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Werwolf wurde ihnen zum Verhängnis

Vor 70 Jahren: Hinrichtung in Dallgow Werwolf wurde ihnen zum Verhängnis

Vor 70 Jahren: Am 13. August 1945 wurden bei Dallgow sechs Jugendliche hingerichtet. Ein sowjetisches Militärgericht in Elstal hatte sie verurteilt, weil sie unter dem Verdacht standen, der Werwolf-Organisation anzugehören.

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Mai 1945: Smersch-Offiziere im Olympischen Dorf Elstal.

Quelle: Sammlung Krüger

Dallgow-Döberitz . Schon der Verdacht reichte für ein Todesurteil. Zumindest vor 70 Jahren. Am 13. August 1945 wurden südwestlich von Dallgow sechs Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren hingerichtet, weil sie der Werwolf-Organisation angehört haben sollen.

Der Ort ihrer Hinrichtung und der Ort ihrer Gräber, wenn man es so nennen kann, sind bis heute nicht bekannt. Anderes über die Ereignisse vor 70 Jahren lässt sich rekonstruieren. Einer, der das versucht, ist Andreas Krüger. Der 43-jährige Dallgower setzt sich intensiv für die Geschichte des Ortes ein. Von den hingerichteten Jugendlichen hatte er vor Jahren vom damaligen Ortshistoriker Manfred Kluger gehört. An den hatten sich Angehörige gewandt. Erst durch die Öffnung sowjetisch-russischer Archive Mitte der 90er-Jahre hatten sie überhaupt Genaueres über den Tod der Jungen erfahren. Am 8. April 1996 waren diese rehabilitiert worden. In einem Schreiben der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation wurde offiziell, was bis dahin keiner der Angehörigen wusste: „Gemeinsam mit Dietrich Pagel wurden folgende Einwohner Berlins verurteilt: Konrad Drews, Harry Prestel, Günter Steub, Günter Ziegenhagen, Horst Ritzkowski. Sie alle wurden gemeinsam mit Dietrich Pagel am 13. August 1945 ca. 12 Kilometer südöstlich von dem Ort Olimpischdorf erschossen.“

„Olimpischdorf“ - damit hatten die Angehörigen zum ersten Mal einen Ansatzpunkt. Der Weg führte sie zum Olympischen Dorf zwischen Elstal und Dallgow.

„Für uns ergab sich die Frage, ob in der von Russen besetzten Infanterieschule, dem Dorf der Olympischen Spiele 1936, nach Kriegsende eine Sammelstelle für Verdächtige oder ein provisorisches Untersuchungsgefängnisses eingerichtet war“, erzählt Andreas Krüger. „Vielleicht nur für kurze Zeit, vielleicht nur für diese Werwolf-Gruppe.“ Neben den sechs Hingerichteten waren damals 15 weitere Jugendliche vom NKWD in Berlin verhaftet und zu langer Zwangsarbeit verurteilt worden.

In einem russischen Buch hat Andreas Krüger Fotos gefunden, die zeigen Offiziere der Vereinigung „Smersch“ der 5. Stoßarmee, als Ort wird „Olimpischdorf bei Berlin“ angegeben, als Zeitangabe wird Mai 1945 genannt. Es scheinen Erinnerungsfotos zu sein, die Männer stehen zwischen Bäumen oder liegen im Gras. „Im Hintergrund erkennt man eines der Häuser des Olympischen Dorfes“, erklärt Andreas Krüger. Die Smersch war ein militärischer Nachrichtendienst der Sowjetunion, er diente vor allem der Spionageabwehr, hatte die Aufgabe, „Verräter, Deserteure, Spione und kriminelle Elemente“ dingfest zu machen. Und die Werwolf-Organisation stand ganz oben auf der Liste der Verdächtigen.

„Werwolf war der Versuch der Bildung einer Art Partisanenorganisation durch die NS-Führung“, sagt Andreas Krüger. „Im Wesentlichen handelte es sich jedoch mehr um ein Propagandaphänomen als um eine aktive Truppe. Die Sowjets sahen darin eine ernsthafte Bedrohung.“ Mehr als 10 000 Jugendliche sollen unter Werwolf-Verdacht verhaftet worden sein.

Die Gruppe um Dietrich Pagel war zwischen  8. und 15. Juni verhaftet und von einem Militärgericht verurteilt worden. Pagel war Jahrgang 1928, er war Führer der Neuköllner Hitlerjugend. „Nach der Anklageschrift sollen sie Ende Februar oder Anfang März der Werwolf-Vereinigung beigetreten sein und im April 1945 in die Illegalität abgetaucht sein, wo sie Waffen und Munition versteckt haben sollen“, erzählt Andreas Krüger. Wahrscheinlich hatten sie die Waffen im Berliner Umland deponiert. Was davon stimmt, ist heute nicht mehr nachprüfbar. Und wurde auch damals nicht nachgeprüft. „Für eine Verurteilung reichte damals bereits der Verdacht der Straftaten“, erklärt Andreas Krüger. Hier kam vor allem der Artikel 58 des Strafgesetzbuches der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik zum Einsatz, der definierte, wer als Feind der Arbeiterklasse,Verräter und Saboteur galt. Als solche stufte das Militärtribunal der 60. Garde-Schützen-Division Dietrich Pagel und die anderen ein.

Wo genau die Jungen erschossen worden sind, ist unklar. „Zwölf Kilometer südwestlich vom Olympischen Dorf wäre hinter dem Flugplatz Gatow. Das ist unwahrscheinlich“, sagt Andreas Krüger. Manfred Kluger hatte damals auch vermutet, dass die Angabe - bewusst oder unbewusst - nicht stimmt, er war von einem Fehler ausgegangen. „Wahrscheinlich sollte es 1,2 Kilometer heißen, vermutete  Kluger, denn dort befanden sich früher Schießstände auf dem Truppenübungsplatz Döberitz“, schließt sich Andreas Krüger der Lesart an.

Vielleicht ließe sich noch einiges über die Ereignisse von damals erforschen. 15 Jungen waren damals zu 10, 15 oder 20 Jahren Arbeitslager verurteilt worden. „Möglicherweise hat das jemand überlebt“, hofft Andreas Krüger. Die Jungen stammten alle aus Berlin und aus den Jahrgängen 1928 bis 1930. Und wie zur Erinnerung nennt er die Namen, aus dem Kyrillischen übersetzt: Alfred Pagel, Kurt Köhler oder Keller, Lothar Brunk, Günter Fischer (gleich zwei mal), Karl-Hans Sonnenfeld, Karl Bart, Hans Hirt, Horst Harringhausen, Günter Just oder Jost, Wolfgang Erbstösser, Bruno Kühn, Heinrich Gafke oder Hafke, Otto Friedrich Witzel, Horst Böl oder Biel.

Von Marlies Schnaibel

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