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Ansturm auf „Mein Kampf“ in Oberhavel

Kritische Schullektüre und Auseinandersetzung Ansturm auf „Mein Kampf“ in Oberhavel

Bücher enthalten nicht nur ausgedachte Geschichten. Anne Franks Tagebuch und Hitlers „Mein Kampf“ machen das deutlich. Die zwei bekanntesten Schriftdokumente aus der NS-Zeit sind teils Schullektüre. Zum Verkaufsstart der neuen, kommentierten Edition von „Mein Kampf“ gab es unter Buchhändlern Diskussionen.

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Die neue „Mein Kampf“-Ausgabe schafft es derzeit in die Top Ten der meistverkauften Bücher .

Quelle: Marco Winkler

Oberhavel. Es gibt zwei Werke aus der NS-Zeit, die sich im kollektiven Bewusstsein verankert haben. Man muss sie nicht zwingend gelesen haben, aber der Name ist geläufig: Anne Franks Tagebuch und „Mein Kampf“. Ersteres läuft aktuell in einer neuen Verfilmung im Kino, zweiteres kam Anfang Januar als zweibändige „kritische Edition“ auf den Markt. Schon vor dem Erscheinungstag gab es 15 000 Vorbestellung. Wie ist die Nachfrage in Oranienburg?

„Von der ersten Auflage haben wir nichts verkaufen können, die Bücher kamen bei uns erst gar nicht an“, sagt Kerstin Pelz, Leiterin der Havelbuch-Filiale in Oranienburg. Schon lange vor Erscheinen war die Neuauflage vergriffen. Laut Kerstin Pelz, die sich einer Wertung des Buches enthalten möchte, haben nicht „die typischen Nazis“ das Buch geordert, wie es vielerorts die Befürchtung war. „Es waren Ärzte und Lehrer unter den Kunden, die sich kritisch mit dem Werk auseinandern setzten wollen.“

Anne Franks Tagebuch im Mosaik-Gymnasium Schullektüre

Zuletzt gab es so einen Ansturm auf ein Buch im vorigen Jahr. Da kämpften „Das geheime Leben der Bäume“ und „Darm mit Charme“ um die Gunst der Leser. Jetzt ist es Hitlers Hetzschrift, von Historikern überarbeitet.

Das „Gegenstück“ zu Hitlers Gedanken, Anne Franks Tagebuch, so Kerstin Pelz, sei nach wie vor beliebt. Der Verkauf sei Jahr für Jahr „konstant“, gerade jetzt steige er vielleicht wieder etwas an, da ein Kinofilm über das jüdische Mädchen, das sich mit ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckte, ihr berühmtes Tagebuch schrieb und schließlich im KZ Bergen-Belsen starb, über die Leinwand flimmert.

Gelesen wird das Buch in den Klassenstufen 5 bis 8 am Mosaik-Gymnasium. Laut Lehrer Stefan Lobert seien die Schüler vom Schicksal des Mädchens „bewegt“, die kritische „Mein Kampf“-Edition werde voraussichtlich ausschnittsweise in der Oberstufe Thema sein. „Beschlüsse wurden noch nicht gefasst, Absichtserklärungen liegen vor“, so Stefan Lobert in einer E-Mail.

Anne Franks Tagebuch steht in den meisten Buchläden, findet nach wie vor seine Leser in ganz Deutschland und weltweit

Anne Franks Tagebuch steht in den meisten Buchläden, findet nach wie vor seine Leser in ganz Deutschland und weltweit.

Quelle: Marco Winkler

Direkt mit Zettel und Stift an Anne Frank schreiben die Achtklässler des Runge-Gymnasiums. Dort ist das Tagebuch Schullektüre, verbunden mit einem Besuch im Berliner Anne Franks Zentrum sowie einem Workshop. „Die Jugendlichen richten sich direkt an Anne Frank, teilen ihr Wünsche und Hoffnungen mit, ziehen Vergleiche zu ihrem heutigen Leben“, sagt Geschichts- und Deutschlehrerin Antje Zierer über die Brief-Aktion. „Vor der Lektüre muss aber Geschichtswissen vermittelt werden, weil die 8. Klassen das noch nicht hatten.“ Die NS-Zeit komme erst später im Schulstoff vor. Deshalb sehe sie es nicht als sinnvoll an, ferner Auszüge der aktuellen „Mein Kampf“-Edition in den Lehrplan zu integrieren.

„Mein Kampf“ auch in der Stadtbibliothek erhältlich

In der Stadtbibliothek ist die Anschaffung von „Mein Kampf“ kritisch diskutiert worden. Über einen Boykott wurde durchaus nachgedacht. „Wir haben uns aber dagegen entschieden“, sagt Bibliothekarin Jennifer Bonk. Der Grund: „Es handelt sich um ein wissenschaftliches Werk, um ein Sachbuch.“ Nachgefragt wurden die kommentierten Aufzeihnungen Adolf Hitlers schon mehrfach. „Allerdings bei Weitem nicht so stark wie ein neuer Harry Potter-Band oder Gregs Tagebuch.“ Aktuell liegt die kritische „Mein Kampf“-Version nicht aus. „Wir kaufen es noch“, so Jennifer Bonk.

So steht eine Ausgabe im Lehrerzimmer des Louise-Henriette-Gymnasiums. Die brauche es aber nicht zwingend, so Lehrerin Ariete Steinmöller. „Wir lesen im Unterricht Auszüge aus der Originalschrift.“ Die werden kritisch mit den Schülern beleuchtet. Die 2000 Seiten lange Neufassung samt 3700 Fußnoten erfinde das Rad nicht neu, so Ariete Steinmöller. „Es kann sich niemand mehr entblöden als Hitler selbst“, ist ihr Urteil über die Verwendung der Originaltexte.

Kein Nährboden für rechtes Gedankengut in Oberhavels Norden

Einen Nährboden für rechtes Gedankengut bietet das Buch nicht, eher die Möglichkeit einer reflektierten Geschichtsrezeption und -aufarbeitung. Das sieht auch Ines Rolff so. Ein Boykott sei für die Inhaberein zweier Buchläden in Gransee und Fürstenberg „kein Thema“ gewesen. „Es ist ein Stück Zeitgeschichte“, sagt sie. Mitarbeiterein Andrea Behrmann, welche die Buchhandlung in Gransee führt, fügt hinzu: „Bisher haben es hoch gebildete Menschen, darunter Doktoren, gekauft, die sich mit dem Werk in kritischer Form auseinandersetzen.“

Noch keine konkreten Nachfragen gibt es in den Bibliotheken im Norden Oberhavels. Dort sei das Interesse an „Mein Kampf“ gering, teilen Irina Schulz und Astrid Krüger mit. Im Bestand ist das Buch nicht. Sollte jemand nachfragen, wird es per Fernleihe bestellt. Anne Franks Tagebuch hingegen sei ein „Klassiker“, der mehrfach im Jahr ausgeliehen wird, so die beiden Bibliotheksleiterinnen aus Gransee und Zehdenick.

Von Marco Winkler

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