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Schönwalde: Ein malerisch schönes Dorf

MAZ-Serie „Zuhause in...“ Schönwalde: Ein malerisch schönes Dorf

Die Orgel frisch saniert, das Schloss neu belebt: Schönwalde-Dorf ist im Aufschwung. Mittelpunkt des Ortes ist der Kreativ-Verein. „Er ist sehr wichtig für den Zusammenhalt im Dorf“, sagt Ortsvorsteher Lothar Lüdtke. Um den war es in der Vergangenheit auch schon mal besser bestellt. Dabei zeigt die Geschichte, wozu die Bewohner in der Lage sind, wenn alle an einem Strang ziehen.

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Die Malgruppe trifft sich jeden zweiten und vierten Mittwoch im Monat im Kreativ-Verein. Mit dabei: Vorsitzende Karla Ehl (links).

Quelle: Tanja M. Marotzke

Schönwalde-Dorf. Hätte er doch bloß mehr von dem Mineralwasser getrunken – Johann-Gustav Reinbeck wäre womöglich sehr viel älter geworden als jene 58 Jahre, mit denen er im August 1741 in Schönwalde-Dorf plötzlich verstarb. Der Konsistorialrat und Probst zu Cölln (dem heutigen Berlin), der zeitweise auch das Amt des Beichtvaters der preußischen Könige ausübte, war zu jener Zeit zu Besuch bei Leutnant Otto du Rosey, dem damaligen Gutsherren von Schönwalde. Mit einem Mal bekam er heftige Magenschmerzen, doch „das Mineralwasser, welches er hier trank, schien jene Beschwerden zu heben und von guter Wirkung zu sein.“ So steht es in seiner Biografie. Dort wird uns aber auch mitgeteilt, dass ihn die Gattin des Leutnants einige Tage danach in ein solch interessantes Gespräch verwickelte, „welches er nicht gern unterbrechen wollte“, dass Reinbeck das heilende Wasser nicht länger einnahm und kurz darauf aus dem Leben schied. Er wurde in der Schönwalder Dorfkirche beigesetzt, ein Relief erinnert bis heute an ihn.

Kulturverein sorgt für Vitalität

Heute sorgt in Schönwalde-Dorf nicht mehr das Wasser für Vitalität, sondern der Kulturverein Kreativ, der 2013 sogar als bester Verein in Brandenburg ausgezeichnet wurde. In dessen Räumen treffen sich die Bewohner zum Töpfern, Malen oder zur Literaturgruppe, zum Boule spielen oder einfach nur zum geselligen Miteinander unter dem großen Nussbaum im Hof. „Das Kreativ hält das Dorf am Leben“, sagt Ortsvorsteher Lothar Lüdtke (CDU). Auch die Heimatstube befindet sich dort und ein Raum für Ortschronist Herbert Link. Regelmäßig finden in dem alten Fachwerkhaus Ausstellungen statt, „wir planen jetzt schon für 2020“, erzählt die Vorsitzende Karla Ehl. Mehrmals im Jahr lädt der Verein außerdem zum „Theater in der Scheune“ – Premiere ist in diesem Jahr am 18. Juni.

„Wir wollen ein Treffpunkt für alle Schönwalder sein, nicht nur für die Menschen aus dem Dorf“, sagt Karla Ehl. Trotzdem ist Kreativ e.V. dort ganz besonders verwurzelt. Auch andere Vereine des Ortes nutzen die Räumlichkeiten gerne für ihre Feiern; so veranstaltet dort die Volkssolidarität immer ihr Sommerfest. „Der Verein ist für den Zusammenhalt im Dorf sehr wichtig“, sagt Lothar Lüdtke.

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Der „Ort am schönen Wald“ wurde 1437 erstmals erwähnt. Heute leben dort 1175 Menschen, Tendenz steigend – auch wegen der Flüchtlinge, die in der Unterkunft im Erlenbruch untergebracht sind und damit als Einwohner zählen. Als es den Fliegerhorst noch gab, zählte das Dorf zeitweise sogar 3500 Menschen – und ebenso viele Angora-Kaninchen, die in einer Zucht auf dem Flugplatz gehalten wurden.

