühe haben ihn am Leben gehalten“, sagt die Nachbarin. Die Meinungen über Wilfried Z. gehen in Klein Behnitz im Havelland aus einander. Die meisten kannten den 72-Jährigen, der seit Jahren allein mit seinen Tieren lebte. Schockiert sind sie alle darüber, was sich an diesem trüb-kalten Wintertag in dem 200-Einwohner-Dorf abgespielt hat. Ein Mann ist tot, erschossen von dem Landwirt Wilfried Z. – wegen einer Rinderherde.

Wilfried Z. war überfordert

Dienstagmorgen, Riewender Straße, gegen halb zehn: Drei Mitarbeiter des Veterinäramts kommen zu dem Gehöft von Wilfried Z. Sie haben zwei Lkw dabei, Viehtransporter, auf die wollen sie die Kühe des 72-Jährigen laden. Z. soll mit dem Halten seiner rund 30Tiere überfordert gewesen sein. Er lebt allein mit seinen Rindern und zwei Hunden, die er in einem Zwinger hält. Immer wieder waren die Kühe in der Vergangenheit ausgebüxt, einige sollen auch krank gewesen sein. Seit Jahren gab es Ärger mit Wilfried Z. und seinen Tieren. Doch er will seine Kühe nicht hergeben. „Das sind meine einzigen Freunde“, soll er dem Mann und den beiden Frauen vom Kreisveterinäramt gerufen haben, als sie seine Tiere „wegen nicht artgerechter Haltung nach dem Tierschutzgesetz“ beschlagnahmen wollen. Zunächst ließ Wilfried Z. die Mitarbeiter noch gewähren, dann kommt es zu einem Streit, plötzlich hat Wilfried Z. ein Gewehr in der Hand. Woher der Rentner die Schrotflinte hatte, ist unklar. Jäger sei er nicht gewesen, sagt Detlev Cleinow. Er wohnt gegenüber und kennt Wilfried Z. schon „seit Ewigkeiten“, wie er sagt.

Cleinow wird aufmerksam, als er von Z.s Grundstück laute Stimmen hört. „Dann fielen zwei Schüsse“, sagt Cleinow später. „Ich hab gleich gehört, dass das Schüsse sind. Das erkennt man, es gibt hier viele Jäger.“ Jemand brüllt. Cleinow rennt raus, zwei Frauen kommen ihm entgegen, wollen sich vor Wilfried Z. in Sicherheit bringen. „Wilfried war bewaffnet. Ich sah einen Mann da liegen und hab zu Wilfried gerufen: ,Mensch, lass mich rein, ich muss dem Mann da helfen.’“ Aber Wilfried Z. lässt seinen Bekannten, der ihm immer wieder unter die Arme gegriffen hat, nicht auf den Hof. Cleinow geht auf Abstand. „Es war nicht der Tag dafür, den Helden zu spielen“, sagt er später.

Die Polizei sichert den Tatort nach den tödlichen Schüssen weiträumig ab.

Quelle: Julian Stähle

Ute H. wohnt direkt neben dem Hof. Sie beobachtet mit ihrem Mann vom Fenster im Obergeschoss aus, was sich auf dem Grundstück von Wilfried Z. abspielt: Die beiden Frauen vom Veterinäramt rennen die Straße runter, finden Zuflucht auf einem Nachbargrundstück. „Wo sind die Weiber?“, brüllt Wilfried Z., immer noch mit dem Gewehr in der Hand. Sein Opfer liegt derweil auf dem Boden vor der großen Backsteinscheune und schreit. „Kümmer dich doch um den Mann“, ruft Ute H.s Mann aus dem Fenster. Doch Wilfried Z. zuckt nur mit den Achseln. „Der ist tot“, sagt er.

"Wie im Krimi"

Es dauert, bis die Polizei eintrifft. 45 Minuten, schätzt Ute H. „Es war dann wie im Krimi“, erinnert sie sich. Mit schusssicheren Westen und gezückten Waffen stürmen sie auf den Hof. Wilfried Z. hat die Waffe weggelegt. „Er stand hilflos in einer Ecke“, sagt Ute H. „Was wollt ihr von mir“, soll er noch gerufen haben.

