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„Wir lassen uns die Lebenslust nicht nehmen“

Anschlag von Istanbul „Wir lassen uns die Lebenslust nicht nehmen“

Marianne (71) und ihr Mann Rüdiger (73) Faber sind für ihr Leben gerne gereist. Am Dienstag ist ihnen diese Leidenschaft bei dem Anschlag in Istanbul zum Verhängnis geworden. Verwandte und Freunde behalten Fabers als ein lebenslustiges Paar in Erinnerung. Ihnen ist vor allem eine Botschaft wichtig.

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Rüdiger und Marianne Faber starben in Istanbul.

Quelle: privat

Falkensee. Falkensee steht unter Schock, langsam erst sickert die brutale Botschaft ins Bewusstsein der Bürger der 43.000-Einwohner-Stadt im westlichen Berliner Speckgürtel: Mit Marianne (71) und Rüdiger Faber (73) hat die Stadt zwei ihrer aktivsten Bürger verloren. Das Rentnerehepaar, das in Diensten des Sportvereins TSV Falkensee mit seinen 2500 Mitgliedern ehrenamtlich Unvergessliches leistete und zu den Alteingesessenen gehörte, starb bei dem Bombenanschlag in Istanbul. Dort hatte sich ein mutmaßlicher Islamist am Dienstag inmitten einer deutschen Reisegruppe in die Luft gesprengt.

Trauer im Kreis der Familie (vl)

Trauer im Kreis der Familie (v.l.): Andreas Faber, Sohn des verstorbenen Paares, Enkel Philipp, Schwiegertochter Birgit Faber sowie Christin Schidda, eine enge Freundin der Fabers.

Quelle: Julian Stähle

Schwiegertochter hatte böse Vorahnung

Schwiegertochter Birgit Faber, Präsidentin des TSV, hatte schon eine böse Vorahnung, als sie die Nachricht von dem vermutlich islamistischen Attentat erhielt. In ihrer Dankesrede anlässlich einer sportlichen Ehrung ließ sie die feiernden Sportler noch am Dienstag wissen, sie mache sich Sorgen. Zur Bahn hatte sie die Schwiegereltern gebracht, seither hatten die sich – wider ihrer Gewohnheit – nicht gemeldet. Nachts um 1 Uhr standen dann zwei junge Beamtinnen des Bundeskriminalamts vor der Tür und überbrachten die traurige Neuigkeit. Auf Fotos musste die Familie ihre Angehörigen identifizieren.

Faber: „Wir waren geschockt“

Noch in den Morgenstunden erhielt die Familie Faber von verschiedenen Seiten die Bestätigung für den Tod der Eltern von Andreas, ihres Mannes. Anja Grau, eine ehemalige Turntrainerin im TSV Falkensee, sagte, dass in den türkischen Medien die Namen der Opfer schon veröffentlicht worden sind. Ein Bekannter aus Falkensee hatte gehört, dass es in Istanbul zwei Opfer aus Falkensee gegeben habe. „Das müssen sie im Radio angesagt haben“, so Birgit Faber. „Wir waren geschockt. Es ist einfach unfassbar“, sagte Birgit Faber. „Jetzt ist der Terror bei uns im beschaulichen Falkensee angekommen.“

Birgit Faber ist Präsidentin des TSV Falkensee und Präsidentin des Märkischen Turnerbundes

Birgit Faber ist Präsidentin des TSV Falkensee und Präsidentin des Märkischen Turnerbundes.

Quelle: privat (Archivfoto)

„Reist, lebt euer Leben!“

Mit belegter Stimme, aber großer Entschlossenheit und einer Spur Trotz schiebt sie hinterher: „Eins ist klar: Wir lassen uns die Lebenslust nicht nehmen!“ Ihre Schwiegereltern seien trotz der Anschläge in Ägypten vor einigen Jahren weiter in muslimische Länder gefahren. „Wir haben über die Attentate von Paris gesprochen“, sagt Faber. Der Rat der Schwiegereltern: „Reist, lebt euer Leben!“ Außer in Australien seien sie so ziemlich überall auf der Welt gewesen.

Fabers Traum: Übernachten im berühmten Hochhaus von Abu Dhabi

Rüdiger Faber habe unbedingt in einem berühmten Hochhaus in Abu Dhabi übernachten wollen, dem segelförmigen Burj Al Arab. „Das war sein Traum“, sagt seine Schwiegertochter. Deswegen traten die Eheleute die Drei-Länder-Reise an. Istanbul war eigentlich nur ein Zwischenstopp.

