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„Seine Vision beeindruckt mich besonders“

Interview mit dem Urenkel von Otto Lilienthal „Seine Vision beeindruckt mich besonders“

Der Flugpionier Otto Lilienthal ist gerade wieder in aller Munde: Die gerade laufende Luftfahrtausstellung ILA steht in seinem Zeichen. Dort traf MAZ auch den Urenkel Wolfgang Lilienthal, der das Erbe seines Ahnen bewahrt.

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Urenkel Wolfgang Lilienthal bewahrt das Erbe des Flugpioniers Otto Lilienthal.

Quelle: Christiane Flechtner

Havelland/Berlin. Sein Name ist auf der ganzen Welt bekannt. Schließlich gilt Otto Lilienthal als der erste Mensch, der erfolgreich und wiederholt Gleitflüge mit einem Flugzeug absolvierte und dem Flugprinzip „schwerer als Luft“ damit zum Durchbruch verhalf. Sogar der Flughafen Tegel ist nach ihm benannt, und die diesjährige Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) steht ganz im Zeichen von „125 Jahre Otto Lilienthal“. Um die Erinnerung an den Luftfahrtpionier aufrecht zu erhalten, ist nun der Urenkel Wolfgang Lilienthal gefragt. So war er am 28. Mai bei den Feierlichkeiten des 168. Geburtstags seines Urgroßvaters am Gollenberg in Stölln und schaut auch auf der ILA vorbei, um sich dort den Nachbau des Lilienthal-Gleiters anzuschauen.

Herr Lilienthal, haben Sie Ihrem Urgroßvater nachgeeifert und beruflich etwas mit der Fliegerei zu tun?

Wolfgang Lilienthal: Nein, gar nicht. Ich bin gelernter Tierarzt, bin aber jetzt in der klinischen Forschung tätig. Das Flugzeug benutze ich häufig als schnelles Verkehrsmittel, aber sonst habe ich mit der Fliegerei eigentlich nichts am Hut. Ich bin auch kein Techniker, wie es mein Urgroßvater war. Schließlich hat er ja in seiner Maschinenfabrik in erster Linie andere Maschinen hergestellt, er erhielt 1881 ein Patent für Schlangenrohrkessel, und zusammen mit einer Wand-Dampfmaschine entstand der Lilienthalsche Kleinmotor, der ab 1883 in einer eigenen Firma in der Köpenicker Straße in Berlin hergestellt wurde. Aber natürlich tüftelte er auch immer an Fluggeräten herum. Und schließlich stellte er ab 1894 auch den Normalsegelapparat in Serie her. Er hatte somit die erste Flugzeugfabrik der Welt.

Was wissen Sie noch von ihm?

Lilienthal: Natürlich habe ich ihn selbst nie kennengelernt, denn er ist ja am 9. August 1896 verunglückt und einen Tag später gestorben, mit gerade einmal 48 Jahren. Mein Großvater, der im Übrigen 92 Jahre alt wurde, hat leider wenig über ihn erzählt. Aber natürlich weiß ich noch einiges über ihn, zum Beispiel, dass er unter sehr armen Bedingungen aufgewachsen ist. Er hat auch, als sein Unternehmen erfolgreich wurde, ein relativ bescheidenes Haus gebaut – und hat als erster Unternehmer in Deutschland die Gewinnbeteiligung eingeführt. Für die Mitarbeiter gab es 25 Prozent vom Gewinn. In Punkto Fliegen hatte er von den Berlinern einen besonderen Spitznamen bekommen: Er wurde „Der Verrückte von Lichterfelde“ genannt. Schließlich hat er sich auch nicht an gesellschaftliche Konventionen gehalten. In Lichterfelde ließ er 1894 einen 15 Meter hohen Hügel aufschütten, den noch heute existierenden Fliegeberg, an dem ihm Tausende Flüge bis etwa 80 Metern Weite gelangen. An Sonntagen haben viele Berliner dorthin ihre Ausflüge gemacht, um ihm bei seinen Flugversuchen zuzuschauen.

Woher kamen seine Ideen?

