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Unter der Gürtellinie

In einem sonderbaren Missbrauchsfall wurde der Angeklagte freigesprochen Unter der Gürtellinie

Am Ende gab es vor dem Amtsgericht Nauen einen Freispruch, und C. atmete auf. Es hätte ganz anders kommen können: Zwei Jahre Gefängnis standen im Raum. Oder sogar mehr. Denn er hatte sich an seiner einst besten Freundin vergangen - und dies auch zugegeben.

Nauen. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm, dem 35 Jahre alten Mechaniker, vorgeworfen, sich an seiner einst besten Freundin sexuell vergangen zu haben, was C. auch einräumte. Ja, er und seine Freundin A. seien am fraglichen Tag zu einer Party gegangen, sagte er dem Richter. A. habe bei ihm übernachtet, und ja, als A. schlief, habe er sich hinter sie gelegt, sie gestreichelt und berührt, auch dort, wo man beste Freunde normalerweise nicht berührt. Womöglich kam es auch zum Sex. Allerdings, sagt C., habe er irgendwann angenommen, dass seine Freundin wach ist - und dass sie das alles vielleicht sogar mag, das Streicheln, das Anfassen.

A. war tatsächlich wach, aber sie mochte es ganz und gar nicht.

Es war ein schwieriger Fall, den das Schöffengericht in Nauen in dieser Woche zu verhandeln hatte, ein höchst privater noch dazu. Eine enge Freundschaft zerbrach in der fraglichen Januarnacht, eine junge Frau wurde traumatisiert, ein Junggeselle fummelte sich in eine heikle Situation. Die Frage, auf die sich die ganze Geschichte verdichtete, war: Ging C. bei seinen Annäherungsversuchen tatsächlich davon aus, dass seine Freundin wach ist und sich also hätte wehren können? Und dass sie seine Fummeleien billigte, weil sie genau das nicht tat?

Dem Gericht blieb letztlich nichts anderes übrig, als C. zu glauben. Denn A.s Zeugenaussagen blieben vage. Die junge Frau, 24, konnte sich an die Details aus der Nacht nicht mehr erinnern, und wollte es auch nicht. Schlief sie noch, als der Freund ihren Busen berührte? Vielleicht. Bekam sie mit, wie C.s Hände sich gen Süden bewegten? Womöglich. Oder wurde sie erst wach, als C. schon sämtliche Gürtellinien und Grenzen des Hinnehmbaren überschritten hatte? "Ich habe das alles verdrängt", sagte A.

Erinnern konnte sie sich nur daran, wie alles begann: Sie sei traurig gewesen und wollte die Nacht bei C. verbringen. Sie hatte gerade ihren Partner verlassen, brauchte einen Freund. C. bot ihr das Sofa an, wie er es schon öfter getan hatte. Dafür schätzte sie ihn.

Er schätzte sie auch, unter anderem, weil sie gut aussah. Er wollte aber mehr als Freundschaft, hatte ihr indirekt schon Avancen gemacht. Auch an jenem Tag. "Na, Mäuschen, Sex?", will er beiläufig gefragt haben. Sie habe nur gelacht, sagt er. Abends dann habe sie sich vor ihm ausgezogen bis auf den Slip. Dann sei sie auf dem Sofa eingeschlafen.

A.s Erinnerungen daran sind schwammig, und vom Aufwachen weiß sie nur noch, dass sie geschockt war. Dermaßen geschockt, dass sie sich weiter schlafend stellte und den Freund gewähren ließ. Unterm Kopfkissen habe sie die Faust geballt. Mehr Gegenwehr sei nicht möglich gewesen. Irgendwann rückte sie etwa ab. C. verstand wohl den Wink. Er hörte auf, schlief ein. A. verschwand aus der Wohnung, aus C.s Leben, ging zum Therapeuten, redete viel, lernte zu vergessen, bekam Mittel gegen Depressionen und gegen Schlafstörungen, die sie bis heute nehmen muss. Ein Exfreund im Zeugenstand: "Sie ist nicht mehr die Frau, die ich mal kannte."

Trotzdem plädierte letztlich auch die Staatsanwältin auf Freispruch. "Verdrängen ist menschlich, aber um eine Freiheitsstrafe zu verhängen, reicht die Aussage nicht." Dem schloss sich der Richter an. Vieles spreche dafür, dass C. tatsächlich glaubte seine Fummeleien seien einvernehmlich. "Das ist nicht strafbar."

C.s Entschuldigung klang am Ende hilflos, zumal A. längst den Raum verlassen hatte. "Es tut mir leid", sagte er. "Ich dachte, es wäre ok."

Von Oliver Fischer

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