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Um den war es in der Vergangenheit auch schon mal besser bestellt. Vor allem beim Thema Pferde ist der Ort gespalten. Für die einen gehören sie zum Landleben dazu; andere ärgern sich über zerrittene Waldwege, über die vielen Bremsen und Pferdeäpfel auf der Dorfstraße. „Mein Eindruck ist, dass sich die Fronten immer mehr verhärten“, so Ortsvorsteher Lüdtke.

Dorfbewohner ziehen an einem Strang

Dabei zeigt die Geschichte, wozu die Dorfbewohner in der Lage sind, wenn alle an einem Strang ziehen. Nach der Wende entwickelten Unternehmer aus dem Ort aus eigener Kraft der Gewerbegebiet im Erlenbruch – ohne auch nur einen Pfennig an Fördermitteln. 15 Firmen taten sich zusammen, kollektiv nahm man zwei Millionen D-Mark in die Hand. „Ich kenne keine andere Gemeinde in Brandenburg, in der ohne Fördermittel ein solches Gewerbegebiet entstanden ist“, sagt Lothar Lüdtke, der mit seinem Baubetrieb selbst beteiligt war.

Angrenzend an das Industriegebiet stehen immer noch die Reste des ehemaligen Fliegerhorsts, in dem die Piloten der Luftwaffe ihre Ausbildung bekamen. Als das Gelände im September 1935 eröffnet wurde, da war vielen Schönwaldern nicht gerade nach Feiern zumute. Nicht, weil sie Fluglärm befürchteten oder ihnen die militärische Aufrüstung Deutschlands zuwider war, sondern weil sie mit der Verwendung von „Hennigsdorf“ als Ortsbezeichnung für „ihren“ Flugplatz nicht einverstanden waren. Damals hieß das Gelände nämlich noch Fliegerhorst Hennigsdorf; erst seit 1. Januar 1936 trug es offiziell den Namen Fliegerhorst Schönwalde. Zeitweise waren in den über 100 Gebäuden 3000 Mann stationiert, hinzu kamen noch einmal rund 500 Zivilisten. Auch eine Angora-Kaninchenzucht mit 3500 Tieren gab es, aus deren Wolle Pullover für die Flieger gestrickt wurde.

Neuer Ortsteil 2003

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bezogen die Sowjets im Fliegerhorst Quartier. Seit deren Abzug 1992/93 verfällt das Areal zunehmend; sämtliche Versuche, dort ein Wohngebiet zu errichten, scheiterten. Seit einigen Monaten leben im Erlenbruch stattdessen Asylbewerber, die die Bevölkerungszahl des Ortes in kürzester Zeit auf 1175 hochschnellen ließen. „So richtig integriert sind sie aber noch nicht“, meint Lothar Lüdtke.

Schönwalde-Dorf wurde erst 2003 zu einem eigenen Ortsteil; vorher bildeten das Dorf und die Siedlung eine Gemeinde. Auch deshalb flossen wenige Gelder zur Förderung des ländlichen Raums in den Ort – denn die Siedlung passte nicht mehr in diese Kategorie. „Wir fühlen uns deshalb aber nicht benachteiligt“, sagt Lüdtke. Auch so könne sich die Entwicklung im Ort sehen lassen. In der Tat: Das Schlossgut, das man in der DDR noch verfallen ließ, erstrahlt in neuem Glanz, seit es vor einigen Jahren von Ingeborg Schwenger-Holst übernommen wurde. Mittlerweile gibt es dort ein Restaurant und Ferienunterkünfte, es finden Poloturniere und Kulturveranstaltungen statt.

Auch die Kirche ist umfassend saniert worden. Zuletzt wurde die historische Wagner-Orgel wiederhergestellt und dabei unter anderem der Blasebalg aufgearbeitet, diverse Pfeifen nachgebaut und Register ausgetauscht. Schönwaldes Bürgermeister Bodo Oehme (CDU) sagte zur Einweihung 2015: „Es gibt nur noch wenige Orgeln, auf welchen man solche Tonschöpfungen hört.“ Der frühere Kantor Harald Dubrowsky beschrieb den Klang der Orgel einmal als kernig, klar, konkret, und doch mit einer wohligen Wärme ausgestattet. Alles Dinge, die auch auf das Dorf und seine Bewohner zutreffen.

Von Philip Häfner

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