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Institution seit mehr als 150 Jahren

Der „Alte Dorfkrug“ in Kolberg Institution seit mehr als 150 Jahren

Der schönste Platz ist heute längst nicht mehr hinter der Theke. Das jedenfalls ist das Fazit von Wilfried Rehder, dessen Familie seit 1852 den „Alten Dorfkrug“ in Kolberg betreibt. Der 66-Jährige meint, dass in kaum einer Branche die Wende derart eingeschlagen hat wie in der Gastronomie. Auch das Schicksal seiner Gastwirtschaft steht in absehbarer Zeit auf der Kippe.

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Ohne Union-Fahne vor seiner Gaststätte geht bei Wilfried Rehder gar nichts.

Quelle: Franziska Mohr

Kolberg. Vor allem bei Gästen aus Sachsen hört Wilfried Rehder kurz nach dem Betreten des „Alten Dorfkrugs“ neben einem fröhlichen Hallo oft: „Ist ja unglaublich, dass du noch immer hinter dem Tresen stehst!“ Nicht wenige der Feriengäste „verirrten“ sich schon vor 30 Jahren in das idyllische Kolberg mit seinem „Alten Dorfkrug“ mitten im Ort. Rehders schlagfertige Antwort lautet dann meist augenzwinkernd: „Wird ja Zeit, dass du mal wieder einkehrst. Schließlich hast du noch einen Zettel bei mir.“

Seit 1852 besteht die Gaststätte und befindet sich seither im Familienbesitz. Die Großeltern von Rehders Mutter Gertrud, geb. Hensel, haben sie einst gegründet. Eine Tradition, die jetzt allerdings zu kippen droht. „Meine Kinder haben bereits abgewunken. Sie wollen die Gaststätte keinesfalls weiterführen“, sagt Rehder. Eine Entscheidung, die der 66-Jährige durchaus versteht, wenn auch ein wenig Wehmut in seiner Stimme mitschwingt. Spiele die Gesundheit mit, so wolle er den Krug gemeinsam mit seiner Frau Gudrun noch ein oder zwei Jahre auf Sparflamme weiterführen. Geöffnet ist nur noch von freitags bis sonntags. Alles andere lohnt sich nicht mehr. Hat er doch an so manchem Wochentag nicht ein einziges Mittagessen verkauft. „In kaum einer Branche hat die Wende derart eingeschlagen wie in der Gastronomie“, sagt der Wirt.

Ein ganzes Leben hinter der Theke

Wilfried Rehder kennt kein anderes Leben als das hinter der Theke. Er wurde 1950 schon in der Kolberger Gaststube geboren. Und als 1971 sein Vater Ernst starb, musste er, der das Fleischerhandwerk in Kablow gelernt hatte, als 21-Jähriger seinen Platz einnehmen. „Das stieß mir manchmal ganz schön sauer auf. Während die anderen in die Disco gingen, bediente ich in der Gaststube“, erinnert sich Rehder. Arbeit gab es in der Gastwirtschaft immer mehr als genug. „Zu Ostzeiten war die Hütte im Sommer immer voll.“ Dafür sorgten schon die zahlreichen Ferienheime und die vielen Dampfer, die in Kolberg anlegten. „Manch ein Gast bestaunt unseren Saal mit den 120 Plätzen heute fast wie das achte Weltwunder“, sagt Frau Gudrun. Da heißt es dann: „Ein Saal mit einer richtigen Bühne, so etwas gibt es tatsächlich noch – herrlich.“ Bis zur Wende sei hier immer etwas los gewesen. Große Veranstaltungen aber gibt es im „Alten Dorfkrug“ kaum noch. Geblieben sind nur noch die Senioren-Weihnachtsfeier, das Erntedankfest aus Kummersdorf und der eine oder andere runde Geburtstag. „Die rundum entstandenen Bürgertreffs versetzen der Gastronomie endgültig den Todesstoß“, sagt Rehder. Das sei früher, als das Bier noch 51 und das Helle sogar nur 43 Pfennige kosteten, anders gewesen. Kritisch war damals allerdings die Beschaffung von Fleisch, Fisch und insbesondere im Sommer oft auch von Getränken. Der Absatz aber war Rehder zufolge nie ein Problem. Er habe damals an so manchem Tag zwölf Eimer Kartoffeln gebraucht und 15 bis 20 Fässer Bier am Wochenende.

Fan-Ecke für den 1. FC Union im Saal

Heute kommt kaum noch jemand nur auf ein Bier im „Alten Dorfkrug“ vorbei. Selbst Skatrunden lohnten sich nicht mehr. Manches Liebenswerte aber ist geblieben, so hängt seit Jahrzehnten die „Märkische Allgemeine“ in der Gaststube aus. Und die Gäste schimpfen heute wie früher über „die da oben“, die völlig den Boden unter den Füßen verloren hätten. Treu ist Wilfried Rehder aber auch dem 1. FC Union geblieben, bei dem er schon seit 45 Jahren förderndes Mitglied ist. Ohne Fan-Ecke im Saal geht hier gar nichts. Und auf der Speisekarte steht neben Lammhaxe und dicken Schweinerippchen bei den Spirituosen dann auch der 1. FC Unioner rot-weiß, Korn mit Kirschlikör. Rehders Traditionstreffen wurde unlängst sogar beim Spiel in der „Alten Försterei“ ausgerufen, so dass sich über 100 Unions-Fans im „Alten Dorfkrug“ einfanden. „Da habe ich mich nicht lumpen lassen und jedem Fan persönlich einen Unioner ausgegeben“, erzählt Rehder. Union bleibt der Wirt treu, was auch immer aus seinem geliebten „Dorfkrug“ wird.

Von Franziska Mohr

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