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DDR-Geschichte: Senior trifft auf Schüler

Vor 25 Jahren: die deutsche Einheit DDR-Geschichte: Senior trifft auf Schüler

Der Schüler Ole Gawande (16) aus Velten kennt die DDR nur aus Erzählungen. Der ehemalige Schulleiter Dieter Broja (77) aus Oranienburg hat in der DDR gelebt und gewirkt. Aus Anlass des 25. Jubiläums der deutschen Einheit, haben wir die beiden an einen Tisch gebeten, um sich über die Geschichte auszutauschen.

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Ole Gawande (16) und Dieter Broja (77)

Quelle: Helge Treichel

Oberhavel. Osten und Westen. Die ehemalige DDR und die alte Bundesrepublik. Spielt das 25 Jahre nach der deutschen Einheit immer noch eine Rolle? Wir haben Dieter Broja (77) aus Oranienburg und Ole Gawande (16) aus Velten an einen Tisch gebeten. Der eine hat in der DDR gelebt und gewirkt, der andere kennt sie nur aus Erzählungen.

MAZ: Ole, was fällt dir zur DDR ein?

Ole Gawande: Auf jeden Fall die Mauer. Und die Stasi. In der Schule wird das alles behandelt. Die politischen Sachen und der Alltag in der DDR. Wenn man einfach immer nur „ja“ gesagt hat, dann hat man ein ruhiges Leben gehabt. Und, dass es bestimmte Obstsorten gab.

Dieter Broja: Die Versorgungslage spielte eine große Rolle, ja. Ein Engpass jagte den nächsten. Das war alles sehr bescheiden. Hier, im Berliner Randgebiet, hatten wir ja noch Glück. Es gab immer Kohl und Äpfel, aber alles, was die Südfrüchte anging, war schwierig.

Die Gesprächspartner

Ole Gawande (16) lebt in Velten. Er besucht die 10. Klasse des Hedwig-Bollhagen-Gymnasiums und ist dort Leiter der neuen Schülerzeitung „Hedwig – Das Journal des HBG“.

Dieter Broja (77) wohnt in Oranienburg. Er begann 1959 als Lehrer für Mathematik und Geografie. Er lehrte am Runge-Gymnasium, an der Goetheschule und später an der Pablo-Neruda-Oberschule und Havel-Grundschule. In den frühen 80er-Jahren wurde er stellvertretender Schulleiter. Er gehörte nie der SED an. Von 1990 bis 1999 war er dann erster Schulleiter, bevor er in den Ruhestand ging.

MAZ: Fragen Ihre Enkelkinder nach der DDR?

Broja: Regelmäßig. Sie wollen wissen, wie das so war. Auch über politische Zwänge. Wobei ich mit der Stasi nur dienstlich zu tun hatte.

Ole: Was heißt nur dienstlich?

Broja: Nach der 10. Klasse bewarben sich die Schüler um einen Beruf. Und wenn Nachfragen nötig waren, dann war es üblich, dass in der Schule ein Mann auftauchte und mich, den stellvertretenden Schulleiter, sprechen wollte. Man war verpflichtet, Auskunft zu geben.

MAZ: Hat man damit auch einem Schüler mal geschadet?

Broja: Nein. Falls die Gefahr bestanden hatte, hätte ich das dann so nicht beantwortet. Ich habe es vermieden, Negativmeinungen über die Person abzugeben.

Spielt Ost-West noch eine Rolle

Spielt Ost-West noch eine Rolle?

Quelle: Fotolia

Ole: Mich interessiert, was wirklich passiert ist. Es gibt Leute, die sagen, die DDR war schön, und mit der Wende ging’s bergab. Andere sagen: Zum Glück war es zu Ende, weil sie abgehört und fertig gemacht wurden. Ist das wirklich passiert?

Broja : Ich hatte keine Probleme mit der Stasi, ich habe aber versucht, solche Probleme erst gar nicht aufkommen zu lassen. Klar, wer in die Schlusslinie gerät, kam so schnell nicht mehr raus. Eine Lehrerkollegin stellte mal einen Ausreiseantrag. Da kommt dann jemand in die Schule und sagt: Ab morgen steht die Kollegin nicht mehr zur Verfügung. Hätten wir was dagegen gesagt, wären wir auch in die Schusslinie geraten.

Ole: Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, so beobachtet zu werden.

