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16 Tote und viele Verletzte

Vor 70 Jahren: Schweres Eisenbahnunglück vor Nauen (Teil 1) 16 Tote und viele Verletzte

Kurz nach Kriegsende waren Berliner und Brandenburger schon in Friedensstimmung und mitten in den Aufräumarbeiten, als sich am 10. Oktober 1945 vor dem Bahnhof Nauen ein Bahnunglück ereignete, das sich nun zum 70. Mal jährt. 16 Menschen starben und etliche wurden verletzt, als im Oktober 1945 ein Vorortzug aus Spandau auf einen mit Kohle beladenen Güterzug prallte.

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Auch Charlotte und Hans Dorn kamen ums Leben.

Quelle: Foto: Privat

Nauen. Vor sieben Jahren berichtete die MAZ über ein schweres Eisenbahnunglück in Falkensee mit mindestens 17 Toten und vielen Verletzten, das sich am 3. Dezember 1948 kurz nach 6 Uhr ereignete. Der überfüllte Personenzug P 213 aus Schwerin fuhr, fast ungebremst, auf den in Falkensee wartenden Vorortszug Vt 1002 Spandau West-Nauen auf.

Fast vergessen ist dagegen ein ebenso trauriges Eisenbahnunglück, das sich am 10. Oktober 1945 vor dem Bahnhof Nauen ereignet hat und sich damit nun zum 70. Mal jährt. Kurz nach Kriegsende waren Berliner und Brandenburger schon in Friedensstimmung und mitten in den Aufräumarbeiten. Es war gerade mal etwas mehr als fünf Monate her, dass amerikanische Bomber einen schweren Luftangriff auf Nauen geflogen hatten. Mehr als 80 Menschen starben dabei, der Bahnhof und umliegende Stadtgebiete erlitten schwere Zerstörungen.

Grund hierfür war wohl, dass die Hamburger Bahn bis dahin die letzte befahrbare Strecke aus der eingeschlossenen Reichshauptstadt war. Man kann sich das Aufatmen und die neue Lebensfreude der Bevölkerung in Nauen – trotz aller Repressalien durch die Besatzer – vorstellen, als der schreckliche Krieg am 24. April dort zu Ende war. Man begann nach Verwandten zu suchen und sich „im Frieden“ einzurichten.

Mein Onkel Hans Dorn, ein leitender Ingenieur bei der Brandenburgischen Wasserverwaltung, lebte damals mit seiner Frau Charlotte und drei kleinen Kindern in der Bergstraße 20 „auf dem Berge“, wie die Nauener sagen. Froh darüber, dass die Vorortbahn Spandau-West-Falkensee dreimal täglich wieder fuhr, war das Paar am 10. Oktober zum ersten Mal nach Kriegsende nach Berlin aufgebrochen, um dort Verwandte zu suchen. Die Strecke war nur eingleisig befahrbar, da die Besatzungstruppen ab dem 20. Mai 1945 Nauener Frauen dazu aufgefordert hatten, ein Gleis zu demontieren. Schienen und Schrauben wurden dann in die Sowjetunion transportiert. (Insgesamt sollen bis 1947 12 000 Kilometer Schienen aus Deutschland in die Sowjetunion gebracht worden sein.) Einzig im Bahnhof Nauen selbst gab es ein zusätzliches Ausweichgleis.

Der letzte Zug nach Nauen, der so genannte „Lumpensammler“, hatte an diesem Tag große Verspätung und erreichte Brieselang gegen 22 Uhr. Hier stiegen einige Reisende zu, aber vor allem stiegen viele Personen dort aus, um am Zug entlang zu den vorderen Waggons zu laufen. Dadurch wollte man sich den Weg zum Ausgang im Bahnhof Nauen verkürzen. Es war an diesem Tag eine fatale Entscheidung, wie sich herausstellen sollte.

