Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Oberhavel Dannenwalde war 1977 kurz vorm Super-GAU
Lokales Oberhavel Dannenwalde war 1977 kurz vorm Super-GAU
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:23 14.08.2012
In diesem Wehrmachtsbunker hatte die sowjetische Armee Atomwaffen versteckt. Quelle: Privat
Dannenwalde

Bernd Weidemann erinnert sich genau. „Es war ein Sonntag, ein schöner, sonniger Tag. Wir waren in Gransee in der Waldsiedlung, bei meinen Eltern. Da kam ein kleines Gewitter, es hat zweimal gedonnert – und dann hörte das Donnern überhaupt nicht mehr auf“, berichtet der stellvertretende Bürgermeister von Gransee. „Meine Mutter sagte damals noch: Es hört sich an, als ob die Front kommt.“ Das war am 14. August 1977 in Dannenwalde (Oberhavel), als vor genau 35 Jahren ein Munitionsdepot der sowjetischen Armee in die Luft flog.

Bis tief in die Nacht stand eine dunkle Qualmwolke am Himmel, mehrere Hundert sogenannte Katjuschas zischten mit „leuchtenden Feuerschwänzen“, wie Augenzeugen berichten, und dem pfeifenden Geräusch von Düsenjägern durch die Luft. Katjuschas sind drei Meter lange Raketen, die aus 40-rohrigen Geschosswerfern verschossen werden und bis zu 20 Kilometer weit fliegen können.

„Kreuz und quer trudelten die Dinger durch die Luft“, sagt Rüdiger Ungewiss, der in einem Maschinenbaubetrieb in Dannenwalde arbeitete. „In Gramzow flog eine Granate in den Kuhstall, wo die Elektroverteilung war, das begann dann zu brennen. In Dannenwalde steckte so ein Ding in einem Fachwerkhaus, eine andere Granate hinter der Kirche.“ Viele Einwohner fühlten sich an den Zweiten Weltkrieg erinnert und verschanzten sich in den Kellern.

Andere gerieten in Panik. „Leute kamen mit Kinderwagen aus den Häusern und haben Autos auf der Straße angehalten und ihre Kinder zu wildfremden Leuten hineingesetzt, nur damit sie wegkommen“, erzählt Ungewiss. Auch die sowjetischen Soldaten ergriffen die Flucht: „Die Männer sind mit Lkw abgerückt, die Offiziersfrauen mit den Kindern blieben hier“, so der 63-Jährige.

Über die Ursachen des Unglücks wurde lange Zeit gerätselt. Inzwischen scheint klar, dass damals ein Blitz in einen Freistapel mit Munition für Mehrfachraketenwerfer einschlug. Tatsächlich lagerte die sowjetische Armee einen Großteil ihrer Munition im Freien – leichtsinnigerweise ohne Blitzableiter. Durch den Einschlag entzündeten sich die Triebwerke der Raketen, die glücklicherweise noch nicht mit Zündern versehen waren. „Es entsteht ein Stau, der sich immer weiter aufschaukelt, bis letzten Endes der gesamte Stapel in einer Massendetonation auseinander fliegt“, so Munitionsexperten in einer Untersuchung.

Doch damit nicht genug: Gerade einmal 200 Meter vom Explosionsort entfernt lauerte eine andere, weit größere Gefahr, von der weder die sowjetischen Wachmannschaften noch die Einwohner Dannenwaldes das Geringste wussten: Dort hielt die 3397. Bewegliche Raketentechnische Basis nach MAZ-Recherchen atomare Gefechtsköpfe für die in Fürstenberg (Oberhavel) stationierte sowjetische 2. Gardepanzerarmee bereit. „Die Bunker mit den Spezialladungen waren in dem Areal, in dem die Explosion stattfand“, bestätigte der damalige Feuerwehrchef der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, Wladimir Gawrilowitsch Wlasenko, jetzt einer ukrainischen Zeitung.

Er selbst hielt die heiklen Waffen offenbar für sicher: Sie seien in alten Bunkern von Hitlers Wehrmacht gelagert worden, mit einer Stahlbetonabdeckung von einem Meter Dicke, sodass die Projektile nicht eindringen konnten. Tatsächlich jedoch trennten die atomaren Waffen nur drei dünne Blechtüren von dem Inferno. So wurde ein anderes Munitionslagerhaus des gleichen Typs direkt daneben von den Explosionen stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Spuren kann man noch heute besichtigen.

In den USA gibt es bestimmte Codeworte für atomare Waffen, die außer Kontrolle geraten – etwa „Brent Spear“ (Krummer Speer) oder „Broken Arrow“ (Gebrochener Pfeil). Wie das Unglück vom August 1977 einzuschätzen ist und wie groß die Gefahr damals wirklich war, kann im Nachhinein kaum jemand sagen. Möglicherweise schrammte Dannenwalde nur haarscharf an einer nuklearen Katastrophe vorbei.

Ohnehin hatte die ruhmreiche Sowjetarmee mit den pausenlos explodierenden Raketen jede Menge Probleme. Die Feuerwehr war gar nicht erst ausgerückt: Wenn dies nicht in der ersten Viertelstunde geschehe, sei das bei einem Munitionsdepot ohnehin nutzlos, urteilte Wlasenko. Statt dessen kamen am späten Nachmittag – der Blitz hatte wohl gegen 13.30 Uhr eingeschlagen – einige Panzer angerollt und versuchten, auf dem Gelände die brennenden Raketenstapel auseinander zu schieben

Gegen 22 Uhr hörten die Explosionen auf. Am nächsten Morgen war es erstaunlich still. Drüben auf der anderen Seite des Sees hörten die Einwohner von Seilershof, die in ihre Häuser zurückgekehrt waren, nur ununterbrochen die russischen Panzer rollen. Und sie hörten Marschmusik – „wohl um die Moral der Truppe hochzuhalten“, wie ein Zeitzeuge meint.

Von Sachschäden abgesehen, fiel auf deutscher Seite lediglich eine Kuh dem russischen Raketenangriff zum Opfer. Nach Aussage von Offizieren soll es bei der Sowjetarmee ebenfalls keine Toten gegeben haben. Improvisierte Holzkreuze, die russische Soldaten damals nahe des Unglücksortes an Bäumen angebracht haben, belegen das Gegenteil. In den DDR-Zeitungen wurde das Raketenunglück komplett totgeschwiegen. Die offizielle Lesart lautete: „In einem Materiallager in Dannenwalde kam es zu einem Brand, der nach kurzer Zeit gelöscht wurde.“ Worauf unter der Hand sofort gewitzelt wurde: „Wir haben ja auch die Schraubenschlüssel durch die Luft fliegen sehen.“

Dass das vermeintliche Materiallager eigentlich ein Atomwaffendepot war, erfuhren die Dannenwalder nie.

Von Klaus Stark