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Oberhavel Brandenburgische Gedenkstätten wollen nicht mit der AfD diskutieren
Lokales Oberhavel Brandenburgische Gedenkstätten wollen nicht mit der AfD diskutieren
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00:22 16.02.2019
700.000 Besucher durchschritten 2018 den Eingang zur Gedenkstätte Sachsenhausen bei Oranienburg. Quelle: AP /Markus Schreiber
Potsdam

„Das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen stellt uns insgesamt vor neue Herausforderungen“, sagte Axel Drecoll gestern in Potsdam. Drecoll leitet seit Juni 2018 die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, die gestern zur Jahrespressekonferenz in die Staatskanzlei einlud. „Der Versuch, die Erinnerungskultur durch die Verharmlosung der NS-Geschichte fundamental zu verändern, betrifft uns unmittelbar“, so Drecoll. Eine Podiumsdiskussion mit Revisionisten wie Alexander Gauland (AfD), der „Hitler und die Nazis“ als „Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“ bezeichnet hat, schloss er kategorisch aus.

Kein Schlussstrich ziehen

„Wir möchten keinen Schlussstrich ziehen, auch wenn die Verbrechen zeitlich immer weiter zurückliegen“, betonte auch Martina Münch (SPD), die als Kulturministerin den Vorsitz der Stiftung innehat. Auf die Nachfrage, ob man mit AFD-Anhängern nicht über Filmvorführungen das Gespräch suchen sollte, antwortete sie wirsch. „Warum sollten wir Bildungsarbeit für die AfD machen. Es gibt keine speziellen Bildungsangebote für die AfD.“

Doch das Thema wird nicht umgangen: Im Juni plant die Gedenkstätte Sachsenhausen eine Podiumsdiskussion über Rechtspopulismus und Erinnerungskultur. „Wir wollen diese Kräfte nicht größer machen als sie sind“, sagte Drecoll. Im Jahr gebe es „zwei, drei bedenkliche Vorfälle“, das seien Ausnahmen. 

Es werden viele Besucher gezählt

Dagegen stehen andere Zahlen: Allein für das ehemalige KZ Sachsenhausen weist die Statistik 700000 Besucher aus. Weitere 140 000 Besucher strömten den Angaben zufolge in die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück sowie nach Brandenburg/Havel, wo der Opfer der Euthanasie-Morde der Nazis sowie der totalitären Justiz gedacht wird. 11 000 Besucher fanden den Weg in die Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße, die vor zehn Jahren im ehemaligen Gefängnis des sowjetischen Militär-Geheimdienstes in Potsdam eröffnet wurde und in der nun vier Mitarbeiter fest angestellt sind.

4500 „pädagogische Einheiten“ rechnen die Brandenburgischen Gedenkstätten für 2018 ab, das heißt: Täglich wurden mehr als zwölf Angebote durchgeführt. Im pädagogischen Bereich schlagen seit Januar 4,5 neue Stellen zu Buche. Die öffentliche Förderung wurde 2019 um 800 000 Euro auf 4,2 Millionen Euro angehoben. Damit sollen die Schattenseiten der Geschichte zeitgemäß vermittelt und digitale Datenbanken ausgebaut werden.

„Dialog auf Augenhöhe“

„Etwa die Hälfte der Besucher in Sachsenhausen kommen aus dem Ausland“, sagte Drecoll. „Uns beschäftigt sehr die Frage, wie wir die Bevölkerung Brandenburgs erreichen können.“ Künftig möchten die Gedenkstätten auch Geschichtsinitiativen von Einheimischen unterstützen. Ihnen stellte er einen „Dialog auf Augenhöhe“ in Aussicht und auch Veranstaltungen, auf denen „gegenwartsnahe Themen“ diskutiert werden.

Seit sechs Wochen präsentieren sich die Gedenkstätten mit einem neuen Internetauftritt. Die Seite im Netz setzt vor allem auf Übersichtlichkeit, Texte und Fotos. Kurzfilme, virtuelle Rundgänge oder Animationen, die das Grauen der Lager und Gefängnisse vergegenwärtigen, wird man vergeblich suchen. „Da verläuft für mich eine Grenze. Wir versuchen nicht, die schrecklichen Erfahrungen eins zu eins aufleben zu lassen. Wir sollten nicht rekonstruieren“, so Drecoll. Damit grenzte er sich von suggestiven Ansätzen ab, die Gedenkstätten wie Yad Vashem in Israel oder das Holocaust Memorial Museum in den USA praktizieren.

Den Verfallszustand bewahren

Nach dem Aussterben der Zeitzeugen-Generation stehen die Geschichtsvermittler vor der Frage, wie sich die Erfahrungen an nachwachsende Generationen weitergeben lassen. „Uns geht es um Spurensuche. Viele Relikte sind nicht mehr vorhanden, viele historische Orte überformt. Wir bewahren das Vorhandene und bieten Informationen an“, erklärte der 44-jährige Bayer. Und Maria Schultz, kommissarische Leiterin der Gedenkstätte Leistikowstraße, fügte hinzu. „Unsere Aufgabe ist es, den Verfallszustand des ehemaligen Gefängnisbaues zu erhalten.“

Brisante Jubiläumsfeier

In Fürstenberg/Havel wird im September des 60. Jahrestages der Gründung der Gedenkstätte Ravensbrück in dem ehemaligen Frauenkonzentrationslager gedacht. Die Feier ist geschichtspolitisch brisant, da unter Federführung der DDR 1959 die nichtkommunistischen Opfergruppen marginalisiert wurden. Im letzten Jahr missbrauchten zudem polnische Nationalisten, angeführt von der Gattin des Präsidenten Andrzej Duda, den Anlass für ihre Zwecke. Die Sanierung des Wasserwerks und des Zellenbaus sind in Fürstenberg so gut wie abgeschlossen. Zum Jubiläum steht eine Ausstellung über deutsche politische Häftlinge auf dem Programm.

Von Karim Saab

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