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Ausstellung zum Datum der Schande

Oranienburg Ausstellung zum Datum der Schande

Vor 75 Jahren verbot das NS-Regime jüdischen Deutschen das Betreten von Leihbibliotheken. Die Stadtbibliothek Oranienburg nahm den wenig beachteten Jahrestag zum Anlass, Werke jüdischer Literaten auszustellen.

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Hans Biereigel mit zwei Vertreterinnen der jüdischen Gemeinde Oranienburgs am Dienstag in der Stadtbibliothek.

Quelle: Foto: Enrico Kugler

Oranienburg. Am 25. April 1933 begrenzte das sogenannte „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ erstmals den Anteil jüdischer Schüler und Studenten in Deutschland. Ein weiterer Einschnitt jährte sich am 2. August zum 75. Mal: das Verbot für Juden, Leihbibliotheken zu benutzen. Ein wenig beachteter Jahrestag.

Katharina Bölke musste als Bibliothekarin nicht auf das Datum aufmerksam gemacht werden. Für sie hat der 2. August, den sie als „Datum der Schande“ bezeichnet, eine persönliche Bedeutung. Im Jahr 1975 kam Bölke als 24-jährige Studentin nach Oranienburg und arbeitet seitdem in der Stadtbibliothek, deren Leiterin sie heute ist. Zum Jahrestages des Bibliothekverbots stellte sie am Dienstag zeitgenössische und historische Literatur jüdischer Autoren sowie Fach- und Holocaust-Literatur aus. „Ohne den jüdischen Geist wäre unsere Kultur arm!“, sagte Bölke. „Viele erfolgreiche Autoren sind jüdischer Abstammung, leider ist das allgemein viel zu wenig bekannt.“

Zu der Veranstaltung eingeladen waren auch der Historiker und langjährige Direktor der Gedenkstätte Sachsenhausen, Hans Biereigel, und Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Oranienburg. Biereigel gab im Lesesaal der Bibliothek eine ebenso anschauliche wie bedrückende Vorlesung und nannte eine Vielzahl grausamer Details der menschenverachtenden Unterdrückungspraxis der SS. Besonders ergriffen zeigte sich das Publikum, als der Historiker eine zweiseitige Namensliste von Juden Wort für Wort vorlas, die aus Oranienburg deportiert wurden.

Natürlich sei die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse schmerzhaft, sagte Katharina Bölke, doch der Stadt Oranienburg käme eine besondere Verantwortung zu: „Die Dinge, die damals geschehen sind, werden uns niemals loslassen. Sie sind eng mit dem Namen Oranienburg verbunden.“ Als früherer Sitz der Zentralverwaltung aller Konzentrationslager im Dritten Reich werde die Stadt auch die „SS-Stadt Oranienburg“ genannt. Und tatsächlich: Der Autor Christian Welzer beschreibt Oranienburg in seinem kritischen Bericht über die Planung des Konzentrationslagers Sachsenhausen als „Idealstadt der Unterdrückung“. Am Ende der Veranstaltung wendet sich ein älteres Ehepaar an die Bibliotheksleiterin, sagt: „Hätte ich gewusst, welch dunkle Vergangenheit auf dieser Stadt lastet, dann wäre ich nicht hierher gezogen.“

Katharina Bölke und die Stadtbibliothek Oranienburg haben sich im Sinne der Aufklärung für eine offensive Auseinandersetzung mit der Geschichte entschieden. Veranstaltungen wie die Ausstellung am 2. August sollen zeigen, wie sehr jüdische Denker die Gesellschaft auch im Bildungssektor bereichert haben und dies auch heute wieder tun. Auch der Bürgermeister von Oranienburg, Hans-Joachim Laesicke, sprach der Initiative der Stadtbibliothek seine Unterstützung aus: „Die Ausstellung der Stadtbibliothek gedenkt jüdischem Leben in Oranienburg und bringt diese Facette unserer Stadt, die vor der Wiedervereinigung lange gefehlt hat, endlich wieder zum Leuchten.“

Von Nadim Baker

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