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Oberhavel Absage an Tempo 30
Lokales Oberhavel Absage an Tempo 30
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17:31 09.06.2017
Ronny Thiel fährt in Oranienburg seit Jahren Taxi. Er findet die Idee nicht gut, befürchtet, dass alles langsamer vorangeht.
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Oranienburg

Zu einem Aufschrei von IHK, Wirtschaftsjunioren, Mittelstandsverband Oberhavel und der OVG hatte der Beschluss der Stadtverordneten geführt, für ein Jahr Tempo 30 auf den Hauptstraßen der Oranienburger Innenstadt vorzuschreiben. In dieser Zeit wolle man testen, ob das zu flüssigerem Verkehr führt, zu geringerer Abgasbelastung und vor allem zu mehr Sicherheit (MAZ berichtete).

Der Beschluss war am 29. Mai nach heftiger Debatte gefallen. Und ist ein Punkt im neuen Verkehrsentwicklungskonzept der Stadt bis 2025. Frühestens ab Herbst gilt Tempo 30 dann in der Testphase auf folgenden Straßen: auf der Berliner Straße zwischen Landratsamt und Schloss, der Sachsenhausener Straße ab Kreisel Rungestraße, die Straße Am Mühlenfeld bis zum Kreisel Rungestraße, die Bernauer Straße zwischen Bahnunterführung über den Schlossplatz und die Havelstraße bis zum Kreisel am Henriettengymnasium, die Straße der Einheit zwischen B 273 und Kreisel Friedrichsthal, die Lehnitzstraße, die Stralsunder Straße, der Lindenring, die Walther-Bothe-Straße zwischen Berliner Straße und Kreisel am Kaufland, die Friedrich-Wolf-Straße und der Birkenwerder Weg in Lehnitz

Die MAZ fragte gestern nach, was die, die täglich mit dem Auto auf der Straße „liegen“, von berufs wegen, und die einen engen Zeitplan haben und von Kunde zu Kunde eilen, vom Testjahr Tempo 30 auf den genannten Straßen in der City halten?

„Gar nichts, man kommt ja jetzt schon in der Innenstadt nicht schneller als mit 30 voran“, sagt Ronny Thiel, der seit acht Jahren Taxi in Oranienburg fährt. Der Verkehr habe enorm zugenommen in der Stadt, gerade in diesem Jahr, findet er. „Es muss ein schlüssigeres Gesamtkonzept her, zum Beispiel auch eine andere Beschilderung, damit viele gar nicht erst in die City reinfahren, sondern vorher abgeleitet werden Richtung Schmachtenhagen zum Beispiel. Man steht ja jetzt schon am Schloss im Stau. Und da muss eigentlich ein Kreisverkehr hin. Das würde was bringen. Ich als Taxifahrer muss ja den kürzesten Weg nehmen für den Kunden, also durch die Stadt. Das wird mit der Tempo-30-Regelung alles schlechter.“

„Das bringt keinen Vorteil“, glaubt auch Danny Ludwig, Kraftfahrer für einen Pflegedienst in der City. „Der Verkehr fließt dann langsamer, die Umwelt wird noch mehr belastet.“ Dazu komme, dass er zeitliche Vorgaben habe, wann er wo sein muss bei den Klienten über den Tag. Er sieht die Entscheidung mit Skepsis.

Das tut auch Birgit Aoun. Die Frau des Inhabers der Pizzeria „La Villa“ am Bötzower Platz findet: „Da ist man ja mit dem Fahrrad schneller.“ Pro Schicht liefert ein Fahrer Bestellungen in der Stadt bis nach Schmachtenhagen und Leegebruch aus. Der bekomme vor allem an den Behördentagen dienstags und donnerstags noch mehr Probleme, wenn die Beamten länger arbeiten und in den Verwaltungen „alle gleichzeitig pünktlich um 12 Uhr ihre Pizza haben wollen“. Jeder wolle schnell bedient werden, „Tempo 30 behindert das Geschäft“, findet sie.

„50 ist in Ordnung, 30 blockiert“, findet Chevy Gumpertz, seit acht Jahren Werkstattchef des Fuhrunternehmens Fromm im Gewerbegebiet. „Der Motor läuft länger, es kommen weniger Autos über die Ampeln. Man muss ständig stoppen und wieder anfahren, das bringt für die Umwelt nichts. Und es bedeutet auch mehr Bremsverschleiß“, auch das müsse man einrechnen. Er hält von dem Probejahr nichts.

Termine bei Marleen Gueffroy in der Mittelstraße 18 zu bekommen, ist nicht so einfach. Die heilenden Hände der Physiotherapeutin sind gefragt – auch bei jenen Patienten, die nicht in der Lage sind, in ihre Behandlungsräume zu kommen. Zu denen macht sich Marleen Gueffroy oft genug auf den Weg. Und immer hat sie dann ihr Handy dabei, weil sie nicht selten mit ihrem Wagen im Stau steht. „Wenn ich künftig nur noch durch die Stadt kriechen soll, auch wenn nicht so viele Autos unterwegs sind, schaffe ich es nie, allen zu helfen, die auf mich warten“, sagt sie. Lärm und Abgasbelastungen für die Leute, so ihre Überzeugung, würden wohl kaum spürbar verringert, wenn die Autos künftig durch die Stadt schleichen. Im Gegenteil: „Wenn ich 30 km/h fahre, muss mich ein Anlieger länger ertragen, als wenn ich mit 50 km/h an ihm vorbeifahre.“

Oranienburg hat sich immer wieder dafür ausgesprochen, einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. „Deshalb müssen wir alle Möglichkeiten ausloten, wie die verschiedenen Bedürfnisse vom Lärmschutz über Wohnqualität, Abgasreduzierung bis hin zur Mobilität unter einen Hut gebracht werden können. Patentrezepte gibt es nicht. Deshalb haben wir der Diskussion einen breiten Raum gegeben, um möglichst viele Aspekte in den VEP einfließen zu lassen“, so Hans-Joachim Laesicke. Mit der Straßenverkehrsbehörde des Landkreises müsse jetzt abgestimmt werden, in welchen Straßenzügen die Voraussetzungen für eine Anordnung von Tempo 30 gegeben sind. Bis Jahresende könnte die Beschilderung umgesetzt werden. „Nur durch den befristeten Praxistest wird sich zeigen, was von Nutzen ist und wo Korrekturen erforderlich sein werden“, so der Bürgermeister.

Von Heike Bergt

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