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Als das Stahlwerk für 13 Tage besetzt war

Hennigsdorf – Erinnerungen an den Streik vor 25 Jahren Als das Stahlwerk für 13 Tage besetzt war

Vor den Toren des Stahlwerk loderten die Flammen – die Eingänge wurden bewacht. Vor 25 Jahren besetzten in Hennigsdorf (Oberhavel) die Stahlarbeiter das Werk. Die Produktion war nahezu lahmgelegt. Für 13 Tage. Am Dienstag wurde an den großen Streik erinnert und daran, was die Arbeiter damit erreichten.

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Die Eingänge zum Stahlwerk wurden damals bewacht – um die Gefahr von Streikbrechern zu bannen.

Quelle: MAZ/Michael Hübner

Hennigsdorf. Nach all den Reden legten Manfred Stolpe und der Ex-Betriebsratschef Peter Schulz einen Kranz nieder, der ein kleines Stahlherz einfasst. Er ruht nun an jener Stelle, an der zu DDR-Zeiten das Tor des Stahlwerkes gestanden hatte. Auf einer Schleife des Kranzes steht ein Zitat von Regine Hildebrandt: „Man kann nur etwas verändern, wenn man sich dafür einsetzt.“ Das haben die Hennigsdorfer vor 25 Jahren versucht. Ab dem 22. November 1991 loderten vor den Toren des Stahlwerks Feuer, vom Betriebsrat eingesetzte Streikposten bewachten die Eingänge. Die Öfen im Werk wurden warmgehalten, aber die Produktion hatten die Arbeiter nahezu vollständig lahmgelegt. Gestern wurde mit einem Festakt an die 13-tägige Besetzung erinnert. Im Publikum standen neben Betriebsräten von gestern und heute, Stahlwerkern und lokaler Politprominenz auch Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter, Wirtschaftsminister Albrecht Gerber und eben der ehemalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (alle SPD).

Für 13 Tage wurde das Stahlwerk besetzt

Für 13 Tage wurde das Stahlwerk besetzt. Hunderte Menschen beteiligten sich an den Demos.

Quelle: MAZ/Schwertner

Im Verlauf des Jahres 1991 hatten sich die Anzeichen verdichtet, dass die Treuhandanstalt die Werke in Hennigsdorf und Brandenburg an der Havel an einen Stahlkocher aus Italien verkaufen würde. Es war die Riva-Gruppe, ein Familienunternehmen aus Mailand. Der Betrieb hatte die Übernahme von 700 Beschäftigten in Hennigsdorf zugesagt. Es war aber unklar, was mit den 2500 Mitarbeitern passieren sollte, die in Bereichen tätig waren, die nicht direkt mit der Stahlproduktion zu tun hatten. Die Stahlwerker wollten ein Zeichen setzen in einer Zeit, in der „Abwicklung“ das Wort der Stunde war. Es galt, möglichst viele Arbeitsplätze zu retten. Und so besetzten sie das Werk. „Das ist der Aufbruch gewesen, wo die demütigen, duldsamen Ossis mal gezeigt haben, dass sie das Kreuz gerade machen können“, erklärte der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe. Er dankte allen, die damals an der Besetzung teilgenommen hatten und lobte den einstigen Riva-Chef Emilio Riva, der 2014 verstorben ist. Mit dem Italiener habe Stolpe in Gesprächen manchen Abend verbracht. „Das Wichtigste, das ich dabei gelernt habe, war, dass Spaghetti selbst für einen Pommern ein gutes Mahl sein können.“

Um sich warm zu halten, wurden auf dem Gelände des Stahlwerks zahlreiche Feuer entflammt

Um sich warm zu halten, wurden auf dem Gelände des Stahlwerks zahlreiche Feuer entflammt.

Quelle: MAZ/Schwertner

Die Besetzung ging für die Belegschaft gut aus. Die Treuhand beteiligte sich an der Finanzierung einer Arbeitsförderungsgesellschaft, Riva übernahm die Stahlproduktion. Das ist eine Erfolgsgeschichte für Hennigsdorf, den Kreis und das Land, erklärte Innenminister Karl-Heinz Schröter, damals Landrat im Altkreis Oranienburg. „Es gab viel Skepsis, ob ein italienischer Stahlkocher der richtige sein kann, denn es gab auch von deutschen Interessenten Versprechen für Hennigsdorf“, erklärte Schröter. Doch die Familie Riva habe sich an alle Versprechen gehalten.

Die Besetzung ging für die Belegschaft gut aus – Riva übernahm schließlich das Werk

Die Besetzung ging für die Belegschaft gut aus – Riva übernahm schließlich das Werk.

Quelle: MAZ/Bruno Wernitz

Heute arbeiten 670 Mitarbeiter im Hennigsdorfer Werk. Auch für ihre Arbeitsplätze müssten sie kämpfen, das machte Wirtschaftsminister Gerber angesichts der Krise in der Branche klar. Er sei für niedrigere Energiepreise für die Industrie und gegen Dumping-Importe aus China und Osteuropa, die der europäischen Stahlbranche gegenwärtig zu schaffen machen. Er sei für Klimaschutz, aber dagegen, dass Brandenburgische Industrien wegen überzogener Umweltforderungen beim Emissionsrechtehandel plattgemacht würden. „Das wird nur dazu führen, dass hier die Arbeitsplätze verschwinden, während in China mit Uralt-Technik weiter die Schlote rauchen“, so Gerber. Dagegen werde sich die Landesregierung wehren.

Die Stahlarbeiter würdigten am Dienstag den 25 Jahre zurückliegenden Arbeitskampf

Die Stahlarbeiter würdigten am Dienstag den 25 Jahre zurückliegenden Arbeitskampf

Quelle: Enrico Kugler

Von Marco Paetzel

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