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Täglich 3 Tonnen Lebensmittel für die Tafel

Interview mit Marina Sult Täglich 3 Tonnen Lebensmittel für die Tafel

Bei der diesjährigen MAZ-Weihnachtsaktion sammeln die Leser Geld für den Verein Nauener Tafel, der neue Gefriertruhen benötigt. Marina Sult, sie gehört seit Dezember 1999 dem Vorstand an, über „Schmeckerchen“, Absagen und überraschende Spenden.

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Marina Sult

Quelle: Tanja M. Marotzke

Nauen. Am 15. Dezember 1999 wurde der Verein „Nauener Tafel“ ins Leben gerufen. Seit dem ersten Tag gehört die Ketzinerin Marina Sult als Leiterin dem Vorstand an. Neben dieser ehrenamtlichen Arbeit ist sie beim Humanistischen Freidenkerbund Havelland fest angestellt.


MAZ
Sie haben in Nauen in der Lebensmittelausgabe, der Kleiderkammer oder der Suppenküche ständig mit Menschen zu tun, die auf fremde Hilfe angewiesen sind. Ist das nicht bedrückend? Wie gehen mit dieser Situation um?

Marina Sult : Es freut mich, jeden Tag sozial nicht so gut gestellten Leuten ein Stückchen helfen zu können. Es freut mich auch, wenn unser Team dafür mal ein Dankeschön bekommt oder ein Lächeln. Aber es hat sich im Laufe der Jahre auch die Einstellung einiger Bedürftiger geändert. Der eine oder andere tritt in der Lebensmittelausgabe fordernd auf, beklagt sich, wenn er ein bestimmtes Produkt nicht bekommen kann. Das ist nicht so schön. Inzwischen habe ich aber auch gelernt, dann meine Meinung zu sagen und nicht alles zu schlucken.

Sieben Ausgabestellen für Lebensmittel gibt es im Osthavelland. Sie koordinieren, mit Ausnahme von Falkensee, alle. Sie sind also eine Art Managerin...

Sult : Kann man sagen. Ich muss Überblick über die Waren und die Termine zum Abholen und Ausfahren der Lebensmittel im Kopf haben. Dafür habe ich mir Listen angefertigt. Denn wir dürfen die Spender der Lebensmittel, vor allem die Großmärkte und Bäckerein, nicht versetzen. Sonst rufen die nicht wieder an. Wenn wir Ware am Sonnabend um 19.30 Uhr irgendwo abholen können, dann fährt dort einer hin und holt sie ab.

Wie viele Mitarbeiter und Fahrzeuge gibt es bei der Nauener Tafel?

Sult : Wir sind zwei fest Angestellte, etwa 20 ehrenamtliche Helfer und sechs geförderte Stellen aus dem Bundesfreiwilligendienst. Ohne die würde alles zusammenbrechen. Mit unseren Fahrzeugen, darunter vier Kühltransporter, werden täglich im Schnitt drei Tonnen Lebensmittel bewegt und etwa 1800 Haushalte im Osthavelland versorgt. Tendenz steigend. Nicht nur wegen der Flüchtlinge.

Apropos Flüchtlinge. In Nauen helfen derzeit sogar Asylsuchende aus Eritrea mit aus...

Sult : Darauf sind wir stolz, denn trotz der Sprachschwierigkeiten läuft das prima. Die Frauen und Männer kommen fast täglich aus Friesack mit dem Bus, packen beim Sortieren, beim Ausgeben und in der Suppenküche an. Im Moment sind sie aber beim Deutschkurs gebunden.

Als die Nauener Tafel gegründet wurde, starteten sie praktisch bei Null. Wenig Geld, kaum einer kannte den Verein, es gab keine Fahrzeuge. Wie kam die Sache ins Rollen?

Sult : Ich weiß noch, dass meine damaligen Kollegin und ich zu Weihnachten 1999 allein hier in den Räumen der Ritterstraße saßen. Damals gab es nur die Suppenküche, aber auch zum preiswerten Mittagessen kam keiner. Sie ist dann oft auf die Straße gegangen, hat Leute angesprochen. Die haben rumerzählt, dass es jetzt die Tafel gibt und was dort passiert. Dann wurde es langsam.

Und Sie hatten Glück mit dem ersten Fahrzeug...

Sult : 2001 verschenkte die Hamburger Tafel ein fast neues Fahrzeug. Eigentlich wollten wir uns dafür gar nicht bewerben. Dann haben wir doch einen Dreizeiler gefaxt. Irgendwann später kam ein Anruf, dass die Nauener Tafel das Auto bekommt. Mir standen die Tränen in den Augen, als wir in Hamburg der Transporter abgeholt haben. Die hatten den mit einer riesigen Schleife umwickelt und mit Lebensmitteln vollgepackt. Und alles nur deshalb, weil die dortige Leiterin zu DDR-Zeiten auf ihren Besuchsreisen über die B 5 durch Nauen gefahren ist und sich an dieses schöne Städtchen erinnerte.

Wie schaffen Sie es, die vielen Lebensmittel immer wieder zu bekommen?

Sult : Es hat mich am Anfang viel Überwindung gekostet, aber ich musste das Telefon nehmen, fremde Leute anklingeln und fragen. Der Havelpark war einer der ersten Großmärkte, die uns geholfen haben. Aber es gab auch viele Absagen und Rückschläge. Heute ist die Liste unserer Spender zum Glück lang. Auch zwei Berliner Großmärkte gehören dazu. An vier Wochentagen holen wir Ware, auch samstags. Aber wir wissen nie, wie viel oder was wir bekommen. Manchmal sind auch besondere Schmeckerchen dabei, wie Lachs oder Muscheln.

In den Ausgabestellen werden die Lebensmittel, nachdem sie vorher sortiert und eingelagert wurden, an die Bedürftigen verteilt, aber nicht verschenkt, oder?

Sult : Wir sagen, die Leute erhalten die gespendeten Waren und geben dafür eine Spende. Die Höhe richtet sich nach dem Inhalt und der Menge. Pro Person sind das zwischen drei und neun Euro.

Ein Wort zur Kleiderkammer. Gibt es genug Spender, gerade jetzt im Winter?

Sult : Wir haben viele Sachen im Bestand. Aber man kann ja nie Sachen in allen Größen haben. Für eine gut funktionierende Kleiderkammer sind die richtigen Partner wichtig. Ein Beispiel: Per Zufall sind wir vor Jahren mit einigen Filmfirmen aus Babelsberg in Kontakt gekommen. Dann ruft plötzlich jemand an und fragt, ob wir sämtliche Kleidung aus einer abgedrehten Serie inklusive der dort verwendeten Möbel haben möchten? Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Dann haben Sie uns die Sachen auch noch hergebracht. Fantastisch. So etwas passiert natürlich nicht jede Woche. Aber es passiert.

 

Von Jens Wegener

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