Lilienthal: Seine Vorbilder waren Vögel. So beobachtete er die Störche und deren Flügelprofile. Er bemerkte, dass die Tiere immer gegen den Wind starten, und ihre Flügel starr machen, sobald sie in der Luft schweben. Bereits im Gymnasium begann das Interesse daran, einen Vogel nachzubauen. Und schon in den Jahren 1867 und 1868 baute er mit seinem Bruder Gustav an ihrem Geburtsort Anklam erste Experimentiergeräte zur Erzeugung von Auftrieb durch Flügelschlag. Zu den entscheidenden Experimenten wurden die darauf folgenden Untersuchungen des gewölbten Flügels in der Luftströmung ohne Flügelschlag. Schon bald machte er einen erfolgreichen Gleitflug möglich. Ab 1893 wurden mehrere Hügel in den Rhinower Bergen bei Stölln, zwischen Rathenow und Neustadt (Dosse) zum Übungsgelände. Dort gelangen meinem Urgroßvater bereits Flugweiten bis 250 Metern. Mich zieht es immer wieder dorthin, zuletzt am 28. Mai. Zur Erinnerung an die großen Leistungen Otto Lilienthals wurde zu seinem 168. Geburtstag und dem Flugzeug IL 62 „Lady Agnes“ eine Festveranstaltung am Gollenberg durchgeführt. Ich war mit meiner Familie dort und habe mir auch die Lady Agnes angeschaut, die der frühere Interflug-Pilot Heinz-Dieter Kallbach am 23. Oktober 1989 auf der Wiese in Stölln landete.

Die ILA Berlin Air Show würdigt derzeit ein bemerkenswertes Jubiläum der Luftfahrt. Vor 125 Jahren flog Otto Lilienthal als erster Mensch in einem Flugzeug. Werden Sie auch auf der ILA anwesend sein?

Lilienthal: Ja, denn das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt zeigt erstmals in der Öffentlichkeit einen originalgetreu nachgebauten Lilienthal-Gleiter. Die Gesellschaft zur Bewahrung von Stätten deutscher Luftfahrtgeschichte e. V. dokumentiert außerdem die Leistungen meines Urgroßvaters in einer Ausstellung. Das möchte ich mir natürlich ansehen.

Haben Sie noch Erinnerungsstücke von Ihrem Urgroßvater?

Lilienthal: Leider kaum, denn sein gesamter Nachlass ging an die Museen, zum großen Teil an das Otto-Lilienthal-Museum in Anklam. Aber ich habe noch ein erstes Buch „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“ zu Hause, in dem noch Bleistiftkorrekturen von Otto zu lesen sind.

Was beeindruckt Sie besonders an ihm?

Lilienthal: Ich glaube, seine Vision beeindruckt mich besonders: Wenn der Mensch durch den Flug die Grenzerfahrung überwinden könne, dann gäbe es auch keine Grenzen und auch keine Kriege mehr. Was natürlich in diesem Zusammenhang fatal ist, denn Flugzeuge wurden ja später und werden auch heute noch als Kriegswaffen eingesetzt. Aber es ist schon so, dass Otto mich inspiriert hat, Grenzen gedanklich zu überschreiten. Den Mut zum körperlichen Risiko hatte ich jedoch nie. Das liegt aber sicher auch daran, dass mein Vater, als ich 14 Jahre alt war, am 10. August 1971 beim Bergsteigen tödlich verunglückt ist – genau 75 Jahre, nachdem mein Urgroßvater verunglückt ist. Solche Ereignisse haben mich geprägt, und gewisse Risiken würde ich nicht eingehen.

Was würden Sie sich wünschen?

Wolfgang Lilienthal: Ich würde gerne in die Zeit zurückreisen, um ihn kennenzulernen und ihm ein paar Fragen zu stellen. Das stelle ich mir hochinteressant vor. Er muss einen ganz individuellen, besonderen Charakter gehabt haben und war ja, wie ich auch, künstlerisch veranlagt. Er war so vielseitig, war Maler, hat sich außerdem bildhauerisch betätigt. Mit ihm hätte man sicher auch Pferde stehlen können. Und anders herum wäre es bestimmt ungeheuer spannend, wenn er noch die Möglichkeit hätte, ins Heute zu kommen und zu sehen, dass mittlerweile alle fliegen können.

Von Christiane Flechtner

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