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Oberhavel 28 Frauen in einer Baracke
Lokales Oberhavel 28 Frauen in einer Baracke
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08:17 04.08.2017
Um das ehemalige Pulverdepot herum sind noch Baracken erhalten geblieben, viele sind noch bewohnt. Diese hier steht dagegen leer. Quelle: Fotos: Marco Paetzel
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Hennigsdorf

Wie ein Dorn ragt der Granit in den Himmel. Spitz und schroff, die Erinnerung soll schmerzen. „Mit Vernunft und Toleranz gegen Vergessen“, steht auf der Tafel, die im Stein ruht. Das Denkmal an die Zwangsarbeiter liegt am Ende des letzten Stückchens Lagerstraße im Hennigsdorfer Gewerbegebiet. Nur etwa 50 Meter des Kopfsteinpflasters sind am Ende des Walter-Kleinow-Rings erhalten geblieben. Sie liegen ruhig da in diesen Tagen, Feuerkäfer krabbeln über die groben Steine. Nebenan schwingen sich Arbeiter des Großhändlers Berckenbrink auf ihre Räder und sausen in den Feierabend.

Den Weg gingen einst Lagerarbeiter. Rund 15 000 Menschen mussten von 1940 bis 1945 in Hennigsdorfer Betrieben schuften. Polen, Tschechen, Russen, Holländer, Italiener und Franzosen leisteten Fronarbeit in den großen Rüstungsbetrieben der Stadt. Allein die damalige AEG beschäftigte bis zu 8500 Zwangsarbeiter. Viele deutsche Männer waren im Krieg, in der Produktion musste eine Lücke aufgefüllt werden. „Man fing an, massiv Arbeiter anzuwerben oder zu verschleppen“, erklärt Hobby-Historiker Klaus Euhausen. Er stützt sich dabei auch auf Fakten, die der verstorbene Hennigsdorfer Geschichtsforscher Helmut Fritsch zusammengetragen hatte.

Die Menschen seien sehr unterschiedlich behandelt worden. „Am besten hatten es nach nationalsozialistischem Verständnis Westeuropäer, die zur ,germanischen Rasse’ gehörten – wie Holländer, Nordfranzosen, Flamen oder Belgier.“ Einige durften sich frei bewegen und wurden teils wie normale Angestellte behandelt. Polen oder Russen dagegen seien viel schlechter behandelt worden. Deshalb habe es auch mehrere Fluchtversuche gegeben. „Ein Fall eines geflüchteten Russen ist mir bekannt, der von Wachmannschaften nördlich von Hennigsdorf erschossen wurde“, so Euhausen. 33 Lager gab es in Hennigsdorf, sie zogen sich vom Norden über das Stahlwerk, die AEG bis zu Philipp Holzmann (heute der Nieder Neuendorfer Bootshafen) und einem weiteren Holzbetrieb Richtung Spandau.

Mit dem Kriegsende kamen auch die Arbeiter frei. Einige kehrten noch einmal zurück: 2003 besuchte der Tscheche František Pelikán Hennigsdorf. Im April 1942 war der junge Mann zwangsverpflichtet worden, als Schlosser bei den Borsig-Lokomotivwerken zu arbeiten. Er montierte Fahrgestelle von Lokomotiven, später musste er in der AEG Geschütze bauen. In der Kesselschmiede herrschte unerträglicher Lärm, täglich wurde zwölf Stunden geschuftet. Auch die Unterkunft in den Barackenlagern war unwürdig, das Essen schlecht, erinnerte sich der Tscheche bei seinem Besuch. Doch im Lager an der Apfelallee, wo die tschechischen Zwangsarbeiter untergebracht waren, fanden sich in der Baracke 9, Zimmer 9, acht gute Freunde zusammen. Einer war Otto Kupr, der Weihnachten 1944 auf dem Waldfriedhof begraben wurde. Der Tscheche war am 24.Dezember bei einem Arbeitsunfall in der AEG ums Leben gekommen. František Pelikán konnte bei seinem Besuch Blumen am Grab seines Freundes niederlegen.

Doch die überlebenden Zwangsarbeiter werden immer weniger. Die letzte Besucherin in Hennigsdorf war wohl Leokadia Korzelska, die die alte Lagerstraße mit dem Denkmal im September 2015 noch einmal entlang ging. Die Polin hatte hier die schlimmste Zeit ihres Lebens verbracht. Von 1942 bis 1945 musste sie Zwangsarbeit in den AEG-Fabriken leisten. Bis zu 28 Frauen schliefen in Doppelstockbetten in einem Raum. Um vier Uhr morgens wurden sie geweckt, gut einen Kilometer dauerte der Fußmarsch in die Fabrik in Holzpantinen. Zwölf Stunden lang stellten sie jeden Tag Isolierstoffe her. „Es war heiß und hat gestunken“, erinnerte sich Korzelska bei ihrem letzten Besuch, damals hörten ihr Diesterweg-Schüler zu. Die Polin schlief am 20. April friedlich ein, mit 93 Jahren. Auch der ehemalige Stadtverordnete Ekki Hinke, der den Kontakt hielt, starb Ende Juni. Doch seine SPD-Senioren wollen den Kontakt zu Korzelskas Familie in Polen halten.

Von Marco Paetzel

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