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„Bruder Ignatius“ opfert sich

Oranienburg „Bruder Ignatius“ opfert sich

Im Schlosshof zu Oranienburg tummelt sich seit Sonnabend allerhand Mittelaltervolk beim Gauklerfest. Sehr zur Freude des Publikums, das sich zum Beispiel an den Kunststücken erfreute, die „Xander der Narr“ auf der Bühne zeigte, oder das bei „Bruder Ignatius“ einen Ablassbrief erstand.

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Gäste beim Gauklerfest in Oranienburg: die Zwillinge Burgfräulein Sophia und Ritter Justus, auch der „muglische Meinhard“ genannt.

Quelle: Bert Wittke

Oranienburg. „He Leute!“, schallt es am Sonnabend durch den Schlossinnenhof in Oranienburg. „He Gaukler!“ antwortet das Publikum im Chor und bestaunt die Kunststücke, die ihnen „Xander, der Narr“ vorführt. Mal jongliert er mit brennenden Fackeln, mal „zaubert“ er kleine Bälle weg, in dem er sie sich einfach in den Mund schiebt. Fünf Stück auf einmal! Das Publikum applaudiert – die einen aus Anerkennung, andere aus Mitleid. Wer hat schon gern den Mund voller Bälle?

„Xander der Narr“ nahm den Mund zeimlich voll und ließ Bälle veschwinden

„Xander der Narr“ nahm den Mund zeimlich voll und ließ Bälle veschwinden.

Quelle: Bert Wittke

Unterdessen hat es sich Steffen, der „Wanderer durch die Zeiten“, auf der Pritsche von Cora Barth bequem gemacht und lässt sich durchkneten. Cora Barth kommt aus Jessen, das zwischen Torgau und Wittenberg liegt. Die 50-Jährige hat sich 2002 zur Physiotherapeutin ausbilden lassen. Dabei habe sie gemerkt, dass sie vielen Leuten sehr gut helfen kann. Wenn das, was sie mit ihren Händen tut, von Herzen komme, sei dies ungemein wirkungsvoll. „Da passieren Sachen, die sind wie kleine Wunder“, sagt Cora Barth und antwortet auf die Frage, warum sie zum Gauklerfest gekommen ist: „Muskelknetung hat es bereits im Mittelalter gegeben.“ Und das Handauflegen sei sogar noch viel älter. Das habe schon Jesus Christus gemacht. Sie freue sich, so Cora Barth, dass sich viele Leute immer wieder vertrauensvoll und voller Erwartung auf Hilfe in ihre Händen begeben. „Ich habe meine Berufung gefunden“, ist sich die 50-Jährige sicher und freut sich sehr darüber, dieses Jahr zum ersten Mal beim Gauklerfest in Oranienburg dabei zu sein.

Kümmert sich gern um das Seelenheil seiner Mitmenschen

Kümmert sich gern um das Seelenheil seiner Mitmenschen: „Bruder Ignatius“.

Quelle: Bert Wittke

Nebenan löffelt „Bruder Ignatius“, der seinen bürgerlichen Namen lieber für sich behält, ein Süppchen und hält dabei nach Kundschaft Ausschau. Zu ihm kommen Leute, die es satt haben, ständig mit einem schlechten Gewissen herumzulaufen. Für vier Euro können sie sich bei „Bruder Ignatius“ davon freikaufen und einen Ablassbrief erwerben. Am gefragtesten, so erklärt er, seien die für Sauferei und Völlerei, gefolgt von Faulenzen und Wollust. Mit einem Ablassbrief von „Bruder Ignatius“ erwirbt der Käufer das Recht, seinem Laster 100 Tage frönen zu dürfen, ohne, dass andere Personen – zum Beispiel das angetraute Weib daheim – böse Worte darüber verlieren dürfen. „Ich kümmere mich quasi um das Seelenheil der Menschen“, sagte „Bruder Ignatius“. Das würden heutzutage nicht mehr viele Menschen machen, aber er opfere sich dafür.

Cora Barth sorgt sich mit ihren magischen Händen um die Gesundheit der Leute

Cora Barth sorgt sich mit ihren magischen Händen um die Gesundheit der Leute. Hier bekommt das Steffen, der „Wanderer durch die Zeiten“, zu spüren.

Quelle: Bert Wittke

Witzig – der Ablasshändler kommt aus einem kleinen Örtchen bei Oschatz, das den Namen Ablaß trägt. Als dort vor 15 Jahren das 700-jährige Bestehen des Dorfes gefeiert wurde, sei sein Vater auf der Suche nach einer Idee gewesen, mit der er zu den Feierlichkeiten beitragen können. Schließlich kam er auf den Verkauf von Ablassbriefen und nahm seinen Sohn mit ins Boot. Inzwischen zieht „Bruder Ignatius“, der drei Kinder hat und als Erzieher in einem Kindergarten arbeitet, mit dieser Idee schon etliche Jahre über Gauklerfeste und Mittelaltermärkte und hat dafür natürlich auch einen Gewerbeschein. Welchen Ablassbrief er sich selber verkaufen würde? „Den fürs Faulenzen“, sagt er. Das sei gerade in der heutigen, hektischen Zeit eine ganz wichtige Sache.

Von Bert Wittke

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