Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Oberhavel Das Schlimmste ist die Scham
Lokales Oberhavel Das Schlimmste ist die Scham
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:31 10.03.2018
Beim Sortieren: Anja Lemcke aus Oranienburg, die gute Seele an der Tafel. Quelle: Enrico Kugler
Oranienburg

„Wenn ich sie nicht hätte, dann würden wir hier Wasser saufen gehen“, sagt es Viola Knerndel, Geschäftsführerin des Arbeitslosenservice, ganz unverblümt. Welch ein Kompliment der Chefin! Denn Anja Lemcke kann nicht nur anpacken, sie begegnet den Menschen vor allem auf Augenhöhe, denn sie weiß selbst, was es heißt, jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen. Auch mit ihr hat es das Leben nicht immer gut gemeint. Seit 2014 ist sie nun Leiterin der „Oranienburger Tafel“.

Am Montagmittag genießt Anja Lemcke mit ihren vier Helferinnen einen Moment in der Sonne im Hof. Und eine Zigarette. Seit morgens um 8 Uhr hatten sie alle Lebensmittel, die per Transporter eingetroffen waren, sortiert und in Kisten verteilt. Dann rollten diese los zur Ausgabestelle in Hennigsdorf. Nun sind die fünf Frauen einfach erschöpft. Es ist kalt in der Sortierhalle: „Im Moment schaffen wir die Lebensmittel in die Kühlkammer, damit sie uns draußen nicht erfrieren“, sagt Anja Lemcke. Sie hat etliches übereinander gezogen, um der Kälte zu trotzen.

In Schwedt geboren, lebt Anja Lemcke aber schon seit ihrem ersten Geburtstag in Oranienburg. Sie sei „alleinstehend mit Katze“, beschreibt sie und lacht. Die 38-Jährige hat Tierwirt gelernt und in Beetz auf dem Melkstand gearbeitet. Bis der Rücken nicht mehr mitmachte. Nach langer Krankheit wurde sie arbeitslos: „Ich weiß, wie es ist, von Hartz IV“ zu leben. Sie arbeitete als Hausmeisterhilfe im Kinderheim in Borgsdorf als Ein-Euro-Jobber. Seit 2009 ist sie bei der Tafel. Mal übers Jobcenter mit Geld, mal ehrenamtlich ohne Bezahlung, als „Bufdi“ im Bundesfreiwilligendienst. „Endlich bin ich nicht mehr aufs Amt angewiesen. Es ist schön, wenn man endlich sein eigenes Geld verdient. Das würden viele gern“, sagt sie, von denen, die ihr an der Tafelausgabe immer gegenüberstehen.

Es geht ihr sehr nahe, „wenn eine Rentnerin sich bei uns anmelden muss und ihr die Tränen der Scham in den Augen stehen.“ Anja Lemcke macht diese Arbeit trotzdem sehr gern. „Ja, es ist hart. In der Kälte jetzt und die vielen Kisten schleppen“, aber man bekomme auch etwas zurück: eine Weihnachtskarte, ein Paket Kaffee „oder wenn plötzlich jemand sagte: Ich muss Sie jetzt einfach mal umarmen. Da standen mir die Tränen in den Augen. Manchmal wird man beschenkt von Menschen, die selbst nichts haben. Ich mache den Job hier nicht für den Arbeitslosenservice, sondern für die vor der Tür. Die stehen da bei Wind und Wetter. Und es ist tragisch, dass so viele Menschen in diesem Land auf die Lebensmittel angewiesen sind“, kritisiert die Oranienburgerin.

Aber es geht mitnichten traurig zu in der Frühschicht. Nach getaner Arbeit ist Pause im warmen Frühstücksraum. „Ich will nicht zu Hause sein, hier ist mein Team und wir tun was Gutes.“ So sehen es auch Praktikantin Christin Schmeil aus Oranienburg, Peggy Adler und Bärbel Becker aus Velten sowie Sabine Borchart aus Oranienburg. Die vier Frauen arbeiten immer wieder an der Tafel. Mit Grausen denken sie an den April, wenn ihre Maßnahme übers Jobcenter ausläuft. „Wir würden so gern bleiben“, sagt Bärbel Becker.

Gemeinsam versuchen sie jeden Tag, die Lebensmittel gerecht zu verteilen. Niemand soll zu kurz kommen. Und doch „haben sich gerade zwei Frauen um eine Rübe geschlagen“. Das können sie nicht verstehen: „Sie sollten doch besser alle zusammenhalten“, findet Anja Lemcke. Am Montag kamen Obst, Milch, Kartoffeln und Wurst in die Kisten. Größter Geber ist das Rewe-Lager – „ein Glücksfall, sonst blieben die Kisten fast leer.“

Und wenn Anja Lemcke abends nach Hause kommt, verpasst sie als erstes ihrer Katze ein paar Streicheleinheiten. Ansonsten angelt sie leidenschaftlich gern. Wo? „Das verrät man doch nicht!“

Die Armenspeisung befindet sich beim Arbeitslosenservice in der Strelitzer Straße 5 bis 6.

Geschäftsführerin ist Viola Knerndel: 03301/53 54 25.

Tafeltage sind montags in Hennigsdorf, dort werden 60 bis 80 Lebensmittelkisten ausgegeben, dienstags und freitags in Oranienburg (je 120 Kisten), mittwochs in Oranienburg ausschließlich für Flüchtlinge (60 Kisten) und in Liebenwalde (30 Kisten), donnerstags in Velten (70 bis 80 Kisten).

Im Haus arbeiten 4,5 Festangestellte. Dazu vier im Bundesfreiwilligendienst, sieben Ehrenamtler und ein Dutzend in Programmen des Jobcenters.

Hauptgeber der Tafel sind Rewe, Lidl, Kaufland, Aldi, der Netto-Discounter, aber auch Bäcker und Privatleute.

Jede Woche werden im Durchschnitt 400 bis 500 Familien an allen Tafelstandorten zusammen versorgt. Tendenz steigend.

Die Tafel-Kunden müssen ihre Bedürftigkeit nachweisen. Dann bekommen sie jede Woche eine Kisten Lebensmittel. Dafür sind vier Euro zu bezahlen, die vor allem für die Benzinkosten gebraucht werden.

Finanziert wird die Tafel aus verschiedenen „Töpfen“: durch Kommunen, Landkreis, Eigenmittel und Spenden.

Von Heike Bergt

Kaum Verspätungen beim Busverkehr, kleinere Unfälle: Der Winter ist in Oberhavel zwar für einige Stunden zurück, hat aber bislang für wenige Probleme gesorgt. Bei Unfällen gab es nur geringen Sachschaden.

07.03.2018

Vor einem Jahr ist in Sommerfeld das „Dorv“-Projekt vorgestellt worden. Das Konzept sieht einen Treffpunkt mit Einkaufsmöglichkeit, Bank- und Postservice, Café und mehr vor. Doch in Sommerfeld ist das Projekt vorerst gescheitert. Im Interview spricht Ortsvorsteher Jürgen Kurth über die Gründe und eventuelle Hoffnungen.

10.03.2018

Der Containerplatz an der Weinbergstraße/Ecke Grünstreifen in Zehdenick ist Bernd Krumbach ein Dorn im Auge. Der SPD-Stadtverordnete findet es unmöglich, wie sich Leute dort vor allem in und rund um die Papiercontainern ausmisten. Und er fragt: Warum müssen dort überhaupt Papiercontainer stehen?

09.03.2018