Broja: Manchmal ging das so schnell, dass man das gar nicht mitbekommen hat. Das Problem der nicht vorhandenen Meinungsfreiheit spielte schon eine zentrale Rolle. Eigentlich konnte man schon sagen, was man wollte, aber Äußerungen, die bestimmte Sachen kritisierten, waren eben schwierig.

Ole: Könnte ich nicht. Wenn es was ist, was begründet nicht so läuft wie es laufen müsste, dann würde ich meine Meinung sagen, auch wenn es Folgen hat.

Broja: Überall stand groß das Wort „Solidarität“ – nur nicht mit jemandem, der ein politischer Gegner des Staates war.

MAZ: Warum war der Staat so hart?

Broja: Die Diktatur des Proletariats. Was offiziell gesagt wurde, war richtig. So hieß es.

MAZ: Spielt denn Ost-West noch eine Rolle?

Ole: Wir leben ja im alten Ostgebiet, damit ist es bei vielen Menschen noch ein Thema. Mich stört die Unterteilung in Ossi und Wessi. Manchmal heißt es, meine Eltern kommen aus dem Westen, also hätten sie keine Ahnung. Das sind Sachen, die kriegt man schon manchmal noch zu hören. In der Klasse ist es eher weniger ein Thema.

Broja: Ich hatte am Anfang Probleme damit, dass wir Beitrittsgebiet wurden. Firmen wurden abgewickelt, auch gut laufende Fabriken wie das Kaltwalzwerk in Oranienburg geschlossen. Aber es gab und gibt auch viele Annehmlichkeiten. Es gibt ja Leute, die wollen die DDR wiederhaben. Das geht nicht. Die sagen dann: Ich hätte gerne dies und das, aber dann muss man fragen: Wer bezahlt das? Die DDR war 1989 auch wirtschaftlich am Ende.

1989/90 war der Jubel groß

1989/90 war der Jubel groß. Bei den meisten Leuten.

Quelle: Fotolia

MAZ: Wird eigentlich zu viel oder zu wenig über die DDR geredet?

Ole: Zu viele Leute sind zu wenig dran interessiert. Vielleicht, weil sie es nicht mehr erlebt haben. Aber ein bestimmtes Grundwissen sollte auf jeden Fall da sein.

Broja: Ein gewisses Geschichtsverständnis über diesen Teil Deutschlands, der ja 40 Jahre lang existiert hat, sollte da sein, ja. Ich bin oft böse über solche Überspitzungen. Zum Beispiel wird sich ja immer lustig gemacht über das Wort „Jahresendfigur“. Dabei weiß man doch wirklich ganz genau, dass man die auch in der DDR ganz normal „Weihnachtsengel“ genannt hat.

MAZ: Ole, was glaubst du, was war gut an der DDR?

Ole: Dass alle Menschen relativ gleich waren. Das ist eigentlich ein guter Gedanke. Auch, weil immer dafür gesorgt worden ist, dass man sich die grundlegenden Sachen leisten konnte.

Broja: Wirtschaftlich erwies sich das natürlich als schwierig.

Ole: Alle sagen, der Staat war pleite, es hat nicht funktioniert. Warum wurde so spät reagiert?

Broja: Da sind wir wieder bei der Diktatur des Proletariats. Die Partei hätte Fehler zugeben müssen.

Ole: Wenn ich Regierungschef wäre, und es liefe was falsch, würde ich doch reagieren!

Broja : Meine Überzeugung ist ja, dass die da oben nicht wussten, wie das Volk denkt. Also die, die was hätten ändern können. Wenn sie was Negatives gehört haben, wurde das ja gleich als Propaganda abgetan. Die waren fanatisch.

MAZ: Wie begehst du, wie begehen Sie am kommenden Sonnabend den 3. Oktober, den 25. Jahrestag der deutschen Einheit?

Ole: Wir sind nicht so, dass wir auf Veranstaltungen gehen, auch wenn wir geschichtsinteressiert sind. Gerade am Wochenende ist viel zu tun. Und diesen Bezug habe ich ja auch nicht.

Broja: Diese Einheit war für uns die Öffnung nach ganz Deutschland und zur ganzen Welt. Ich werde bestimmt mal beim Reichstag vorbeischauen. Und die Hertha spielt auch. Ich habe dort eine Dauerkarte.

Von Robert Tiesler

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