Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Windkraftanlagen: „Viel Verunsicherung“

MAZ-Interview Windkraftanlagen: „Viel Verunsicherung“

Am 18. Oktober sollen in Rathenow offene Fragen zu den geplanten Windkraftanlagen im Wald bei Großwudicke besprochen werden. Zu dem öffentlichen Termin werden zahlreiche Bürger erwartet. Felix Menzel, Bürgermeister der betroffenen Gemeinde Milower Land, verrät im MAZ-Interview, welche Erwartungen er an diesen Termin knüpft.

Voriger Artikel
Goethegymnasium feiert 100. Geburtstag
Nächster Artikel
Coverband startet neu durch

Felix Menzel vor dem Waldgebiet, in dem noch in 2016 13 Windräder aufgestellt werden sollen.

Quelle: Ch. Schmidt

Milower Land. Am 18. Oktober sollen im Rathenower Kulturzentrum alle offenen Fragen zu den geplanten Windkraftanlagen im Wald bei Großwudicke besprochen werden. Zu dem öffentlichen Termin werden zahlreiche Bürger sowie Vertreter aus Politik, Wirtschaft und verschiedener Umweltschutzorganisationen erwartet. Felix Menzel, Bürgermeister der betroffenen Gemeinde Milower Land, verrät im MAZ-Interview, welche Erwartungen er an diesen Termin knüpft.

MAZ: Herr Menzel, wie ist angesichts des geplantes Baus von 13 Windkraftanlagen im Wald bei Großwudicke die Stimmung in ihrer Gemeinde?

Felix Menzel: Es herrscht große Verunsicherung und es liegt ganz viel Wut in der Luft. Vieles ist unklar und ich denke, es ist auch verfrüht einen Erörterungstermin durchzuführen. Zum Beispiel sind die Zuwegungen zu den Anlagen nicht geklärt. Wir haben den Anlagenbetreiber vor eineinhalb Jahren aufgefordert, einen Antrag auf Widmung von Wegen sowie ein Erschließungskonzept einzureichen. Dieser Antrag liegt bis heute nicht vor. Dennoch geht man in diesen Termin, sagt die Zuwegung ist geklärt und die Gemeinde muss ihre Flächen dafür zur Verfügung stellen. Das ist einfach nicht richtig.

Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?

Menzel: Ich denke es besteht großer Druck, die Anlagen schnellstmöglich genehmigen zu lassen. Denn aktuell ist es ein einfacheres Verfahren als nach dem 1. Januar 2017 wenn das neue EEG in Kraft tritt. Dabei sind viele Rahmenbedingungen nicht geklärt. Ich vermute, dass sich die Anlagen nach dem neuen EEG nicht mehr rechnen, aber das kann kein Argument für das Landesumweltamt sein, hier auf die Tube zu drücken. Es handelt sich um Interessen eines privaten Investors und ich denke alle beteiligten Behörden wären gut beraten, hier alles tiefgründig abzuklären.

Obwohl der Erörterungstermin öffentlich ist, gab es dazu keine aktuelle öffentliche Bekanntmachung. Wie erklären Sie sich das?

Menzel: Ich will nichts unterstellen, doch je weniger Menschen da sind, umso schneller sind die Fragen beantwortet. Auch wir finden das ungewöhnlich und haben beim Landesumweltamt nachgefragt. Es gab eine Ankündigung im Juli, es wurde aber nicht erneut eingeladen, nicht einmal die Einwender selbst. Deshalb weisen wir als Gemeinde explizit darauf hin und haben 5000 Flyer in den Haushalten verteilt. Schließlich ist es ein öffentlicher Termin und wir freuen uns wenn Menschen daran teilnehmen und sich dazu äußern. Jeder kann teilnehmen und wer Einwände erhoben hat, kann auch Fragen stellen.

Wissen Sie, welche Themen auf der Agenda stehen?

Menzel: Mir liegt der Fragenkatalog als Regiebuch für die Veranstaltung vor. Darin sind alle 300 Einwendungen erfasst, die bis 11. August beim Landesumweltamt eingingen. Aufgelistet sind auch die Punkte, die nicht erörtert werden, in der Regel subjektive Dinge.

Können Sie kurz die Argumente gegen die geplanten Anlagen zusammenfassen?

Menzel: Es geht zum Beispiel um den Brandschutz. Da ist die Frage des Trümmerschattens – wenn eine Anlage in Brand steht, dürfen sich die Kameraden in einem Umkreis von mindestens zwei Dritteln der Gesamthöhe der Anlage nicht aufhalten. Sollte nur eine Anlage brennen, ist es faktisch nicht möglich zu löschen, weil die Anlagen 210 Meter hoch sind. Eine „Verspargelung“ des Waldgebietes behindert zudem die Frühwarnsysteme des Landes gegen Waldbrände. Der Punkt Löschwasserentnahmestellen: Wenn der Wald brennt, muss irgendwo Wasser herkommen. Wir haben in diesem riesigen Waldgebiet aber keine Entnahmestellen. Nun müsste der Anlagenbetreiber sagen, wo Löschwasserbrunnen, Zisternen oder Löschwasserteiche angelegt, Sammelstellen für Feuerwehren errichtet und die Zuwegungen für den Brandschutz ausgebaut werden sollen und welche Gemeindewege benötigt werden. Auch diese Angaben liegen nicht in ausreichender Form vor.

