Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Wie aus dem Mönch ein Bürgermeister wurde

MAZ zu Hause in Nauen Wie aus dem Mönch ein Bürgermeister wurde

In unserer Serie „Maz zu Hause in....“ machen wir in Nauen Station und beginnen mit der Kernstadt. Die kann vor allem mit ihrer historischen Mitte punkten, die in den vergangenen Jahren immer mehr an Schönheit gewonnen hat. Darüber hinaus bieten zahlreiche Kleingartenanlagen viel Grün und Platz für Erholung.

Voriger Artikel
Outlaw gibt Stelle für Jugendkoordination ab
Nächster Artikel
Kultur am Beckenrand im Stadtbad

Blick in die Mittelstraße, die zu den Hauptgeschäftsstraßen in der Nauener Altstadt gehört.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Nauen. Wenn die Nauener Heimatfreunde Besucher durch die Altstadt führen, dann gibt sich regelmäßig auch Bürgermeister von der Linde alias Wolfgang Johl die Ehre. Der Vorsitzende des Vereins weiß dann unter anderem von Friedrich II. zu berichten, der sich in jungen Jahren für ein paar Monate in Nauen aufhielt und der Pfarrerstochter nachgestellt haben soll. Oder von Knecht Konrad und Magd Martha, durch deren wildes Liebesleben eine Kerze umgestürzt sein soll, die dann Ursache des großen Stadtbrandes von 1695 war. So erzählt man es sich jedenfalls.

68a1b3b0-523e-11e6-8042-207c9f225287

In unserer Serie „Maz zu Hause in....“ machen wir in Nauen Station und beginnen mit der Kernstadt. Die kann vor allem mit ihrer historischen Mitte punkten, die in den vergangenen Jahren immer mehr an Schönheit gewonnen hat.

Zur Bildergalerie

„Die Stadtrundgänge mit szenischen Einlagen kommen immer gut an“, sagt Johl, der von der Trachtengruppe begleitet wird. Dabei hatte er es zu Beginn gar nicht auf den historischen Bürgermeister abgesehen. „Anfangs hatte ich mich als Mönch gekleidet“, sagt er. Denn in Neukammer gab es mal eine Wallfahrtskirche. Doch Johl verkörperte den Mönch wohl so gut, dass ein Besucher ihn als echt ansah, mit Hochwürden ansprach und ihm seine ganze Lebensgeschichte erzählte. „Da sagte ich zu mir, du musst dir etwas anderes einfallen lassen“, sagt Johl. Und so wurde er Bürgermeister von der Linde, der von 1661 bis 1729 gelebt hatte. Johl würde es sich nur wünschen, dass mehr Jüngere zum Verein stoßen und damit auch zur Trachtengruppe. „Der Nachwuchs fehlt leider“, sagt er.

Bei den Führungen geht es vorbei an vielen sanierten Häusern in Nauen historischer Mitte. Die Altstadtsanierung ist gut vorangeschritten, steht kurz vor dem Abschluss. Mehr als 260 Gebäude wurden wiederhergestellt und 59 Neubauten errichtet. 189 Wohneinheiten entstanden neu. Sämtliche öffentlichen Straßen und Plätze wurden zudem rekonstruiert. Einer, der einen nicht unbedeutenden Anteil am Wiederaufleben der historischen Mitte hat, ist Michael Schob. Er hat in den vergangenen Jahren gleich mehrere marode Häuser in der Altstadt wieder auferstehen lassen. Einige davon befinden sich in der Goethestraße. „Als ich in der Goethestraße angefangen habe, standen 90 Prozent der Häuser leer“, erinnert er sich. Das hat sich gründlich geändert. Warum er sich in der Altstadt engagiert? „Weil man merkt, dass die Stadt dadurch gewinnt, dass immer mehr Menschen hinziehen“, sagt er zu seiner Motivation. „Nauen hat sich schon sehr verändert, das hört man von vielen Leuten.“ Demnächst wird es sich noch mehr zum Besseren verändern. So will Schob bald auch mit der Sanierung des Berliner Hofes beginnen.

Dass in der Altstadt viel passiert ist, freut auch Jürgen Nickel (75). Der gebürtige Nauener hat die Entwicklung der Stadt sein ganzes Leben lang verfolgt. Als langjähriger Bäcker kennen ihn viele in der Stadt. Er hatte den 1852 gegründeten elterlichen Betrieb in vierter Generation geführt und ihn vor einiger Zeit an seinen Sohn weitergegeben. „Die Altstadt ist sehr ansehnlich geworden. Als ich in der 90er-Jahren unser Café gebaut hatte, gab es noch viele Probleme mit dem Denkmalschutz“, sagt Nickel.

Er findet, dass es in Nauen sauberer geworden ist, seit es auch viele neue Straßen gibt, viele Kreisverkehre entstanden sind.

