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Alter von Dealer überrascht Sucht-Experten

Drogen in Hennigsdorf Alter von Dealer überrascht Sucht-Experten

Eine Hennigsdorfer (Oberhavel) Schule machte kürzlich mit einem Drogenproblem Schlagzeilen. Schüler hatten mit Drogen gehandelt. Die MAZ hat mit einem Suchtexperte vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) über den Fall gesprochen und darüber, wie man als Schule damit umgehen sollte.

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An Schulen wird häufiger mit Drogen gehandelt.

Quelle: dpa

Hennigsdorf. Jens Wulsten (49) leitet seit 1998 die Suchtberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Rathenaustraße in Hennigsdorf. Die MAZ hat mit ihm über den Fall an der Hennigsdorfer Schweitzer-Oberschule gesprochen.

Jens Wulsten hilft Süchtigen

Jens Wulsten hilft Süchtigen.

Quelle: Paetzel


MAZ:
Herr Wulsten, Anfang des Schuljahres wurde bekannt, dass 21 Schüler der Schweitzer-Oberschule in Geschäfte mit Cannabis und Ecstasy verwickelt waren. Hat Sie das überrascht?

Jens Wulsten: Eine Schule ist als Umschlagsort für Drogen nichts Ungewöhnliches. Ich will das nicht verharmlosen, aber das ist nicht der große Knaller, mit dem niemand hätte rechnen können. Ungewöhnlich ist nur, dass da mitunter schon 13-Jährige mit Cannabis und Ecstasy gehandelt haben. Aber das geht vielleicht eher in Richtung Imponiergehabe anstatt knallhartem Handel, mit einem der Schüler habe ich darüber schon gesprochen.

Wie wirken sich denn Gras und Ecstasy auf Leistungen in der Schule aus?

Wulsten: Das hängt davon ab, wie oft und in welchem Abstand konsumiert wurde. Aber generell lässt sich sagen, dass bei Cannabiskonsum die Konzentration weg ist, die Schüler kommen im Unterricht wahrscheinlich nicht mehr mit. Ecstasy im Klassenzimmer ist ungewöhnlich, weil das eher eine Partydroge ist, bei der man quasi auf einer rosa Wolke schweben lässt. Wie sich das auf den Unterricht auswirkt, dafür bräuchte man etwas Fantasie.

Laut Ihrer Statistik haben etwa ein Drittel der Jugendlichen schon mal an einem Joint gezogen, rund zehn Prozent bekommen Probleme mit Cannabis. Wird das immer mehr?

Wulsten: Unsere Zahlen der Konsumenten schwanken jedes Jahr, aber insgesamt nimmt das Problem nicht zu. Die Konsumenten werden auch nicht unbedingt jünger. Bei einigen Leuten von der Schweitzerschule war das außerdem eine Sache, die wohl relativ einmalig war.

Sie haben mal gesagt, es gibt Wohnungen in Hennigsdorf, in denen kiloweise Koks auf dem Tisch liegt. Gibt es viele Dealer in der Stadt?

Wulsten: Im Görlitzer Park etwa wird man direkt angesprochen, ob man Drogen kaufen möchte. So etwas ist mir in Hennigsdorf noch nicht passiert. Hier probieren viele im Alter von 13 oder 14 das erste Mal Cannabis, oftmals passiert das im Sommer am See oder an öffentlichen Treffpunkten. Da lernen sie dann auch die Kontakte zu den Dealern kennen. In Hennigsdorf ist das aber noch überschaubar.

Fünf der Schüler – die Dealer - werden sich wohl eine neue Schule suchen müssen. Ist das zu hart?

Wulsten: Die Schulleiterin hat ja das Gespräch mit den Schülern gesucht, das ist ihre Entscheidung. Man muss aber auch sehen, dass die verwiesenen Schüler erst 13, 14 Jahre alt sind. Wie reagiert dann ihre neue Schule, wenn da jemand kommt, der in so jungen Jahren schon gedealt hat? Andererseits musste die Schule auch reagieren, schon der jüngeren Schüler wegen. Es darf keine Selbstverständlichkeit werden, dass mit Drogen gehandelt wird.

Ist es aber offenbar. Die Schulleiterin Yvonne Waltenberger sagt, das Problem gebe es an allen Schulen in Hennigsdorf.


Wulsten: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Drogen an Grundschulen schon eine große Rolle spiele. Aber je älter die Schüler werden, desto höher wird das Risiko. Und dann ist die Frage, ob der Drogenkonsum von der Schulleitung oder Lehrern entdeckt wird, wie vor ein paar Jahren am Puschkin-Gymnasium. Wenn so etwas nicht auffliegt, dann tappt die Schulleitung ja im Dunkeln. Man kann es deshalb nie ausschließen, diese Position vertritt ja unter anderem Frank Hering, der Schulleiter der Diesterwegschule.

Wie erleben Sie das, wenn Sie Präventionsveranstaltungen in den Schulen machen?

Wulsten: Bei den älteren Schülern ab der neunten Klasse sind im Regelfall immer Leute dabei, die schon selbst konsumiert haben. Das merkt man dann daran, dass sie verschmitzt lachen oder tuscheln. Aber dass sich auf solchen Veranstaltungen jemand outet, kommt eher nicht vor.

Glauben Sie, die Polizei müsste sich in Schulen mehr einbringen?

Wulsten: Man muss da den Ball flachhalten. Eine flächendeckende Überwachung an der Schule wäre nicht gut für das Wohlempfinden der Schüler und für die Polizei personell nicht zu stemmen. Das Prinzip, dass jede Schule einen Kontaktbeamten als Ansprechpartner hat, funktioniert bislang gut. Dabei geht es nicht nur um Drogen, auch um Stalking und Gewalt.

Was kann die Verwaltung tun?

Wulsten: Mit der Stadtjugendkoordinatorin Jennifer Burczyk haben wir das Thema schon angesprochen. Wir überlegen, wie man mit den Schulen in Zukunft noch enger beim Thema Prävention zusammenarbeitet. Die Pläne werden 2016 konkreter.

Was glauben Sie, wie viele der Schweitzerschüler kommen wieder von den Drogen los?

Wulsten: Ich gehe immer davon aus, dass es etwa zehn Prozent nicht schaffen. Bei vielen Schülern war es ja ein erster Konsum, da kann man noch nichts sagen. Man kann ja auch schlecht voraussagen, dass jemand Alkoholiker wird, wenn er in der Jugend mal trinkt.

Von Marco Paetzel

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