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Gorholt: Flüchtlingsthema nicht im Griff

Asyl-Aufnahme im Havelland Gorholt: Flüchtlingsthema nicht im Griff

Bei der Aufnahme von Flüchtlingen hat der Staat vieles nicht im Griff, räumt Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) ein. Wie Integration gelingen kann, darüber sprachen am Donnerstag in Rathenow erstmals Flüchtlinge, Helfer und interessierte Bürger im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung, die Gorholt auf den Weg gebracht hatte.

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Fred Meier (l.), stellvertretender Vorsitzender des Rahenower Unternehmervereins und Steuerberater Ronny Lessmann im Gespräch mit Hassan ali Hassan (r,) und Alaa Al Hafez.

Quelle: Ch. Schmidt

Rathenow. 47 000 Flüchtlinge kamen im letzten Jahr in Brandenburg an, davon wurden rund 28 000 aufgenommen. „Im Landkreis Havelland leben derzeit 1865 Flüchtlinge, stand 11. Februar“, erklärte Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) am Donnerstagabend im Blauen Saal des Kulturzentrums. Dort hatten sich rund 80 Gäste eingefunden, um am ersten öffentlichen Diskussionsabend zum Thema „Geflüchtete im Havelland“ teilzunehmen. Gekommen waren Vertreter des Unternehmerverbandes, der Kirche, der Verwaltung, von Vereinen, Parteien, Schulen und Willkommensinitiativen.

Gorholt selbst hatte die Idee zur Veranstaltung, die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte sie umgesetzt. Die Moderation übernahm Doktor Wolfgang Bautz vom Fachberatungsdienst Zuwanderung, Integration und Toleranz in Potsdam. Ziel des Abends war es, mit Geflüchteten und ehrenamtlichen Helfern ins Gespräch zu kommen. Im Mittelpunkt standen dabei folgende Fragen: „Was bringt die Flüchtlinge zu uns? Was benötigen sie und was können wir geben?“

Sind Flüchtlinge integrationswillig?

Antworten auf die erste Frage gaben Mahshid aus dem Iran, Hassan Ali Hassan aus der Region Ogaden in Somalia und Alaa Al Hafez aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. Die drei erzählten ihre ganz persönliche Geschichte der Flucht. Für die beiden Männer, die noch kein deutsch sprechen übersetzte Sandy Kias, Leiterin des Fachbereichs Migration der AWO Betreuungsdienste aus dem Englischen. Zu Wort kamen auch in der Flüchtlingsarbeit tätige Menschen, wie Carsten Schulz, Leiter des Jugendhauses Oase und Silke Lange, die sich im Interkulturellen Spielecafé engagiert.

„Das ist sicher nicht der repräsentative Durchschnitt“, bemerkte Ronny Lessmann, Mitglied des Vereins Unternehmer für Rathenow. Er wollte von den drei Geflüchteten wissen, wie sie den Integrationswillen ihrer Landsleute einschätzen. „Ich kann nicht sagen, dass jeder Syrer ein guter Mensch ist, aber ich schätze es sind mehr als 90 Prozent bereit sich zu integrieren“, so Alaa Al Hafez. Auch Hassan Ali Hassan wehrte sich gegen eine Verallgemeinerung. „Ich kann nur für mich sprechen. In meiner Heimat gibt es so viele unterschiedliche Kulturen, die sich sehr voneinander unterscheiden.“

Viele Probleme verhindern die Integration

Dass Integrationswille auf beiden Seiten nötig ist, machte Carsten Schulz deutlich: „Zu uns kommen junge Menschen aus dem Iran, Pakistan, Afghanistan, vom Balkan und besonders viele Syrer. Sie verbringen ihre Freizeit mit Jugendlichen von hier. Das kann wunderbar funktionieren oder auch nicht. Integration ist relativ einfach, wenn auch bei unserer Jugend der Bildungsstand hoch ist.“

Sandy Kias, die die Gemeinschaftsunterkunft am Birkenweg mit derzeit 225 Asylbewerbern leitet, scheute nicht davor zurück, Probleme anzusprechen. „Wir müssen den Blick mehr auf junge Männer lenken. Familien und Kinder zu integrieren ist nicht das Problem.“ Die oft Jahre andauernden Asylverfahren – 2015 konnte ein Bewohner nach 20 Jahren die Unterkunft verlassen – würden Integration nicht zulassen. „So wie jetzt können wir nicht weitermachen. Es ist ein bloßes Verwalten von Menschen“, mahnte die junge Frau. Das dürfte auch Wolfgang Bautz ähnlich gesehen haben, als er bemerkte: „Unser Land wird sich verändern müssen.“

Die Gespräche sollen fortgesetzt werden

Ein wichtiger Schritt sei die Erhöhung des Betreuungsschlüssels. Derzeit muss sich in Brandenburg ein Sozialarbeiter um 120 Flüchtlinge kümmern. In einigen Bundesländer kommen auf einen Sozialarbeiter 50 bis 60 Menschen, um die er sich kümmert. Auch der Blick über den Tellerrand könnte Sinn machen. In Schweden und auch in den USA gebe es gute Beispiele, so Kias.

Deutlich wurde an diesem Abend, dass es im Havelland viele ehrenamtliche Helfer gibt, die Großes leisten. Aber es fehle an Struktur, um den guten Willen zur Integration auszuleben, so Pfarrer Wolfgang Schöne, der für die evangelische Kirche in der Flüchtlingsarbeit tätig ist. Anke Bienwald, Koordinatorin der Partnerschaft für Demokratie meinte: „Ehrenamt darf auch Koordinierung und Unterstützung fordern.“ Staat, Zivilgesellschaft und Unternehmer seien gefragt, um die Herausforderung zu meistern, so sieht es Martin Gorholt. Er wertete die Veranstaltung als Erfolg und plant eine Fortsetzung im Mai. Das Schlusswort hatte eine Frau, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagiert: „Es macht einfach Spaß und ich möchte jeden dazu ermuntern.“

Von Christin Schmidt

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