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Birkenwerder heißt Flüchtlinge willkommen

Willkommensinitiative gegründet Birkenwerder heißt Flüchtlinge willkommen

Ab diesem Monat sollen im Behindertenwohnheim neben der Regine-Hildebrandt-Gesamtschule in der Hubertusstraße in Birkenwerder 40 Flüchtlinge und Asylbewerber untergebracht werden. Eine Willkommensinitiative hat sich deshalb im Ort gegründet. Zwei der 30 Mitbegründer gaben der MAZ ein Doppelinterview.

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Hiram Villalobos (l.) und Martin Heipertz von der Willkommensinitiative Birkenwerder.

Quelle: Helge Treichel

Birkenwerder. Ab diesem Monat sollen im Behindertenwohnheim neben der Regine-Hildebrandt-Gesamtschule in der Hubertusstraße in Birkenwerder 40 Flüchtlinge und Asylbewerber untergebracht werden. Laut der aktuellen Unterbringungskonzeption des Landkreises werden 40 weitere Plätze in einer zentralen Wohnstätte in der Geschwister-Scholl-Straße eingerichtet – ebenfalls im August. Eine Willkommensinitiative hat sich deshalb im Ort gegründet. Zu den 30 Mitbegründern gehören Hiram Villalobos (56), freiberuflicher Webentwickler, und Dr. Martin Heipertz (38) Referatsleiter im Bundesfinanzministerium.

MAZ: Was hat Sie persönlich veranlasst, sich für Flüchtlinge zu engagieren?

Hiram Villalobos: Vor 30 Jahren bin ich selbst Flüchtling aus Chile gewesen. Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man die Sprache nicht beherrscht und sich fremd fühlt. Mir selbst begegneten große Solidarität, aber auch Blödmänner. Als ich mit meiner Familie vor zwölf Jahren nach Birkenwerder gezogen bin, herrschte eine andere Stimmung: Das bürgerschaftliche Engagement war darauf gerichtet, etwas gegen Rechtsradikalismus zu tun. Ich habe mich dafür engagiert und habe heute den Eindruck: Das hat sich gelohnt. Wenn also Flüchtlinge kommen, dann muss man da hingehen, und sie willkommen heißen!

Martin Heipertz: Ich sehe das genauso, auch wenn es bei mir natürlich andere Gründe gibt. Aber als Mensch und als Christ fühle ich mich berufen, hier mit anzupacken, wenn es darum geht, dass unsere Mitmenschen ordentlich empfangen werden und unsere Gastfreundschaft erhalten statt Ausgrenzung und Bürokratie. Natürlich muss man das im weiteren Verlauf auch differenzieren – ich bin nicht naiv. Ich war ein Jahr lang für die EU auf dem Balkan tätig, und zwar im Kosovo. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus habe ich durchaus eine kritische Haltung, was den Anspruch auf Asyl für jemanden betrifft, der von dort hierher kommt. Meine Hilfsbereitschaft ist primär auf diejenigen gerichtet, die wirklich vor Krieg und Verfolgung zu uns fliehen. Aber zunächst einmal muss doch jedem als Mensch begegnet werden, und dafür will ich etwas tun.

Dass es durchaus unterschiedliche Beweggründe, Haltungen und Sichtweisen in der Initiative gibt halte ich für ein wichtiges Signal an alle, die sich ebenfalls engagieren wollen. Wirkt sich das auch praktisch aus?

Villalobos: Ich bin der Meinung, dass wir nicht fragen sollten, wer aus der Balkanregion kommt und wer nicht. Wir werden nicht fragen, ob jemand Moslem, Christ oder sonst etwas ist. Und wir hinterfragen nicht, was für ein Mensch jemand ist. Wir wollen auf seine momentane Situation reagieren und diese erleichtern. Es gibt eine gemeinsame Grundhaltung, aber vermutlich auch Abweichungen im Detail. Unsere Initiative ist sehr offen.

Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) hat Gutscheine für Leute aus dem Kosovo vorgeschlagen. Das nach seinem Weggang abgeschaffte Gutscheinsystem hat ihm schon als Oberhavel-Landrat Kritik und Proteste beschert. Zurecht?

Heipertz: Ich finde diesen Ansatz nachvollziehbar, um wirtschaftliche Fehlanreize zu vermeiden. Wenn aber die Flüchtlinge vor der Tür stehen, frage ich zuerst, was man für sie tun kann. Alles andere ist zweitrangig.

Villalobos: Der damalige Landrat wurde für die Gutscheinpolitik auch von uns kritisiert. Wir sind zufrieden, dass dieses System nun auch in Oberhavel abgeschafft ist.