Der Fahrdienstleiter des Bahnhofs Brieselang Herbert H. gab die Ausfahrt frei, obwohl vor Nauen ein mit Kohle beladener Güterzug stand und auf die Einfahrt wartete. Es war ein sehr langer Zug, dessen Lok sich schon fast im Bahnhof Nauen befand. Aber gerade dieser Abschnitt war etwas abschüssig, so dass die Züge dort besonders schnell fuhren. So war es offenbar auch an diesem Tag. Auf Höhe der Brücke über das Bredower Luch prallte der Vorortzug mit voller Wucht auf die höchstwahrscheinlich unbeleuchteten letzten Wagen des Güterzuges. Lokführer und Heizer sprangen in letzter Sekunde ab und überlebten so.

Beim Aufprall legten sich die ersten beiden Wagen quer und wurden mit den glühenden Kohlen der umstürzenden Lok überschüttet. Im Nu standen sie in Flammen. Diese Wagen hatten, wie damals üblich, einzelne Abteiltüren, die sich verklemmten oder seitlich auflagen. Ein Entkommen war unmöglich und die Opfer verbrannten bei lebendigem Leibe – unter ihnen auch Charlotte und Hans Dorn, auf die zu Hause ihre drei kleinen Kinder und die Mütter des Paares warteten.

Zur gleichen Zeit, am östlichen Rand von Nauen, erwartete auch die Mutter des 16-jährigen Helmut Preuß ihren Sohn. Dieser war noch am 14. März zur Wehrmacht eingezogen worden. Zuvor hatte er lange überlegt, ob er sich bis zum offensichtlich kurz bevorstehenden Kriegsende irgendwo verstecken sollte. Seine Mutter riet ihm aber dringend ab, weil erst vor ein paar Tagen mehrere Jungs in der gleichen Lage gefunden und standrechtlich erschossen worden waren. Preuß wurde nach Waren/Müritz befohlen. Sein Einsatzort sollte die Insel Sylt sein, auf der eigentlich der Krieg schon vorzeitig zu Ende war und keine Kämpfe mehr stattfanden. Die Engländer nahmen es kampflos ein und schickten den Jungen schon kurz nach dem offiziellem Kriegsende am 8. Mai 1945 nach Hause. Auf abenteuerlichen Wegen – per Anhalter, aber meist durch das Aufspringen auf Güterzüge, von denen man aber nie wusste, wo sie hinfahren – schlug er sich nach nur drei Monaten als deutscher Soldat durch bis Eutin. Dorthin hatten sich Verwandte geflüchtet, die wiederum ihre Verwandten einluden, weil sie sich vor den Russen sicher fühlten. Mutter und Schwester aus Nauen und der Vater, Finanzbeamter in Hamburg, trafen sich dort.

Wenig später schon war Helmut Preuß Lehrling bei einem Feinmechanikbetrieb in Finkenkrug und wartete nun am 10. Oktober dort im Bahnhof auf den „Lumpensammler“ aus Berlin. Sonst fuhren meist fünf Lehrlinge gemeinsam zurück nach Nauen und stiegen auch jedes Mal in den ersten Wagen. Nur heute, an einem Freitag, war der Junge allein. Da es schon kühl geworden war, wartete er im angenehm beheizten Warteraum von Finkenkrug und stieg, als sein Zug endlich eintraf, in der Mitte in einen Wagen. Schon müde, beobachtete er den Zughalt in Brieselang, wo wie üblich viele Reisende aus den hinteren Wagen nach vorn umstiegen. Kurz vor der Einfahrt in Nauen gab es plötzlich einen Knall, der Junge flog an die gegenüberliegende Abteilwand, ohne sich jedoch etwas anzutun. Er hörte benommen, wie Wasser rauschte und führte es auf das Bredower Luch zurück, in dem sich der Zug befand. Erst später wurde ihm klar, dass es sich um das Wasser der Lokomotive handeln musste, die jetzt umgestürzt auf dem Gleis lag. (wird fortgesetzt)

Von Ulrich M. Schönknecht

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