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Havelland Viel Grün und gute Nachbarschaft
Lokales Havelland Viel Grün und gute Nachbarschaft
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06:15 09.05.2016
Zwei Frauen, die sich sehr für ihren Ort engagieren: Marianne Schulze (r.) und Michaela Belter. Quelle: Andreas Kaatz
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Zeestow

Wer anfängt zu stänkern, hatte beim Gastwirt im ehemaligen Gutshaus keine guten Karten. So erzählen sich die Zeestower noch heute die Story, als er das Gemüt eines unverträglichen Zechbruders kurzerhand abkühlte. Weil der keine Ruhe gab, richtete er den Schlauch von der Gläserspülung mal eben in Richtung Tisch. Dann war Ruhe.

Ruhe ist in dem zu DDR-Zeiten als Kulturhaus genutzten Gebäude auch heute, mehr als den Zeestowern lieb ist. Denn der historische Bau, in dem sich unter anderem ein Saal befindet, dämmert seit Jahren vor sich hin. Nachdem zwei Frauen ihr Gastronomie-Konzept nicht umsetzen konnten, war das Haus 1996 an einen Investor verkauft worden. „Der wollte dort eine altengerechte Versorgung einrichten. Aber wir waren wohl zu vorsichtig gewesen“, sagt Marianne Schulze, die als Vierjährige 1955 nach Zeestow kam. Das Projekt platzte. „Seitdem steht das Haus leer“, sagt die langjährige Bürgermeisterin und Ortsvorsteherin, die sich altengerechtes Wohnen durchaus auch heute noch vorstellen könnte.

Impressionen aus Zeestow

Nicht zuletzt würde mit einer Sanierung des Gutshauses auch ein Stück Geschichte erhalten werden. Die reicht übrigens bis ins Jahr 1346 zurück, als der Ort als Zcesto erstmals erwähnt wurde. 1996 gab’s die 650-Jahr-Feier. Zeestow verfügte im Laufe der Zeit über Rittergüter und seit 1890 über eine Schule, die Ende der 50er-Jahre dicht machte. Ebenfalls 1996 wurde der 100. Geburtstag der Freiwilligen Feuerwehr gefeiert, von der heute aber neben dem alten Spritzenhaus nur noch die Alters- und Ehrenabteilung besteht.

Ihr gehört auch Wolfgang Gottschalk an. Der 67-Jährige ist in Zeestow geboren, seine Familie seit mehreren Generationen dort sesshaft. „Ich bin ein Zeestower Urgestein“, sagt er. Sein Urgroßvater war Hufschmied, hatte 1876 von dem Schmiedemeister, bei dem er als Geselle tätig war, Schmiede und Äcker gekauft. Auch sein Großvater schürte bis in die 30er-Jahre das Schmiedefeuer, bis es sich nicht mehr lohnte. Gutsbesitzer Alwin Schurig hatte plötzlich seinen eigenen Schmied, ein großer Kunde brach weg. Gottschalks Vater war im Maschinenbau tätig, er selbst studierte Chemie und arbeitete im Gummiwerk in Brieselang. Er liebt die Natur rund um Zeestow und schätzt die Nachbarschaft im Ort. „Man hilft sich einander.“

Zu DDR-Zeiten lebten die Zeestower vor allem von der Landwirtschaft. Mit der Wende 1989 änderte sich das. Es gab Entlassungen, auch für Zeestow stand ein Strukturwandel an. „Es ging völlig vom landwirtschaftlichen in den gewerblichen Bereich“, sagt Marianne Schulze. Bei ihr zu Hause steht noch der goldfarbene Spaten vom ersten Spatenstich fürs Zeestower Gewerbegebiet 1994, eines der ersten im Land. Das „Gold“ fängt an abzublättern, das Gewerbegebiet indes entwickelt sich. Viele Firmen schätzen die Lage an der B 5.

