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Antons verlorene Zeit

17-jähriger Rollstuhlfahrer aus Mühlenbeck kämpft um Ausbildungsplatz Antons verlorene Zeit

Anton Hasse aus Mühlenbeck (Oberhavel) läuft die Zeit davon: Seit Monaten wartet der im Rollstuhl sitzende 17-Jährige darauf, seinen Ausbildungsplatz in Greifswald antreten zu können. Doch Sozialamt, Arbeitsagentur und Krankenkasse können sich nicht über die Kostenteilung einigen. So sind bereits drei Starttermine für seine Ausbildung verstrichen.

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Anton Hasse zu Hause in seinem Rollstuhl.

Quelle: Helge Treichel

Mühlenbeck. Anton Hasse aus Mühlenbeck ist wie alle 17-Jährigen: Er hat Träume, Wünsche, Ziele. Das Leben ist verheißungsvoll. Er liebt die Natur und den Sport. "Mein Traum wäre eine eigene Wohnung", sagt er.

Doch für Anton hat die Sache einen Haken. Er sitzt wegen Muskeldystrophie (Muskelschwund) im Rollstuhl. Seit Wochen und Monaten wartet er darauf, seinen Ausbildungsplatz im Berufsbildungswerk Greifswald antreten zu können. Drei Starttermine sind inzwischen verstrichen. Die verschiedenen Leistungsträger konnten sich bisher nicht darauf einigen, wie die Kosten untereinander aufgeteilt werden. Das Warten zermürbt nicht nur Anton, sondern auch seine Eltern, beide berufstätig. Seit August organisieren sie die 24-Stunden-Rundumpflege des jüngsten ihrer drei Söhne in Eigenregie. "Wir hängen in den Seilen", beschreibt Vater Bernhard Hasse die gegenwärtige Situation.

Anton besuchte bis zum Ende des vergangenen Schuljahres die Regine-Hildebrandt-Gesamtschule in Birkenwerder. Betreuung und Assistenz waren geregelt. Es gab einen Einzelfallhelfer. Nach erfolgreichem Abschluss der 10. Klasse entschied sich der 17-Jährige für eine Ausbildung, inklusive eines berufsvorbereitenden Jahres. "Weil ich selbst noch nicht weiß, was das Passende für mich ist", sagt Anton. Seine Idee wäre, am Computer zu arbeiten - "in Richtung Mediengestaltung". Da könne man in verschiedenen Themengebieten arbeiten, notfalls auch ehrenamtlich für gemeinnützige Organisationen oder Vereine.

Die Entscheidung dafür war gereift, nachdem Berater der Arbeitsagentur bereits in der 9.Klassenstufe die Möglichkeiten aufgezeigt hatten. Schon vor einem Jahr wurden ihm drei geeignete Einrichtungen vorgeschlagen. Anton entschied sich nach zwei Besichtigungstouren für das Berufsbildungswerk in Greifswald. Bereits im Mai dieses Jahres kam die Zusage für den Ausbildungsplatz - allerdings unter Vorbehalt. Die Familie sollte sich privat um die Modalitäten von Assistenz und Pflege kümmern. Genau daran hapert es: Der Antrag auf ein dafür erforderliches persönliches Budget beim Sozialamt des Landkreises ist seit dem 8.Mai noch nicht beschieden. Da die Krankenkasse jegliche Leistung ablehnte, wurde die Familie aus dem Sozialamt Anfang September dazu gedrängt, einen Eilantrag beim Sozialgericht zu stellen. Ergebnis: Die Richterin sah kein Rechtsschutzbedürfnis und übertrug der Arbeitsagentur die Federführung im weiteren Prozedere.

"Unser Rehateam kümmert sich intensiv", sagt Christoph Fischedick, Leiter der Oberhaveler Arbeitsagentur. Für den 8.November ist zu einer Budgetkonferenz eingeladen worden. Mit am Tisch: Arbeitsagentur, Landkreis Oberhavel und die Krankenkasse von Familie Hasse, die Barmer GEK. Bernhard Hasse hatte massiven Druck machen müssen, damit ein zeitnaher Termin anberaumt werden konnte.

Die Krankenkasse jedenfalls sei nach den Worten von Barmer-Sprecher Kai Behrens nicht in der Pflicht. "Es geht um die Teilhabe am beruflichen Leben. Dafür ist die Arbeitsagentur zuständig", sagt Behrens. Das betreffe ebenso die Intensivpflege als Bestandteil der beruflichen Rehabilitation. Genau das wird bei der Arbeitsagentur anders gesehen. Nach Auffassung von Fischedick sei in der Fallberatung erst auszuhandeln, welcher Kostenträger welchen Kostenbeitrag übernimmt: "Ich hoffe, dass wir dem Jungen helfen können", sagt er.
Und das Sozialamt? "Der Landkreis Oberhavel wirkt im Rahmen seiner Zuständigkeit intensiv an einer Lösung zur Unterstützung von Anton Hasse mit", schreibt Kreissprecher Ronny Wappler: "Für den Beginn der Maßnahme sieht sich der Landkreis Oberhavel jedoch nicht in der Leistungsverantwortung."

In diesem Zuständigkeitsgerangel bleibt er bislang auf der Strecke: Anton Hasse. Seine Hoffnungen auf ein selbstbestimmteres Leben, seine Erwartungen an die Gemeinschaft mit Gleichaltrigen und anderen Gehandicapten werden von Bürokraten auf die lange Bank geschoben, bedauert sein Vater. "Weil die Muskelkrankheit fortschreitet und es darauf ankommt, die Lebenszeit intensiv und gut zu füllen, ist die zwangsweise Wartezeit für Anton verlorene Zeit." Aus seiner Berliner Rollstuhlhockeygruppe wissen Anton und seine Eltern, wie gut ihm die Gemeinschaft tut, welche Kraft und Motivation er daraus schöpft. In seinem Zimmer steht ein Pokal von einem Rolli-Turnier am 13. Oktober 2012. Er lacht, als er über die Schrauben erzählt, die nach so einem Spiel auf dem Parkett liegen bleiben können.
Mit einem persönlichen Budget würde Anton Hasse zum Arbeitgeber. Er könnte eigene Assistenten einstellen. Für ihn wäre das ein wichtiger Schritt, um seine Träume zu verwirklichen.

Von Helge Treichel

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