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Wiedersehen nach 65 Jahren

Klassentreffen in Ketzin/Havel Wiedersehen nach 65 Jahren

20 ehemalige Schüler der einstigen Knoblaucher Grundschule haben sich nach 65 Jahren wiedergesehen. Der Ort Knoblauch nahe Ketzin existiert längst nicht mehr. Er wurde in den 1960er-Jahren geräumt.

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Beim Klassentreffen in Ketzin/Havel am Wochenende.

Quelle: Wolfgang Balzer

Ketzin/Havel. Händeschütteln, herzliche Umarmungen, aber dann doch die leise Frage „Wer bist du“? Kein Wunder. 20 ehemalige Schüler der ehemaligen Knoblaucher Grundschule des in den sechziger Jahren geräumten Dorfes nahe der Stadt Ketzin/Havel sahen sich nach 65 Jahren am Sonnabend in der Ketziner Gaststätte „Am Markt“ erstmals wieder. „Ich habe niemanden wiedererkannt“, gestand Arnim Günther (Jahrgang 1942) aus Neuruppin. Aber dafür gab es ja das Schülerfoto aus dem Jahre 1951. Von den abgebildeten 40 Schülern waren an diesem Tage 15 mit ihren Erinnerungen und vielen Fotos von der Schulzeit anwesend. Immerhin gab es seit dem Jahre 1770 eine Schule im Ort. Dafür musste das ehemalige Haus des Dorfschneiders herhalten und im Jahre 1847 wurde eine neue Schule gebaut. Die beim Treffen anwesenden Schüler erinnerten sich gern an ihre Schule. „Es war eine schöne Schulzeit“, meinte Arnim Günther. Und Margret Heinecke, (Jahrgang 1941) beschrieb ihre Knoblaucher Schule in Stichworten so: „Ein Lehrer, ein Klassenraum, vier Jahrgänge in der Klasse und wenn der Lehrer einen Jahrgang unterrichtete, schickte er oft die anderen vor die Tür auf den Flur. Sie sollten Lesen üben“. Rund 150 Jahre früher, 1803, fiel das Urteil über die Schule eher schlecht aus, wie Heimatforscher Helmut Augustiniak recherchiert hat. Im genannten Jahr gab es eine Schul- und Kirchenvisitation. Sie habe kein gutes Urteil ergeben, schrieb er.

Mit besseren Erinnerungen kam Rita Wissing (Jahrgang 1941) aus Bochold (Westfalen) in die Havelstadt. „Ich habe die Einladung nach dem Anruf nicht wahrhaben wollen und mir die ganze Nacht vorgestellt, wie unser Wiedersehen nach 65 Jahren ablaufen wird“, gestand sie beim Betrachten alter Erinnerungsfotos mit ihren ehemaligen Mitschülerinnen und -schülern. „Ich habe sie alle zunächst nicht wiedererkannt, erst als sich jeder kurz vorgestellt hatte“. Und so flogen die Erinnerungen durch den Raum. „Wisst ihr noch, wie der Lehrer mitten in der Klasse stehend hinter seinem Rücken schwatzende Schüler mit der Nennung ihres Namens ermahnte, still zu sein.“ Der müsse wohl auch hinten Augen gehabt haben, scherzte sie. Gute Erinnerungen hat auch Erika Strömer, Jahrgang 1942, aus Potsdam. Oft seien sie mit Lehrer Schulz zum Knoblaucher Burgwall zum Heimatkundeunterricht unter die große Eiche gegangen und haben Tiere beobachtet und über die blühenden Pflanzen gesprochen „Und weil wir so brav waren, durften wir in der benachbarten Kirschplantage mit Genehmigung des Eigentümers naschen“. Da hatte Arnim Günther etwas mehr Angst. Er wollte mit anderen auf einem Feld Blumen holen. Die würden doch einem VEB gehören, hatte er ziemlichen Bammel, wie er erzählte – bis sein Kumpel meinte, VEB heiße Volkseigener Betrieb, also gehörten sie auch dir. Das ging wohl ebenso glimpflich aus wie eine Sportstunde im Winter.

Der Lehrer hatte für die anstehende Sportstunde eine Schneeballschlacht vorgeschlagen. Wie es der Zufall so will, traf sein erster Schneeball den Lehrer am Kopf. An das Gelächter der Mitschüler konnte sich Arnim Günther erinnern, an die Reaktion des Lehrers weniger. Aber das Verhältnis sei gut gewesen, meinte er. Lehrer Schulz hätte sich bereit erklärt, ihm bei sich zuhause und bei Malzkaffee und Kuchen mit der Handhabung seiner neuen Laubsäge vertraut zu machen. Klar, Streiche waren an diesem Tage ein beliebtes Thema. So erinnerte sich Erika Strömer noch heute daran, dass Mitschüler aus ihren neuen Fahrrädern die Luft aus den Schläuchen gelassen und die Ventile gestohlen hatten. „Wir schworen Rache“, lacht sie heute. Sie hätten den Übeltätern eines Tages hinter einer Hecke aufgelauert, sie vom Rad und direkt in einen modrigen Graben geschubst. „Die sahen aus wie die Wildschweine in der Suhle“, erzählte sie unter Gelächter, und hatte gleich noch eine weitere Begebenheit parat: Wie die Jungen ihnen zeigen wollten, wie gezaubert wird. Die wollten ihre gefangenen Frösche in ihren Kleidern verschwinden lassen. Klar, dass das nicht ohne lautstarken Protest ausgegangen sei, schmunzelte sie. „Ich habe mich so auf dieses Treffen gefreut“, begründet sie ihre Erzählungen trotz ärztlichem Rat, möglichst wenig zu sprechen. Wie so mancher andere an diesem Tage, erinnerte sich Alfred Frey aus Edenkoben an der Deutschen Weinstraße als Mitorganisator des für alle denkwürdigen Treffens an so manchen Streich aus Schülertagen. Aber nach der vierten Klasse endete die Schulzeit in Knoblauch. Im Winter ebenso wie im Sommer ging es danach gut vier Kilometer bis in die Ketziner Schule. Oft zu Fuß, mit der Schulmappe auf dem Schlitten oder mit dem „Schulwagen“, einem von Pferden gezogenen und mit Holzbänken und Plane ausgerüsteten Pferdewagen, erzählte Margret Heinicke. Doch Ende der sechziger Jahre war Schluss mit der Knoblaucher Schulgeschichte. Zwischen Ketzin/Havel und dem Ort wurde ein unterirdischer Gasspeicher gebaut. 1965 wurde Gas im Ort festgestellt, anschließend das Dorf geräumt. Nach und nach wurden der gesamte Ort und auch die Schule zur privaten Baustoffgewinnung abgerissen. Heute zeugt nur noch die Dorfstraße von dem einstigen Musterdorf der DDR.

Von Wolfgang Balzer

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