Die Spurensicherung untersucht den Tatort.

Quelle: Julian Stähle

Die Beamten überwältigen den 72-Jährigen. Er wird abgeführt, auf die Wache in Nauen gebracht. Für sein Opfer kommt die Hilfe zu spät. Der Mann verblutet.

Kontrolle über sein Leben verloren

Vor Jahren muss Wilfried Z. allmählich die Kontrolle über sein Leben verloren haben. „Es fing damit an, als seine Mutter gestorben ist“, sagt Ute H. „Da ging es mit dem Hof bergab.“ Wilfried Z. lebt allein. Er hat keine Frau, soll aber eine Tochter und eine Schwester haben. „Er hat seine Tiere so gut versorgt, wie er eben konnte“, sagt Ute H. „Aber er war damit überfordert. Das wollte er nicht einsehen.“

Wilfried Z. war Dorfgespräch

In Klein Behnitz, das vor allem aus einer langen Straße besteht, sind Z. und seine Kühe Dorfgespräch. Immer wieder büxen sie aus. Die MAZ berichtete im vergangenen Sommer davon. Mehrfach waren sie damals ausgebrochen, offenbar auf der Suche nach Futter. Selbst im mehrere Kilometer entfernten Nachbardorf Barnewitz wurden die Tiere gesichtet. Die Stadtverwaltung ließ den Hof damals überprüfen, stellte fest, dass mehrere Zäune kaputt waren und die Tiere vermutlich nicht genug zu essen und zu trinken bekamen. Auch das Kreisveterinäramt nahm die Anlage unter die Lupe. Ergebnis: Die Tiere waren zwar nicht verwahrlost, aber Wilfried Z. brauchte dringend Hilfe. Ein Landwirt aus Ribbeck übernahm die Aufgabe, griff Wilfried Z. unter die Arme. Wilfried Z. ist dankbar für die Hilfe, will sich aber nicht damit abfinden, dass er seinen Viehbestand von damals 28 auf nur noch fünf Tiere reduzieren soll. Er sagte damals zur MAZ: „Das kann man mit mir nicht machen. Ich bin seit meinem sechsten Lebensjahr mit Kühen aufgewachsen.“

Er wollte keine Hilfe

Peter Kaim ist der Ribbecker Landwirt, der sich um Wilfried Z. und seinen Hof kümmerte. Er ist schockiert. „Ich bin richtig fassungslos“, sagt er am Dienstag und bedauert, dass Z. seine Hilfe ab November vorigen Jahres nicht mehr in Anspruch nehmen wollte.

Anwohner sind geschockt.

Quelle: Julian Stähle

„Es ist unfassbar, dass hier so etwas passiert“, sagt Ute H., die Nachbarin. „Alle haben ihm mal geholfen mit den Tieren, ihm ab und zu auch Essen gebracht“, sagt sie. Etwas verschroben sei er gewesen, eine Art Freak, aber zugleich in die Dorfgemeinschaft integriert.

Auch Detlev Cleinow von gegenüber sagt, dass Wilfried Z. kein Außenseiter war. Ob er mit seinen Kühen überfordert war, will er nicht beurteilen. Dass die Tiere ab und zu ausgebüxt und auf die Straße gelaufen seien, ja, das sei schon vorgekommen. „So ist das halt auf dem Land.“

Von Torsten Gellner und Andreas Kaatz

Wächter zum Wohle der Tiere

Brandenburgs Veterinärämter müssen öfter einschreiten, weil Halter mit ihren Haus- oder Nutztieren überfordert sind. Verein fordert mehr Kontrollen.
Sie schreiten ein, wenn Tiere in Gefahr sind und nicht ordnungsgemäß gehalten werden: Die 18 Brandenburger Veterinärämter sind für den Tierschutz das, was die Jugendämter für den Kinderschutz sind. Immer öfter müssen die Ämter einschreiten, weil Tiere verwahrlosen oder gequält werden.

