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Wachow: Drei Dörfer, eine Gemeinschaft

MAZ-Serie „Zuhause in...“ Wachow: Drei Dörfer, eine Gemeinschaft

Es gibt wohl niemanden, der in höheren Tönen von Wachow schwärmen könnte als Jochen Kowalski. Der Star-Opernsänger wurde in dem Ortsteil ganz im Süden von Nauen geboren. Noch immer schaut er regelmäßig dort vorbei, erst im September gab er ein Benefizkonzert. Das prominente Beispiel zeigt: Wer einmal in Wachow gewesen ist, der kommt gerne immer wieder.

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Dorfgemeinschaftshaus: In der ehemaligen Schule ist der Kindergarten untergebracht.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Wachow. Es gibt wohl kaum jemanden, der in höheren Tönen von Wachow schwärmen könnte als Jochen Kowalski. Der 62-Jährige ist Opernsänger und darin einer Besten seines Fachs. Und er wurde in Wachow geboren. Sein Bruder Reinhard führt bis heute den Fleischer im Dorf – früher sangen beide gemeinsam im familieneigenen Schlachthaus, wegen der guten Akustik. Noch immer kommt Jochen Kowalski regelmäßig in den Ortsteil ganz im Süden von Nauen, erst im September gab er dort ein Benefizkonzert.

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Ein fotografischer Rundgang durch die drei Dörfer im Nauener Ortsteil Wachow

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Das Beispiel zeigt: Wer einmal in Wachow gewesen ist, der kommt immer wieder. „Es ist einfach eine unheimlich schöne Landschaft hier unten“, sagt Marc Simeth (LWN), Mitglied des Ortsbeirates. Das haben die Menschen schon früh erkannt: Bereits um 1173 wurde Gohlitz in einer Urkunde des Bischofs Siegfried erstmals erwähnt – es zählt damit zu den ältesten Siedlungsplätzen im Havelland. Gohlitz ist eines der drei Dörfer, die den Ortsteil ausmachen; die anderen beiden sind Niebede und das namensgebende Wachow. Zusammen leben dort 872 Menschen – damit ist Wachow hinter Markee (878) der größte Nauener Ortsteil.

„Unsere drei Dörfer bilden eine große Gemeinschaft“, sagt Ortsvorsteher Uwe Bublitz (LWN). Er freut sich vor allem darüber, dass es in den Orten so viele ehrenamtlich Engagierte gibt. Die Volkssolidarität betreut die Senioren und sorgt mit Festen und Ausflugsfahrten für Abwechslung; die Heimatstube bewahrt die Ortsgeschichte und altes Brauchtum; und der erst kürzlich gegründete Verein „Drei Kleinode“ hat sich den Erhalt der sanierungsbedürftigen Kirchengebäude auf die Fahnen geschrieben. Auch der örtliche Fußballverein, der FSV 1950 Wachow/Tremmen, ist bei vielen Veranstaltungen präsent. Platzwart Wolfgang Grünhoff kümmert seit über 40 Jahren um die Pflege des Rasens, der von auswärtigen Mannschaften immer wieder gelobt wird. Als die MAZ 2014 zur Wahl des besten Platzwartes in Brandenburg aufrief, landete Grünhoff auf Rang zwei.

Ebenfalls eine wichtige Rolle im Dorfleben spielt die Feuerwehr, die es in Wachow sogar gleich in doppelter Ausführung gibt. Neben der Wehr in Wachow selbst existiert eine weitere Ortsgruppe in Gohlitz – ein im Havelland einmaliges Konstrukt. Von 120 Einwohnern in Gohlitz ist jeder Sechste Mitglied der Feuerwehr. Uwe Bublitz findet, dass beide Wehren ihre Daseinsberechtigung haben. „Zusammen kommen wir immer auf eine komplette Mannschaft“, sagt er. Das sei deshalb so wichtig, weil Nauen mit seiner Feuerwehr eben doch ein ganzes Stück entfernt liege.

