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Sven Bauer floh 1988 aus Premnitz

„Mit fünf Mark in den Westen“ Sven Bauer floh 1988 aus Premnitz

Es sei ihm nicht um materielle Dinge gegangen, sondern um die persönliche Freiheit, sagt Sven Bauer rückblickend. Er wollte sich nicht einsperren lassen und fasste 1988 den Entschluss, sein Heimatland – die ehemalige DDR – zu verlassen. Das Abenteuer seiner Flucht hat er pünktlich zu seinem 50. Geburtstag in einem Buch niedergeschrieben.

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Sven Bauer und links im Hintergrund ein Stück der Berliner Mauer – signiert von Udo Lindenberg.

Quelle: Privat

Premnitz. Sven Bauer erinnert sich gerne an seine Kindheit. Mit seiner Familie hat der heute 50-Jährige in Premnitz direkt an der Havel gewohnt. „Wir waren nur draußen und haben oft am Wasser gespielt“; erinnert sich Bauer. „Es war eine schöne Zeit, ich habe nichts vermisst.“ Dennoch fasste der selbstständige Terrassenbauer als Heranwachsender den Entschluss, sein Heimatland – die ehemalige DDR – zu verlassen. Er floh in den Westen. Seine Geschichte hat er in einem Buch mit dem Titel „Mit fünf Mark in den Westen“ aufgeschrieben.

Dass es zwischen DDR und BRD Unterschiede gibt, habe er schon als Kind gemerkt, sagt Bauer. „Wir hatten Verwandte in der Bundesrepublik, aber mir war es eigentlich egal, ob die Schokolade in lila Papier eingepackt ist oder nicht.“ Als dann in der siebten und achten Klasse auch vermehrt Politik auf dem Stundenplan stand, habe er gemerkt: „Hier wird reglementiert“, sagt Bauer. „Das war nicht mein Ding, ich wollte reisen und die Welt sehen.“

Mit dem Zug nach Bulgarien – für 360 Mark

Bis sich der Entschluss festigte, seiner Heimat tatsächlich den Rücken zu kehren, sind dann noch ein paar Jahre vergangen – „1988 habe ich ernsthaft über Flucht nachgedacht“, erzählt Bauer. Damals sei einem seiner Freunde auch die Flucht gelungen und „noch mehr einsperren lassen wollte ich mich nicht“. Im August traf er bei einem Urlaub in Ungarn auf Leute, „die schon über einen Monat dort waren – das war kein Urlaub mehr, die haben nur darauf gewartet, dass die Grenzen auf gehen“, berichtet Bauer. Dann habe auch für ihn festgestanden, sofort nach dem Urlaub ein neues Visum zu beantragen und abzuhauen – nach Bulgarien, denn eine erneute Reise nach Ungarn in so kurzer Zeit wäre aufgefallen.

„Ich hatte früh das Ziel gefasst, mich selbstständig zu machen. Ich wollte auch studieren, aber nicht unter der Bedingung, dass ich vorher drei Jahre zur Armee gemusst hätte“, sagt der zweifache Familienvater. Sein Visum nach Bulgarien bekam er innerhalb von drei Wochen. Um nicht aufzufallen, kaufte er sich nicht nur eine Hin-, sondern auch eine Rückfahrkarte für den Zug – die kostete damals 360 Mark. „Dann war der Puls natürlich auf 180, man lässt alles stehen und liegen“, erinnert sich Bauer.

Nachdem die Grenze passiert war, knallten die Sektkorken

Die Zugfahrt von Berlin nach Bulgarien dauerte 18 Stunden – „das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“. Und man habe auch nie gewusst, was in den 18 Stunden passiert. Am Bahnhof traf Bauer einen jungen Mann. „Wir wussten beide voneinander, dass wir auf der Flucht waren, haben aber nicht darüber gesprochen“, erinnert sich der Ex-Premnitzer. Wenn er gefragt wurde, wohin seine Reise ginge, gab er an, auf eine Hochzeit in Bugarien zu wollen, sagt Bauer.

In der Nacht passierte der Zug die Grenze. „Am nächsten Morgen wurde es richtig laut im Zug, da haben echt die Sektkorken geknallt“, erzählt Bauer. Statt bis zu seiner Endstation Bulgarien zu fahren, stiegen Bauer und sein Weggefährte kurz nach der Grenze aus dem Zug aus und fuhren mit dem Taxi zurück in Richtung deutsch-österreichische Grenze. „Da sind wir dann erstmal durch den Wald gestiefelt und irgendwann haben wir die Grenzanlagen gesehen. Sonst war kein Mensch zu sehen und einen Kilometer entfernt war Österreich“, sagt Bauer.

„Wenn du kannst, dann hau ab“, hatte Bauers Mutter immer gesagt

Es folgte eine Wartezeit im Straßengraben – die Angst, die Grenze einfach zu überqueren, sei doch noch da gewesen. Schließlich habe der Schießbefehl gegolten. Irgendwann sei ein Trabi mit jungen Leuten unbehelligt über die Grenze gefahren. Das war für Bauer und seinen Kumpanen der Startschuss, auch loszulaufen. „Je näher wir an die Grenze kamen, umso höher stieg das Adrenalin“, sagt Bauer. „Ich dachte ’Entweder es kracht oder es kracht nicht’.“ Es hat nicht gekracht und Sven Bauer hat es nach Österreich geschafft.

Von dort ging es weiter nach Passau, wo Bauer erst mal seine Mutter angerufen und ihre von seiner erfolgreichen Flucht berichtet hat. Der damals 23-Jährige wusste, dass er weiter nach Eberbach (Baden-Württemberg) wollte – dort wohnte bereits einer seiner Freunde. „Ich hab innerhalb von fünf Tagen Arbeit gefunden, in der Gastronomie. Nach acht Jahren habe ich mich als Terrassenbauer und -gestalter selbstständig gemacht.“

Von seiner Flucht gewusst haben damals nur seine Mutter, seine damalige Freundin und jetzige Frau und ein Freund. „Meine Mutter hat mich immer unterstützt und gesagt: ’Wenn du kannst, dann hau ab’“, sagt Bauer. „Es ging mir nicht um materielle Dinge – mehr als drei Sorten Wurst kannst du am Abend auch nicht essen.“ Die persönliche Freiheit sei das Wichtigste gewesen, sagt Bauer rückblickend.

Keine Rückkehr mehr

Sven Bauer lebt auch heute noch in Eberbach in Baden-Württemberg. Dort kam er 1988 nach seiner Flucht an und machte sich 1998 als Terrassenbauer und -gestalter selbstständig. Seine damalige Freundin und jetzige Frau folgte ihm wenig später, als die Mauer bereits gefallen war. Sven Bauer hat einen 17-jährigen Sohn und eine 13-jährige Tochter.

1992 hatte Bauer gemeinsam mit einem Freund überlegt, zurück in seine alte Heimat zu ziehen. Beide wollten sich in Rathenow selbstständig machen. „Aber dafür hätten wir drei Meisterabschlüsse gebraucht und somit ist das Projekt gescheitert.“

Von Josephine Mühln

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