Nachbar: Fabers waren „nett und freundlich“

Die Straße, wo das Paar gewohnt hat, ist eine ruhige Sackgasse mit farbenfrohen Häusern und gepflegten Grünanlagen am südlichen Stadtrand von Falkensee. Der Buchsbaum im Garten des Ehepaars ist sorgfältig gestutzt und mit einer Lichterkette geschmückt. Neben dem Haus in dem warmen Gelbton wohnt Torsten Keller. Er ist wie vom Donner gerührt, als er vom Tod seiner Nachbarn erfährt. Der 43-Jährige kennt die Familie, seit er auf der Welt ist: „Wir Kinder haben zusammen gespielt. Ich habe im Pool bei Fabers im Garten gebadet.“ Hier herrscht ein guter Zusammenhalt. Nett und freundlich, das sind die Wort, die ihm zuerst einfallen, wenn er an seine Nachbarn denkt.

Familie Faber gehört zu den Alteingesessenen

Es ist gar nicht so selbstverständlich, in Falkensee noch „Ureinwohner“ zu treffen - die Stadt hat sich von allen Siedlungen im Berliner Umland seit der Wende wohl am meisten verändert, ihre Einwohnerzahl verdreifacht. Marianne Faber gehörte zu den Alteingesessenen. Ihren Mann, der aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, lernte Marianne im Beruf kennen. Er wurde Metzgermeister, sie Fleischwarenverkäuferin. Katrin Thiele wohnt schräg gegenüber vom Faberschen Haus. Auch sie hat ihr ganzes Leben in der kleinen Straße gelebt. „Ich kenne Fabers 31 Jahre“, sagt sie mit leiser Stimme, „ich kann es nicht fassen, dass sie tot sein sollen.“ Die kleinen Kinder und Urenkel spielen miteinander. Der Terroranschlag mache ihr Angst.

„Rüdiger und Marianne sind echte Vorbilder“

Die ersten Beileidsbekundungen kamen aus dem Sportverein – kein Wunder beim Engagement der Verstorbenen. Der TSV war ihr Leben. „Meine Schwiegereltern haben ja im Verein fast alles mitgemacht. Bei unseren Weihnachtsgalas und den Wettkämpfen des Falkenseer Sommers waren die Pilzpfannen von ihnen bei allen bekannt.“ 900 Würstchen grillten die Eheleute bei Festen – die Knacker hatten sie teils selbst hergestellt, ebenso Schmalz ausgelassen und hunderte Stullen damit beschmiert. Rüdiger betreute die erste Radsportgruppe. Zu Hause hielten die Senioren den Jüngeren den Rücken frei und nahmen die Kinder, wenn Veranstaltungen oder Wettkämpfen des Vereins anstanden“, erzählte Birgit Faber. Sie sagt: „Rüdiger und Marianne sind echte Vorbilder. Nur solche Menschen machen unsere Gesellschaft stark.“

Fahnen auf Halbmast

Vor dem Rathaus in Falkensee wehen Deutschland- und Brandenburgflagge auf Halbmast. Bürgermeister Heiko Müller (SPD), der die Familie persönlich kennt, ringt um Worte. Er hoffe, diese Tat lasse die Europäer näher zusammenrücken. „Hier wurden Unschuldige Opfer sinnlosen Terrors“, sagt der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Das Innenministerium ordnete Trauerbeflaggung an allen öffentlichen Gebäuden an. „Wir stehen in dieser Stunde zusammen, um Trost denen zu spenden, die jetzt um ihre Lieben trauern“, sagte Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD).

Niemand erreichbar bei den Krisen-Hotlines

Politiker hätten sich noch nicht sehen lassen bei der Familie, sagt Birgit Faber, und: „Wir fühlen uns ziemlich allein.“ Dass der Bundesinnenminister in die Türkei fliege, sei ja verständlich, die Politiker sollten die Waffenexporte in Krisenregionen ansprechen. Aber was sei mit den Angehörigen der Opfer? Unter der Hotline des Außenministeriums wie des Berliner Reiseveranstalters „Reiselust“ sei am Abend nach der Tat niemand erreichbar gewesen, sagt Birgit Faber. Die Evangelische Kirche verurteilt in einer Pressemitteilung den „grausamen Anschlag auf unschuldige Menschen“. Man bete für die Familie und biete der Familie christlichen Trost und seelsorgerlichen Beistand an.

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Von Ulrich Wangemann und Axel Eifert

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