Nicht ganz so gut klappte es mit dem geplanten Wohngebiet auf der anderen Seite der Autobahn, wo nur Acker war. „Da haben wir schon 1990 den Erschließungsvertrag mit Investor Theodor Seifert geschlossen“, sagt Marianne Schulze. „Die Bedingungen waren super.“ Zeestow übernahm voll erschlossene Grundstücke etwa für Schule und Kita, Kosten fielen keine an. Die Schule entstand, die Wohnbauflächen blieben größtenteils leer. Mittlerweile interessiert sich ein neuer Investor für das Areal, das an Brieselang-Süd angrenzt.

Apropos Brieselang. Erst bildete man 1992 mit dem Nachbarn und Bredow zusammen ein Amt, dann sollten die kleinen Orte 2003 eingemeindet werden, was nur unter Zwang gelang. Zur Erklärung sagte Marianne Schulze: „Zu DDR-Zeiten sollte der Ort langsam leergezogen werden, es gab keine Baugenehmigungen mehr. Dann haben wir zur Wende gesagt: Wir müssen die Gunst der Stunde und die Möglichkeiten nutzen, die das Baurecht bietet, müssen schneller sein als andere.“ Das klappte recht gut. Die Zeestower haben gemerkt, dass sie selbst etwas bewegen können. Da fiel es schwer, die gewonnene Selbstständigkeit wieder aufzugeben.

Von der damaligen Dorfentwicklungskonzeption zehren sie noch heute, wie die jetzige Ortsvorsteherin Michaela Belter sagt. Sie hofft zudem, dass das Problem des Lkw-Verkehrs durch den Ort, der seit der Wende immer mehr zugenommen hat, bald der Vergangenheit angehört. Die geplante Verlegung der L 202 könnte eine Lösung sein, dürfe aber nicht dazu führen, dass andere über Gebühr belastet werden. Sie ist zudem froh, dass die Kirche jetzt Autobahnkirche ist. „Es war bitter zu sehen, wie sie verfällt.“ Aber sie sieht Zeestow immer noch nicht auf Augenhöhe mit Brieselang – auch wenn zuletzt ein neuer Spielplatz, die Bushaltestelle und der Gehweg entstanden sind.

Immerhin hat Zeestow seit Jahren einen Anlaufpunkt für Gäste aus aller Herren Länder – den Zeltplatz am Havelkanal. „Es ist der erste Campingplatz in Brandenburg, der neu errichtet wurde“, sagt Kurt Kautz, der ihn gemeinsam mit seiner Familie betreibt. Vor ein paar Jahren waren dort mal innerhalb eines Monats Gäste aus 23 Ländern, selbst aus Südkorea und Argentinien. Manche bleiben, um sich Berlin anzusehen, andere reisen am nächsten Morgen wieder ab. Vor allem Dauercamper sind in Zeestow zu finden. „Die Gemeinde hatte uns damals sehr unterstützt, damit wir die Baugenehmigung erhalten“, sagt Kautz. Ein anderer nicht so bekannter Ort ist das Wildgehege am Schnitterweg. Dort hält Oliver Dreikant seit 2003 Wildschweine und Kamerunschafe. Wie er sagt, kommen vor allem viele Dorfbewohner dorthin, um die Tiere zu füttern. „Den Schweinen geht’s dort herrlich“, so Dreikant, der dort bald auch Damwild halten will. Zudem soll eine Falknerei entstehen.

Zwar gibt es seit zwei Jahren das Maifest nicht mehr, dafür aber seit 2014 den aus einer Sommerfestlaune heraus gegründeten Adventsmarkt. „Da saßen 30 Leute, die gesagt haben, wir machen mit“, sagt Michaela Belter. Und damit Zeestows Historie weiter aufgearbeitet wird, hat sich unlängst auch ein Geschichtsverein gegründet, für den noch Mitstreiter gesucht werden, wie Marianne Schulze sagt. Die erste Ausstellung soll es auch bald geben.

Von Andreas Kaatz

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