Welche Ziele verfolgt Ihre Willkommensinitiative konkret?

Villalobos: Wir haben drei Grundideen: Erstens ist das die Menschlichkeit. Wir wollen Leuten in Not helfen. Sie haben ihr Leben in Gefahr gebracht, um herzukommen. Wir wollen sie so empfangen, dass ihre Leiden gemildert werden. Zweites Ziel ist es, Vorurteile und Ängste, die in der Bevölkerung entstehen, abzubauen. Und drittens wollen wir mit denen in Kontakt treten, die über das Leben und die Versorgung der Flüchtlinge Entscheidungen treffen. Dabei wollen wir nicht verlängerter Arm der Verwaltungen sein, sondern auch kritisch und unbequem.

Heipertz: Zum zweiten Punkt möchte ich etwas ergänzen. Unkenntnis und Vorurteile sind der Saatgrund für Unsicherheit und Missstimmungen. Es gibt doch im Grunde zwei Reaktionsmöglichkeiten auf die aktuelle Situation: Konstruktiv und offensiv oder destruktiv und passiv. Wenn uns allen gemeinsam ein guter Start gelingt, kann es eine gute Folgeentwicklung geben. Bei einem schlechten Start ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Deshalb müssen wir vermitteln und Informationen verbreiten. Ich war zum Beispiel wirklich erschüttert über ein Gespräch, das ich beim Frisör zufällig mit angehört habe. Da wurde mir klar: Es muss etwas getan werden, damit hier nichts schief geht. Dass die Informationen so dürftig sind, kann bedeuten, dass Verwaltungsstrukturen überfordert sind oder die Situation tatsächlich chaotisch ist.

Villalobos: In Birkenwerder verteilen sich 80 Flüchtlinge auf zwei Standorte. Das ist erst einmal eine gute Ausgangsposition. Das vermeidet eine Ghettoisierung und unterstützt die Integration. Und das erleichtert die Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen.

Auch wenn die Initiative erst eine Woche alt ist, gibt es schon konkrete Aktionen?

Villalobos: Die Plätze werden ab August beziehungsweise Anfang September belegt. Deshalb müssen wir schnell agieren. Wir haben eine Lenkungsgruppe gebildet und Arbeitsgruppen für die Umsetzung. In dieser Woche trifft sich die AG, die eine Begrüßungsaktion organisiert. Wir denken zum Beispiel an ein gemeinsames Essen. Außerdem werden Flyer in unterschiedlichen Sprachen verteilt, um einen Überblick über den Ort zu vermitteln. Geplant sind Sprachunterricht und eine Fahrradspendenaktion. Es gibt zudem viele weitere Ideen. Unsere Internetseite ist fast fertig, ein Spendenkonto stellt uns der Verein Nordbahngemeinden mit Courage (NmC) zur Verfügung. Ein weiterer Schwerpunkt bezieht sich auf das Sammeln von Informationen. Dafür gibt es inzwischen eine Ansprechpartnerin im Fachbereich Soziales der Kreisverwaltung. Uns geht es um ganz lebenspraktische Fragen wie die Anmeldung beim Einwohnermeldeamt, die Gesundheitsversorgung sowie die Kita- und Hortbetreuung. Wir müssen unsere Mitglieder und Akteure qualifizieren, um fundierte Kenntnisse und Routine zu bekommen. Wir wollen nicht gegen die Verwaltung arbeiten, sondern zusammen etwas tun.

Heipertz: Das hohe Maß an spontaner Hilfsbereitschaft muss organisiert und kanalisiert, aber auch verstetigt werden, sodass auch noch in vier Wochen oder vier Monaten Helfer zur Verfügung stehen.

Villalobos: Wichtig ist deshalb die Vernetzung mit denjenigen, die bereits länger agieren, zum Beispiel dem Flüchtlingsrat. Für Anfang September wollen wir an einem Gespräch mit Vertretern aller Willkommensinitiativen teilnehmen. Zahlreiche Fragen stehen auf der Tagesordnung. Uns interessiert zum Beispiel, wie der Landkreis das Thema in Zukunft anpacken will und wie mit Wohnungen weiter verfahren wird. Mit den Akteuren aus der Verwaltung arbeiten wir bereits außerordentlich gut zusammen. Es gibt zudem eine Reihe von Fördermitteln, die wir in Anspruch nehmen können. Das Land bietet zum Beispiel Workshops an.

Wie bekommt jemand Kontakt, der mithelfen möchte?

Villalobos: Die Kontaktaufnahme ist über meine Telefonnummer möglich unter 03303/21 85 89 oder unter der Adresse email@willkommen-in-birkenwerder.de.

Von Helge Treichel

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