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Anders als die anderen

Der zehnjährige Leon ist Autist und benötigt täglich einen Schulhelfer Anders als die anderen

Der zehnjährige Leon aus Hennigsdorf hat gute Schulnoten. Aber nur, weil ihn eine Schulhelferin täglich zur Seite steht. Jetzt hat das Jugendamt diese Hilfe gekürzt. Die Eltern laufen Sturm dagegen.

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Eine Therapeutin für autistische Kinder arbeitet mit einem kleinen Patienten.

Quelle: Foto: dpa

Hennigsdorf. Mit fünf konnte er lesen. Was ihn interessiert, begreift er schnell. Eine hochkomplexe Software für Omnibusse hatte er in 24 Stunden durchgearbeitet und 50 Fehler gefunden.

Der zehnjährige Leon Henning aus Hennigsdorf besucht die Bibergrundschule in Nieder Neuendorf und bringt beste Schulnoten nach Hause. Allerdings nur, weil ihm eine Schulhelferin täglich zur Seite steht. Denn Leon ist Autist, er leidet unter dem Asperger-Syndrom. Er hat ein hohes Fachwissen und kann sich gut konzentrieren. Aber mit Veränderungen im sozialen Bereich kann er nicht umgehen. Betritt ein Vertretungslehrer die Klasse, regt das Leon dermaßen auf, dass er die Teilnahme am Unterricht verweigert. Er fuchtelt mit den Armen und braucht eine vertraute Person, die mit ihm den Klassenraum verlässt und ihm hilft, sich wieder zu beruhigen. Generell sind Abbrüche von Beziehungen ein großes Problem für Leon. Er braucht lange, um Vertrauen zu einem Menschen aufzubauen. Wird ein Helfer durch eine andere Person ersetzt, ist das für Leon eine große Katastrophe. Seine Eltern bemühen sich, ihm zu helfen. Doch sie beklagen, dass sie von staatlicher Stelle nicht die ihnen zustehende Unterstützung erhalten. Was die Eltern aktuell ex­trem belastet, ist der Bescheid des Jugendamtes, wonach der Junge statt bisher 23 Stunden Schulhilfe nur noch 15 Stunden pro Woche erhält. Die Schule möge den Restbedarf ausgleichen, heißt es in diesem Bescheid.

7 von 1000 Menschen sind betroffen

Autismus ist eine Entwicklungsstörung. Unterschieden werden zwei Formen, der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom) und das Asperger-Syndrom, das sich oft erst nach dem dritten Lebensjahr bemerkbar macht.

Die Symptome und Ausprägungen des Autismus sind vielfältig. Sie können von leichten Verhaltensproblemen bis zu schwerer geistiger Behinderung reichen.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass 6 bis 7 von 1000 Menschen Autisten sind. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.

Einen solchen Bescheid empfinden die Eltern als Bestrafung. Denn im Jugendamt wisse man genau, dass die Schule nicht mehr leisten könne. Bereits im Dezember 2014 hieß es nach einer Zusammenkunft beteiligter Fachkräfte im Jugendamt im Protokoll der Beratung: „Die schulischen Möglichkeiten sind ausgeschöpft.“ Wie Leons Vater Patrick Henning informiert, gebe sich die Bibergrundschule viel Mühe. Seit der Einschulung habe Leon dieselbe Klassenlehrerin. Der Stundenplan wurde so umgestellt, dass die Klassenlehrerin möglichst viele Stunden in Leons Klasse gibt. Doch, wie es im Schulgutachten heißt, werden das 5. und 6. Schuljahr große Veränderungen für Leon mit sich bringen. Verschiedene Fachlehrer werden die Klassenlehrerin ersetzen. „Daraus ergibt sich für Leon eine Überforderung. Die Situation kann Konflikte sowohl im Unterricht als auch in den Pausen hervorrufen.“ Die Länge des Schulalltages werde Leon mit 31 Stunden pro Woche überfordern. Aus Sicht der Klassenlehrerin und der Schulleitung wird Leon zwingend eine ständige Betreuung benötigen, um uneingeschränkt am Schulalltag teilnehmen zu können.

Leons Eltern Birgit und Patrick Henning machen sich große Sorgen, dass mit der Reduzierung der Schulhilfestunden erreichte therapeutische Erfolge nachhaltig gefährdet werden. Sie sind deshalb in Widerspruch zum Bescheid des Jugendamtes gegangen und erwägen auch eine Klage. Sie werfen dem Mitarbeiter des Jugendamtes, der mit dem Fall Leon Henning betraut ist, vor, „Leistungen nach Befinden und Laune zu vergeben und zu streichen“.

Diesen Vorwurf weist Kreissprecher Ronny Wappler zurück. Durch jahrelange Leistungen des Landkreises „konnte ein deutlicher Schritt der sozialen Eingliederung“ bei Leon erreicht werden. Deshalb sei entschieden worden, den Hilfeumfang ab 1. April 2015 zu verringern. Außerdem seien vorrangig Schule und Krankenkasse in der Pflicht.

Dieser Verweis auf andere Behörden bringt die Eltern auf die sprichwörtliche Palme. Die Rangelei zwischen den Behörden könne doch nicht auf den Schultern des Kindes und seiner Familie ausgetragen werden. Eine Behörde müsse doch den Hut aufhaben, sagt Patrick Henning. Er und seine Frau haben sich deshalb hilfesuchend an die Ombudsstelle der Kinder- und Jugendhilfe Brandenburg e. V., Boje, gewandt. Boje-Mitarbeiter Günther Elbel sieht die Eltern im Recht. Beim Asperger-Syndrom gebe es keine Besserung. Leon brauche Rituale und die ständige Schulbegleitung. Die fachliche Einschätzung des Jugendamtmitarbeiters sei nicht richtig. Elbel verweist auf ein Urteil des Verwaltungsgerichtes Münster mit gleichem Krankheitsbild und auf ähnliche Beispiele aus anderen Landkreisen. Versuche, Schulbegleitungsstunden zu kürzen, seien gescheitert. Grundsätzlich, betont der Experte: „Das Jugendamt ist Ausfallbürge, wenn eine Schule sagt, sie kann nicht mehr leisten.“

Von Marion Bergsdorf

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