In Potsdam-Mittelmark etwa ist die Zahl der Anzeigen wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz von 2010 zu 2013 um ein Drittel gestiegen. Oft geht es dabei um Haustiere, um Hunde, Katzen oder auch Pferde, die von ihrem Besitzer nicht richtig versorgt werden. Das Veterinäramt Spree-Neiße beobachtete 2013 „eine Zunahme der Verwahrlosung in den Haushalten und damit auch bei den Tieren“. Aber auch Nutztiere werden nicht immer so gehalten, wie sie sollten.

Amtsveterinäre kontrollieren auch Tiertransporte.

Quelle: Philipp Schulze

So etwa 2014 in Geltow (Potsdam-Mittelmark): 59 Rinder hat das Veterinäramt des Kreises von der Weide eines Landwirts abtransportieren lassen. Das Amt setzte damit das Urteil des Oberverwaltungsgerichts um, das dem Tierhalter die weitere Haltung der Mutterkühe untersagte. Der Bauer habe die Tiere nicht ausreichend mit Futter und Wasser versorgt. Zudem sei die Weide nicht ausreichend gesichert gewesen, erklärte ein Kreissprecher. Trotz Auflagen sowie Buß- und Zwangsgeldverfahren seien die Mängel vom Tierhalter nicht abgestellt worden.

Auch das Veterinäramt des Havellands, dessen Mitarbeiter gestern bei dem Vorfall in Klein Behnitz erschossen wurde, muss immer wieder einschreiten, weil Tiere in Gefahr sind. So vor einem Jahr in Seeburg. 320 Schafe und 26 Ziegen wurden dort beschlagnahmt – wegen „unsachgemäßer Schafhaltung und wiederholt erheblichen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz“, wie es hieß. Von Anwohnern alarmierte Tierschützer des Vereins „Aktion Tier“ hatten zuvor Fotos von ungepflegten Tieren veröffentlicht.

„Ein Amtstierarzt muss bei einem Verdacht einschreiten, sonst macht er sich selbst der Tierquälerei schuldig“, erklärt Ursula Bauer, Geschäftsstellenleiterin bei „Aktion Tier“ in Berlin. Tiere hätten nur minimale Rechte in Deutschland, die müssten dann auch verteidigt werden. Dass jemand wegen Alter oder Krankheit seine Tiere nicht mehr richtig versorgen könne, sei keine Entschuldigung. Die Veterinärämter seien keinesfalls zu streng, im Gegenteil. „Sie reagieren oft nicht adäquat, weil sie überfordert sind“, sagt die Biologin. Denn nicht nur die Einhaltung des Tierschutzes gehört zu ihren Aufgaben, sie sind zum Beispiel auch für die Lebensmittelüberwachung zuständig. Bauers Forderung: Die Veterinärämter müssten personell besser ausgestattet werden. Einige Fälle zögen sich über Jahre hin, weil die Einhaltung von Auflagen nicht regelmäßig kontrolliert werde.

Dass sie vermehrt zu Kontrollen gerufen werden, hat aus Sicht der Tierärzte noch einen anderen Grund: Bei rund einem Drittel der Anzeigen aus der Bevölkerung gehe es nicht um Tierschutz, hatte Potsdams Amtstierarzt Guido Schielke 2013 erklärt. Oft würden Nachbarschaftsstreits ausgetragen, in dem man einen Tierhalter bei der Behörde anschwärzt.

Von Marion Kaufmann

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Gegen den 72-jährigen Landwirt, der am Dienstag auf seinem Hof in Klein Behnitz bei Nauen (Havelland) einen Mann erschossen hat, wurde Haftbefehl wegen Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes erlassen. Wilfried Z. hatte auf einen Mitarbeiter des Veterinäramtes geschossen, das ihm gestern seine Tiere wegnehmen wollte.

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