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Zehn Stolpersteine zieren nun die Bürgersteige

Falkensee Zehn Stolpersteine zieren nun die Bürgersteige

Zehn neue Stolpersteine zieren seit Mittwoch verschiedene Falkenseer Bürgersteige. Erstmals wird auch Vertriebenen gedacht, die die NS-Zeit überlebten. Darunter auch der jüdische Altertumswissenschaftler Felix Jacoby und Ehefrau Margarethe. Ein Verwandter war unter den Gästen, allerdings ohne seine Ehefrau: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

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Felix und Margarethe Jacoby überlebten den Nazi-Terror. Ihnen gelang 1939 die Flucht nach England.

Falkensee. Unter klassischen Philologen ist der Name Felix Jacoby eine Instanz. Er verfasste ab den 1920er Jahren seine zahlreiche Bände umfassende Sammlung „Fragmente der griechischen Historiker“. Seit Mittwoch ziert nun ein Stolperstein mit seinem Namen den Weg vor der Hausnummer 13 in der Falkenseer Leistikowstraße.

Hier hatte der Altertumswissenschaftler jüdischer Herkunft zuletzt gemeinsam mit Ehefrau Margarethe Jacoby von 1935 bis zum November 1938 gelebt. Initiiert wurde die Aktion des Künstlers Gunter Demnig, der bislang rund 60 000 Stolpersteine aus Messing in ganz Europa verlegt hat, von der Arbeitsgruppe Stolpersteine aus Falkensee. Insgesamt zehn Steine wurden in Finkenkrug verlegt – erstmalig wird nun auch Verfolgten und Vertriebenen gedacht, die die Zeit des Nationalsozialismus überlebt hatten.

Erinnerung wird aufrecht erhalten

„Es ist schon beeindruckend, dass die Erinnerung so aufrecht gehalten wird“, sagte Heiko von der Leyen, Ehemann von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, der anlässlich der Stolpersteinverlegung extra aus Hannover angereist kam. „Margarete Jacoby ist eine Geborene von der Leyen und die Nichte meines Urgroßvaters. Ich wusste lange nichts von ihrer und Felix Jacobys Geschichte, erst im Studium, als ich mich selber für die griechische Philologie interessierte, stieß ich darauf“, so von der Leyen.

Künstler Gunter Demnig bei der Arbeit

Künstler Gunter Demnig bei der Arbeit.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Auch Detlef Berger hat eine besondere Beziehung zum Ehepaar Jacoby und erinnerte am Mittwoch an ihr Schicksal. „Ich bin mit meinen Eltern in das Haus der Jacobys gezogen, nachdem sie es 1938 verlassen hatten. Mein Vater und Felix Jacoby waren Freunde und Arbeitskollegen“, so der Falkenseer. „Es war mir wichtig, dass auch an sie, die 1939 mit der Hilfe von Kollegen nach England flüchten konnten und erst 1956 nach Deutschland zurückkehrten, gedacht wird“, so Berger.

Im Akkord verlegte Künstler Gunter Demnig, der seine frühe Jugend in Nauen verbrachte, ohne große Worte die Stolpersteine – Alltag für den Begründer der Aktion. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass das irgendwann einmal solche Dimensionen annimmt. Ich habe Steine in mittlerweile 21 Ländern in Europa verlegt, im vergangenen Jahr war ich 268 Tage unterwegs und auch fürs nächste Jahr sind wieder viele Aktionen geplant“, sagte Demnig. „In einer Gemeinde, wie Falkensee, macht es mir besonders Spaß. Die Vorbereitungen durch die Stadtverwaltung sind hier sehr gut und unkompliziert – im Gegensatz zu größeren Städten.“

Steine gegen das Vergessen

Neben der Familie Jacoby wurde in der Leistikowstraße ein weiterer Stein gegen das Vergessen verlegt. In der Hausnummer 13 wohnte von 1922 bis 1935 der jüdische Textilhändler Charly Friedenthal. Er konnte gemeinsam mit seiner Ehefrau 1938 über Holland nach Amerika emigrieren.

Heiko von der Leyen kam extra mit dem Zug aus Hannover

Heiko von der Leyen kam extra mit dem Zug aus Hannover.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Die Familie Schaarwächter wohnte seit 1921 in der Holbeinstraße in Finkenkrug. Vater Hermann, ein jüdischer Frauenarzt, Mutter Lucie, Tochter Thea und Sohn Horst wurden in den 1930er-Jahren zunehmend unter Druck gesetzt. Ihr Hund wurde vergiftet, Sohn Horst erhielt keine Lehrstelle, brennende Fackeln flogen über den Gartenzaun der Hausnummer 42, Fensterscheiben wurden eingeschlagen.

Schließlich gaben sie ihr Haus auf und zogen nach Berlin. Die gesamte Familie überlebte die NS-Zeit. Daran erinnerte sich Horst Schaarwächter, der nach Amerika ausgewandert war bei einem Falkensee-Besuch vor einigen Jahren. „Auf dieses Grundstück stieß eine Finkenkrugerin, die an einem Mauerstück Fragmente eines gelben Judensterns entdeckte. Heute ist er mit bloßem Auge nicht mehr zu sehen, er lässt sich lediglich erahnen“, so Gerd Bitterhoff von der AG Stolpersteine, die seit 2006 aktiv Hinweisen nachgeht, Archive und das Internet nach Anhaltspunkten durchsucht.

Drei weitere Stolpersteine finden Spaziergänger künftig vor der Karl-Marx-Straße 40. Hier war der jüdische Arzt Mordarchai Rothenberg zuhause. Im September 1942 wurde er im Alter von 80 Jahren nach Theresienstadt verschleppt und starb dort nur Wochen später. Seiner Frau Amalie und der damals 39-jährigen Tochter Charlotte Casparius gelang die Flucht nach Buenos Aires, wo sie bis zu ihrem Tod lebten.

Von Laura Sander

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