„Wir sind die äußerste Kruste des Speckgürtels“, beschreibt Marc Simeth die Lage des Ortsteils. Das hat Folgen: „In diese Ecke des Landkreises fließt viel weniger Geld als beispielsweise nach Ribbeck oder Groß Behnitz“, sagt Simeth. Die Ortsdurchfahrt ist in schlechtem Zustand, auch die Gehwege haben schon bessere Zeiten gesehen oder fehlen zum Teil ganz. „Gerade für die älteren Bewohner ist das ein Problem“, meint Liane Döring von der Volkssolidarität. Auch auf einen Radweg nach Quermathen warten die Wachower schon lange. Das ärgert nicht nur Ortsvorsteher Uwe Bublitz, sondern hat auch Konsequenzen für die lokale Wirtschaft: „Als wir unsere Bäder saniert haben, gab es keinerlei Fördermittel, weil wir zu weit weg vom nächsten Radweg liegen“, berichtet Judith Usarek-Hinze, Eigentümerin des Landhotels „Baggernpuhl“. Trotzdem sei das Haus gut ausgebucht, erzählt sie, vor allem durch Geschäftsreisende und für Familienfeste. „Ein Raum zum Feiern und dazu 50 Betten, so dass alle Gäste übernachten können – so etwas findet man nicht so oft“, sagt sie.

Doch Wachow hat nicht nur ein Hotel, sondern auch einen Campingplatz, einen Fleischer und mehrere Einkaufsmöglichkeiten, Arzt, Zahnarzt, Frisör und sogar einen Wellnessanbieter. Im Dorfgemeinschaftshaus, der ehemaligen Schule, befindet sich die Kita „Zwergenvilla“ in freier Trägerschaft der Kinderwelt GmbH aus Potsdam. „Wir sind sehr zufrieden mit der Betreuung. Mein Sohn geht gerne dorthin. Manchmal will er gar nicht mehr nach Hause“, erzählt Stefanie Wenzel, eine junge Mutter. Die älteren Kinder, die schon zur Schule gehen, besuchen Einrichtungen in Nauen, aber auch in Ketzin/Havel und Brandenburg an der Havel. „Manchmal glaube ich, dass sich die Kinder im Ort deshalb untereinander gar nicht mehr kennen“, sagt Judith Usarek-Hinze. Abhilfe schaffen könnte ein Jugendklub, wie es ihn früher schon einmal gab. Im Zuge der geplanten Komplettsanierung des Dorfgemeinschaftshauses wolle man versuchen einen erneuten Anlauf für einen Jugendklub zu unternehmen, so Ortsvorsteher Bublitz.

Mit rund 80 Einwohnern ist das kreisrunde Niebede das kleinste der Wachower Dörfer. „Wir haben mehr Pferde als Menschen“, sagt Urgestein Jürgen Kissmann. Noch vor zehn Jahren habe er gefürchtet, dass Niebede bald aussterben würde, doch seitdem sind vier neue Häuser entstanden „und es werden noch mehr.“ Die Straße zum Anger wurde asphaltiert, am Weiher wurden Bänke aufgestellt und seit Kurzem gibt es im Ort auch einen kleinen Spielplatz. „Es ist jetzt ein richtiges schmuckes Dorf geworden“, findet Kissmann.

Zwischen Gohlitz und Wachow erstreckte sich in früheren Zeiten der Niebecksche See, der inzwischen allerdings verlandet ist. An der Senke zwischen beiden Dörfern ist die ursprüngliche Lage noch zu erkennen. Wasseranschluss hat Wachow aber immer noch: Im Westen des Ortes liegt der Riewendsee. Früher gingen die Leute gerne dort schwimmen. „Jetzt aber weichen die meisten auf die andere Seeseite nach Riewend aus, wo es eine gepflegte Badestelle gibt“, sagt Olaf Kirmis (LWN), ein weiteres Mitglied des Ortsbeirats. Er wirft der Stadt Nauen vor, nicht genug aus dem Naherholungsgebiet zu machen. „Da könnte man deutlich mehr entwickeln“, sagt er. Erst seit 2003 ist Wachow ein Ortsteil von Nauen; bis dahin war man eine selbstständige Gemeinde im Amt Nauen-Land.

Neben Tenor Jochen Kowalski gibt es übrigens noch eine zweite Berühmtheit mit Verbindungen nach Wachow, auf die man im Dorf allerdings weit weniger stolz ist: Paul Ogorzow war dort in den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts als Landarbeiter tätig. Später zog er nach Berlin und sorgte in der Hauptstadt als „S-Bahn-Mörder“ für Angst und Schrecken. Acht Morde gingen auf sein Konto, sechs Mordversuche und 32 Vergewaltigungen. 1941 wurde er hingerichtet.

Mehr Fotos aus Wachow unter www.maz-online.de/wachow.

Von Philip Häfner

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