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Neukammer: Zwergendorf als Wirtschaftsriese

MAZ-Serie „Zuhause in...“ Neukammer: Zwergendorf als Wirtschaftsriese

Mit 105 Einwohnern ist Neukammer Nauens kleinster Ortsteil. Es ist ein Dorf voller Widersprüche: der kleinste Ortsteil – aber auch der mit der wohl größten Gewerbedichte im ganzen Landkreis. Schon seit 1350 gehört Neukammer zu Nauen und damit länger als jeder andere Ortsteil. Und doch ist dort an historischen Gebäuden fast nichts erhalten geblieben

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Auszubildender Maximilian Loest von der Brandenburger Landtechnik GmbH in Neukammer posiert mit einem 400-PS-Traktor.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Neukammer. Drei Straßen, zwei Bushaltestellen, ein Storch: Das ist Neukammer – mit 105 Einwohnern Nauens kleinster Ortsteil. Die Bewohner nennen es liebevoll „Neukammer City“, sich selbst bezeichnen sie als „Neukameraden“. Es ist ein Dorf voller Widersprüche: der kleinste Ortsteil – aber auch der mit der wohl größten Gewerbedichte im ganzen Landkreis. Schon seit 1350 gehört Neukammer zu Nauen und damit länger als jeder andere Ortsteil. Und doch ist dort an historischen Gebäuden fast nichts mehr erhalten geblieben.

„Andere Orte wie Ribbeck besinnen sich gerne auf ihre Geschichte“, sagt Erwin Nickel. „Neukammer lebt im Hier und Jetzt.“ Notgedrungen, denn die meisten historischen Quellen sind verloren gegangen. Von der Wallfahrtskirche, die es einst im Dorf gab, ist nicht einmal mehr der genaue Standort bekannt. Nachdem Neukammer 1348 von der Pest heimgesucht worden war, die sämtliche Bürger dahingerafft hatte, stand die Marienkirche – so viel weiß man – inmitten verlassener Häuserruinen. Die Mutter Gottes wollte diesen Ort ihrer Verehrung nicht aufgeben, hieß es – und jeder, der ihn aufsuchte und Geld spendete, sollte ihre Gnade erfahren. Neukammer wurde zu einem bekannten Wallfahrtsort und spülte viel Geld in die Kassen der Stadt Nauen, die sich das entvölkerte Dorf auch deshalb 1350 einverleibt hatte. Spätestens mit der Reformation ebbte das Interesse an der Wallfahrtskirche jedoch ab. Im 16. Jahrhundert wurde sie schließlich mit kurfürstlicher Genehmigung abgetragen.

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Eine Bilderreise durch Nauens kleinsten Ortsteil

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Ein Schicksal, das die Kirche mit vielen anderen Einrichtungen im Dorf teilt. Das alte Gutshaus, die Kaserne, der Konsum, „alles abgerissen“, sagt Erwin Nickel. Sogar das Wahllokal habe man ihnen weggenommen. Zur Stimmabgabe müssen die Bewohner nach Nauen.

Zu DDR-Zeiten sei der ganze Ort einmal geschlossen nicht zur Wahl gegangen, erinnert sich Ute Pekrul – im sozialistischen Staat ein klarer Affront gegen die Machthaber. „Wir wollten unbedingt eine Straßenbeleuchtung bekommen, für die Schulkinder, und anders hätten wir das nicht erreichen können“, sagt sie.

Einen Ortsbeirat gibt es nicht

Damals zog das Dorf noch an einem Strang. Inzwischen aber bröckelt die Gemeinschaft. Es gibt keinen Heimatverein, keine Kita, keinen Jugendklub, nicht einmal einen Ortsbeirat – Neukammer wird vom Rathaus in Nauen mitverwaltet. Die meisten Bewohner verlassen den Ort morgens, um zur Arbeit zu fahren und kehren erst abends zurück. In den dort ansässigen Betrieben arbeitet hingegen kaum jemand aus Neukammer. „Ich komme höchstens auf drei Leute“, sagt Dirk Peters, Geschäftsführer der Agro-Farm Nauen. Unter diesen Umständen könne auch gar keine richtige Ortsgemeinschaft entstehen, meint Ute Pekrul: „Wir sehen uns ja höchstens alle vier Wochen einmal beim Einkaufen im Supermarkt in Nauen.“

Wirtschaftlich ist Neukammer dagegen spitze. Knapp ein Dutzend Unternehmen gibt es im Ort, darunter zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe wie die Agro-Farm oder die BLT Brandenburger Landtechnik GmbH mit ihren riesigen Landmaschinen. Auch das kreiseigene Entsorgungsunternehmen HAW (Havelländische Abfallwirtschaftsgesellschaft) hat seinen Sitz in Neukammer und ebenso die Firma Günter Schmidt, die im gesamten Havelland für die Baustellensicherung zuständig ist, so auch bei der aktuellen Baumaßnahme auf der Bundesstraße 5.

Mittelweg als „verkehrsberuhigte Zone“

In Neukammer wird also einiges an Geld erwirtschaftet. Von den Gewerbesteuern profitiert der Ortsteil jedoch kaum, „auch weil es bei uns wenig gibt, wofür man sie einsetzen könnte“, wie Einwohner Dieter Müller bemerkt.

Eines aber sähen sie im Dorf doch gerne erledigt: die Sanierung des Mittelwegs. Dieser läuft einmal quer durch den Ort, er verbindet die Straßen nach Schwanebeck und Groß Behnitz – und er ist in einem sehr schlechten Zustand. Die Anwohner von Neukammer sprechen sarkastisch von „unserer verkehrsberuhigten Zone“. Im Sommer staube es so sehr, „dass man ständig Fenster putzen muss“, erzählt Ute Pekrul. Und wenn es regnet, läuft das Wasser wegen der erhöhten Straßenlage in die Vorgärten. „Wenn es eine halbe Stunde lang geregnet hat, sieht es so aus, als würden wir am See wohnen“, so Horst Pekrul. Die ortsansässigen Firmen halten die Straße zwar notdürftig instand, doch eigentlich ist eine ordentliche Reparatur notwendig. „Der Ortsteil wird von der Stadt schon ein wenig stiefmütterlich behandelt“, meint Dirk Peters. „Die sollen uns aber bitte nicht ganz vergessen“, sagt Ute Pekrul.

Dennoch: „Wir haben es schön hier“, betont Horst Pekrul. Und wenn im Radio im Wetterbericht für Nauen Sonnenschein angesagt wird, dann wissen sie in Neukammer, dass damit eigentlich ihr Ort gemeint ist. Auf einem Feld an der Brandenburger Chaussee befindet sich seit Jahren eine Wetterstation der Meteo Group, dem größten Dienstleister im Bereich der Wettervorhersage in Europa.

Von Philip Häfner

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