Weniger schön ist nach Nickels Ansicht, dass immer wieder Geschäfte schließen und kein Nachfolger gefunden wird. „Nauen hat es außerdem noch immer nicht geschafft, einen großen Saal oder eine Stadthalle zu errichten, wo man größere Veranstaltungen machen kann“, sagt Jürgen Nickel, der seit vielen Jahren auch dem Karnevalsverein angehört. Zudem fehle es in der Stadt an einer weiteren öffentlichen Toilette – außer der vernachlässigten am Rathaus. Schade findet es Nickel zudem, dass es in der Stadtmitte keine Drogerie mehr gibt und dass am ehemaligen Theater der Freundschaft nichts passiert. Er spricht von einem Schandfleck. „Das gefällt Keinem.“

Positiv hebt der 75-Jährige hingegen die alljährliche Hofweihnacht hervor. „Das ist jetzt ein richtiger Anziehungspunkt geworden.“ Aber auch das Stadtbad sei eine Bereicherung für Nauen, ebenso die Veranstaltungen, die dort regelmäßig stattfinden. „Wir haben doch eine ganze Menge geschafft in Nauen“, fasst der Bäckermeister zusammen.

Aber Nauen ist nicht nur Pflaster, Straßen und Häuser. Nauen ist auch viel Grün. In mehreren Kleingartensparten im Stadtgebiet erholen sich die Menschen nicht nur am Wochenende. Eine der Anlagen ist die Kleingartensparte „Am Kanal“ im Norden der Stadt. Dort ist Petra Schnell die Erste Vorsitzende. „Wir haben hier eine schöne Gemeinschaft, einer hilft dem anderen“, sagt die 54-Jährige, die für eine der kleineren Sparten in der Stadt zuständig ist. 49 Gärten befinden sich dort in der Nähe des Großen Havelländischen Hauptkanals.

Über das Internet ist Karsten Berlin vor einem Jahr auf die Anlage aufmerksam geworden. „Die treibende Kraft war meine Frau, die sich immer einen Garten gewünscht hat“, sagt er. Und beide haben ihren Entschluss bis heute nicht bereut. „Hier kann man den Stress des Alltags hinter sich lassen. Es ist ein Stück weit Entschleunigung“, meint der 48-Jährige, der in Spandau lebt. Er schätzt es, dass in der Sparte die unterschiedlichsten Menschen zusammen sind, auch was den Beruf und die ethnische Herkunft angeht. „Beim Sommerfest haben wir viele kennengelernt“, sagt er.

„Wir machen regelmäßig seit vier Jahren Feste“, fügt Petra Schnell, die seit 1999 dort einen Garten hat, hinzu. Mittlerweile wohnt sie sogar in Nauen, kam vor zwei Jahren dorthin.“ Anderen geht es ähnlich. „Sie nehmen sich erst einen Garten, merken dann, wie idyllisch Nauen ist und ziehen dann auch in die Stadt“, sagt Petra Schnell, die als Vorsitzende auch ein Auge darauf hat, dass in der überschaubaren Anlage die Regelungen des Bundeskleingartengesetzes eingehalten werden.

Doch nicht nur Kleingärtner schätzen frisches Gemüse und Obst. Das kommt auch bei Agnes und Ingo Faber in der „Kantina Elena“ in Nauens Mittelstraße auf den Tisch. Bei Touren mit dem Fahrrad haben die beiden Ostfriesen, die zuletzt in Berlin lebten und jetzt in Retzow, das Haus für ihr Restaurant gefunden. „Wir haben Räume gesucht und uns sofort in diese verliebt“, sagt Agnes Faber. Weil es sich nicht für ein Restaurant geeignet hatte, musste das Erdgeschoss aber erst einmal umgebaut werden. Im November 2012 wurde dann die Eröffnung des Lokals mit 24 Sitzplätzen gefeiert.

„Schön, diesen Ort gefunden zu haben“, heißt es unter anderem im Gästebuch. Und Laura und Helena aus der Schweiz haben sich dort „nach vielen Kilometern auf dem Fahrrad“ entspannt und gestärkt. „Die Leute sagen, es ist wie in einem Wohnzimmer bei uns“, sagt die 59-jährige Agnes Faber.

Beide sind froh, dass ihr kleines Restaurant in der Altstadt liegt, wenn auch ein wenig abgelegen. „Wir mögen Häuser, die Charakter haben“, sagt Ingo Faber (62). „Und wir mögen den Charme der Altstadt, von der auch viele Touristen begeistert sind, die hierher kommen“, fügt seine Frau hinzu, die leidenschaftlich gern kocht. „Wenn ich schlechte Laune habe und dann anfange zu kochen, dann geht es mir besser“, sagt sie.

Nachdem sich die Nauener Altstadt schon gut entwickelt hat, wird bald auch das Plattenbau-Gebiet östlich davon folgen. Mit dem Förderprogramm „Soziale Stadt“ soll es in den nächsten Jahren aufgewertet werden.

Von Andreas Kaatz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Havelland
57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg