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Was hat die Stasi in Rathenow getrieben?

Stasi-Akten: Andrang zur Beratung im Rathenower Rathaus Was hat die Stasi in Rathenow getrieben?

Über die Verbrechen der Stasi wurde oft berichtet. Was aber in der eigenen Region, der eigenen Stadt passierte, wo spioniert wurde und welch absurde Decknamen sich die Spitzel gaben, das wird nur selten öffentlich beleuchtet. Rüdiger Sielaff, Leiter der Außenstelle der Bundesbehörde in Frankfurt gab am Dienstag im Rathenower Rathaus interessante Einblicke.

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Rüdiger Sielaff sprach vor äußerst interessierten Rathenowern.

Quelle: Christin Schmidt

Rathenow. Man könnte meinen mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall sei das Thema Stasi-Akten so oft besprochen worden, dass es kaum noch Redebedarf gibt. Dass dem nicht so ist, wurde am Dienstag im Rathenower Rathaus deutlich. Dort wollten sich bereits am Vormittag Bürger informieren und einen Antrag auf Akteneinsicht stellen. Dabei hatten sich die Mitarbeiter der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStG) von der Außenstelle Frankfurt (Oder) erst für den Nachmittag angekündigt.

Von 14 bis 19 Uhr beantworteten sie Fragen rund um die persönliche Akteneinsicht und die Nutzung der Stasi-Unterlagen. Viele nutzten dieses Angebot, stellten Anträge oder ließen sich zu ihren eventuell vorhandenen Stasi-Unterlagen beraten.

Die Geschichten aus der eigenen Stadt berühren

„Nach wie vor kommen Menschen mit großer innerer Anspannung und Problemfeldern, da muss man sich Zeit nehmen und manchmal einfach nur zuhören“, sagt Rüdiger Sielaff, Leiter der Außenstelle. Der gebürtiger Stendaler weiß wovon er spricht. Er hat die DDR selbst erlebt, bis 1985. Dann reiste er aus. Heute lebt er in Berlin. Seit 14 Jahren arbeitet er für die Behörde und hat seither unzählige Stasiakten gelesen, auch einige aus Rathenow. Über die Geschichten, Kuriositäten und Gemeinheiten, die er darin fand, sprach Sielaff in einem eineinhalbstündigen Vortrag am späten Dienstagnachmittag im Rathaus.

Stasi-Akten - bis heute ein Thema

Jeder hat das Recht auf Zugang zu Stasi-Material, dass ihn selbst betrifft.

Wer einen Antrag auf Akteneinsicht stellt, benötigt eine Identitätsbescheinigung. Diese wird bei Vorlage eines Personaldokuments gleich vor Ort erstellt, was den Weg zur Meldebehörde erspart.

Wer die Bürgerberatung verpasst hat, kann sich auch direkt bei der Außenstelle Frankfurt (Oder) telefonisch darüber informieren, wie der Antrag auf Akteneinsicht gestellt werden kann.

Seit 1991 wurden sieben Millionen Anträge gestellt. Etwa 6000 Anträge kommen jeden Monat neu hinzu. Eine Ende der Arbeit ist nicht in Sicht.

Mehr Infos auf www.bstu.de. Hier kann auch ein Antrag auf Akteneinsicht heruntergeladen und ausgedruckt werden.

Damit stieß er auf großes Interesse . Mehr als 70 Menschen wollten dabei sein, jeder Platz im Sitzungssaal war besetzt, einige lauschten sogar vom Flur aus.

„Bändchenfahrer“ trugen in Rathenow grün

57 laufende Regalmeter Papier gibt es allein für den Altkreis Rathenow. Die Unterlagen stammen aus der Zeit zwischen 1953 und 1989. Damit ist die Aktenlage relativ gut. Wie überall, wurde sicher auch hier ein Teil der Akten vernichtet, mutmaßt Sielaff. In den Papierbergen finden sich berichte über Treffen des Neuen Forums - ein Sammelbecken für Unzufriedene - der CDU oder der Zeugen Jehovas.

Für Verwirrung sorgten in Rathenow grüne Bändchen an einigen Autos. Ein weißes Bändchen war gemeinhin bekannt als Zeichen für all jene, die das Land verlassen wollten. Die wurden natürlich auch beobachtet. Warum sich in Rathenow grüne Bändchen durchgesetzt hatte, fragt sich Rüdiger Sielaff bis heute. Auch die Stasi kam diesem Phänomen nicht auf die Spur. Wer der falschen Berufsgruppe angehörte oder den falschen Mann liebte wurde ebenso beobachtet wie Anhänger bestimmter Musikgruppen. In Rathenow hatten die Spitzel zum Beispiel eine Heavy-Metal Band auf dem Kieker. Mitglieder der Band waren am Dienstag nicht unter den Zuhörern oder gaben sich nicht zu erkennen.

Etwas zwei Prozent der Bevölkerung waren Spitzel

„Die Stasi legte sich wie eine Krake übers Land, dennoch war die DDR kein Staat, der nur aus Spitzeln bestand“, betonte Sielaff. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung arbeiteten direkt oder indirekt mit der Staatssicherheit zusammen. Die Liste, die Sielaff vorbereitet hatte war sehr lang. Mehrere Stunden hätte er mit dem Material füllen kann.

Für den Abschluss der Veranstaltung nach knapp zwei Stunden hob sich Rüdiger Sielaff eine besonders kuriose Geschichte mit einem Rätsel auf. 1989 hatte ein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi ein Treffen des Neuen Forums - ein Sammelbecken für Unzufriedene - in Rathenow besucht und fleißig notiert, was er beobachtete. Am Ende vermerkt er, dass die Teilnehmer das Lied „Bodernow bis Bratsen“ singen wollen. Das zumindest hatte er verstanden. Wie eine pfiffige Dame aus dem Publikum schnell herausfand, muss es sich dabei um den Kanon „Dona nobis pacem“gehandelt haben.

„Es ist schön, dass wir über diese Dinge lachen können. Genauso wichtig ist es, dass wir uns erinnern und denen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die Unrecht erfahren haben“, mahnte Sielaff.

Von Christin Schmidt

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