Es gibt also allein zum Thema Brandschutz zahlreiche Argumente gegen die Anlagen. Was spricht noch dagegen?

Menzel: Ein weiterer Grund ist der Artenschutz – insbesondere der Schwarzstorch. Es gibt ein Gutachten das belegt, dass der Schwarzstorch in diesem Bereich bei der Brut gestört und vermutlich vertrieben wurde. Man hat damals Kletterspuren am Baum unter dem Horst festgestellt. Glücklicherweise gab es in diesem Jahr zahlreiche Sichtungen von Jung- und Alttieren in dem Bereich. Man kann auch über das Winterquartier der Fledermäuse, den Feldhamster, die Kranichwiese, den Milan oder Schlicht über die Fällung von zig Hektar Wald sprechen.

Wie steht es um den Immissionsschutz?

Menzel: Die Gutachten der Windkraftbetreiber dazu sind nicht vollständig, wenn nicht sogar fehlerhaft. Ich wohne nur wenige Kilometer entfernt, in unmittelbarer Nähe befindet sich der Truppenübungsplatz Klietz, eine Getreidetrocknungshalle sowie ein Sandtagebau. Es gibt in dem Bereich de facto Anlagen, die als Grundlärm berücksichtigt werden müssen. Stellt man jetzt noch Windkraftanlagen auf, gibt es kaum noch Ruhephasen zwischen den Übungen. Dennoch wird der Truppenübungsplatz in den entsprechenden Schallprognosen mit keiner Silbe erwähnt, obwohl er ein Sonderfall im Immissionsrecht ist. Zudem ist dieser Bereich durch Verkehrslärm wie Bundesstraße oder ICE-Trasse vorbelastet, wobei dieser laut Bundesimmissionsschutzgesetz nicht beachtet werden muss.

Welche Sorgen haben die Bürger?

Menzel: Die Entstellung der Region. Die Bürger nutzen den Wald als Erholungsgebiet, stehen dort Windkraftanlagen, nehmen sie dem Gebiet den Charme. Viele schreiben: „210 Meter – das ist der Berliner Fernsehturm ohne Antenne“. Davon hätten wir dann 13! Auch der Tourismusverband lehnt Anlagen an dieser Stelle ab. Von der CO2-Bilanz bis zum Feldhamster wird alles genannt. Im Übrigen haben sich nicht nur Bürger aus der Region dazu geäußert. Aus Hamburg, Halle und Berlin kamen Einwände. Menschen, die hier ein Wochenendhaus haben, schreiben: „Was tut ihr eurer Natur an?“

Angesichts all dieser Bedenken und Einwände, sieht das Unternehmen das Ganze zu locker?

Menzel: Entweder das oder es besteht einfach riesiger finanzieller Druck die Genehmigungen jetzt durchzukriegen. Man muss dazu sagen, wir als Gemeinde haben selbst ein Gebiet für etwa zehn Windkraftanlagen auf einem Acker ausgewiesen, der nicht so einen schützenswerten Naturraum darstellt, wie dieser Wald. Es war von vornherein klar, dass die 640 Hektar Wald niemals voll bebaut werden können. Einer der größten Waldeigentümer hat gleich gesagt: „bei mir baut ihr keine Windkraftanlagen. Das ist Mischwald, wertvoller Wald und kein alter Kiefernbestand, wo man mit dem Harvester durchfährt.“ Und schon allein deswegen ist die Regionalplanung für mich am Thema vorbei und hat ihr Ziel verfehlt.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in den Termin am 18. Oktober?

Menzel: Ein Erörterungstermin macht nur Sinn, wenn alle Fragen beantwortet werden – das sehe ich aber noch nicht. Ich hoffe dennoch, dass viele Menschen kommen, denn es betrifft das ganze Westhavelland.

Sie haben vor der Veranstaltung eine Demonstration auf dem Märkischen Platz angemeldet. Warum?

Menzel: Viele Menschen sind mit dem Verfahren unzufrieden. Ihren Unmut haben sie in der Verwaltung vorgebracht und wollen ihn auch öffentlich kundtun. Ich habe erst gezögert eine Demo anzumelden – es ist ja etwas, das man als Bürgermeister nicht jeden Tag macht. Dann habe ich mit meinen Fraktionsvorsitzenden gesprochen und von ihnen die Bestätigung erhalten, mich um die Anmeldung zu kümmern. Die Demo soll den Bürgern die Möglichkeit geben, ihrem Unmut ein Ventil zu geben. Wer vor Ort etwas sagen möchte, kann die Gelegenheit nutzen.

Sie betreiben enormen Aufwand, lohnt sich dieses Engagement?

Menzel: Seit 2011 beschäftigen wir uns intensiv damit. Es hat uns irre viel Zeit gekostet und viel Geld, das wir gern an anderer Stelle angelegt hätten. Aber wir sind überzeugt und geschlossen gegen die Anlagen. Wenn man der Gemeindevertretung, den Ortsbeiräten und uns als Verwaltung eines nicht vorwerfen kann, dann dass wir uns nicht konsequent eingesetzt haben.


Von Christin Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Havelland
57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg