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Das Wunder von Wandlitz

Buchvorstellung mit politischer Tragweite Das Wunder von Wandlitz

Wandlitz 2012: Als der Plan zum Bau eines Flüchtlingsheims bekannt wird, sind viele Anwohner empört. Sie haben Angst vor Einbrüchen und Überfällen. Mathis Oberhof hält dagegen. Mit anderen Engagierten gründet er den Runden Tisch, eine Initiative die Flüchtlinge unterstützt. Wie die Stimmung geändert wurde, beschreibt Oberhof in seinem Buch „Refugees Welcome!“.

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Autor Mathis Oberhof (r.) wirkt am Musikprogramm der Buchvorstellung mit, einem Auftritt der Kantorei Wandlitz. Das vorgetragene Lied „Bleibet hier“ spielt auch im Buch eine Rolle.

Quelle: Helge Treichel

Wandlitz. Nach seinen negativen Erfahrungen im Mühlenbecker Land war Mathis Oberhof fertig mit der Kommunalpolitik. „Ich wollte nie wieder mit Politik zu tun haben“, sagt der Ruheständler, Jahrgang 1950. In den Jahren 2007 bis 2010 war der damalige Schildower als Baumschützer, Gründer des Mühlenkinovereins sowie als Mitglied der Linken aktiv – und immer wieder angeeckt.

Frustriert zog er vor fünf Jahren in den Nachbarort Basdorf, Ortsteil von Wandlitz. Wie dieser Umzug zum Glücksfall für ihn persönlich und für die Gemeinde wurde, schildert Oberhof in seinem Buch „Refugees Welcome! – Die Geschichte einer gelungenen Inte­gration“, das am 15. Februar beim Verlag Goldmann erschien. Dieser Anlass wurde im „Goldenen Löwen“ in Wandlitz mit einem „Welcome-Bufett“ mit Speisen aus Syrien, Eritrea, dem Tschad, Somalia und Afghanistan sowie mit 250 Gästen gefeiert – unter ihnen knapp 80 Geflüchtete und Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke. Gefeiert wurde übrigens genau in dem Saal, in dem am 5. November 2012 alles begonnen hatte, wie im ersten Kapitel dieses Tagebuchs und Leitfadens für die Flüchtlingshilfe nachzulesen ist. Daraus las Oberhof während der Buchpräsentation am Montag.

Bürgermeisterin Jana Radant (l), Mathis Oberhof (M) und Dietmar Woidke bei der Buchpräsentation am Montagabend

Bürgermeisterin Jana Radant (l.), Mathis Oberhof (M.) und Dietmar Woidke bei der Buchpräsentation am Montagabend.

Quelle: Helge Treichel

Als sich dort fast 400 Einwohner zur größten Bürgerversammlung seit der Wende versammelt hatten, begann sich Mathis Oberhof doch wieder politisch einzumischen. Einziger Tagesordnungspunkt: das geplante Asylbewerberheim an der Bernauer Chaussee. Eine Bürgerinitiative hatte in wenigen Tagen bereits mehr als 300 Unterschriften gegen diese Einrichtung gesammelt. Der Buchautor erinnert sich: „Am Eingang wird ein Fragebogen mit zehn Fragen verteilt. Jede einzelne suggeriert dabei, dass es sich bei neu eintreffenden Flüchtlingen vor allem um ein stark erhöhtes Kriminalitätsrisiko in Wandlitz handelt. Die Luft ist zum Schneiden, die Stimmung extrem angespannt, latente Aggressivität schwingt im Raum mit.“

Ein voller Saal – auch zur Buchpräsentation

Ein voller Saal – auch zur Buchpräsentation.

Quelle: Helge Treichel

Ähnliche Veranstaltungen mit einer vergleichbaren Stimmung gab es inzwischen in vielen Kommunen im gesamten Land. Und genau deshalb ist das Buch so spannend: Es taugt als Blaupause dafür, wie eine von Angst und Vorurteilen geprägte Stimmung in Hilfsbereitschaft und Verständnis umgemünzt werden kann. Oberhof schaffte das im Saal mit Vergleichen. Er setzte die 138 Toten an der Berliner Mauer ins Verhältnis zu den 16 981 Menschen, die allein von 1988 bis zum Mai 2011 vor den Grenzen Europas starben. Tausende seien zudem auf dem Mittelmeer verschollen. Und er sagt: „Als jemand, dessen Tante Elisabeth 1943 von den Nazis im Rahmen der Euthanasie ermordet wurde, weil sie Depressionen hatte, bin ich für immer froh, dass in allen Ländern und Kontinenten während der Nazizeit Tausende verfolgter Deutscher Asyl bekamen.“

Zusammen mit anderen Engagierten gründet Oberhof den „Runden Tisch“ – eine Initiative, die Flüchtlinge aktiv unterstützt und sich für deren Integration im Alltag einsetzt. Nach der Eröffnung des Heims Anfang 2013 werden Spenden gesammelt, Begegnungsfeste und gemeinsame Radtouren organisiert. Wandlitzer Kinder spielen mit Flüchtlingskindern. Die Stimmung im Ort ändert sich: Was zunächst als Bedrohung gesehen wurde, wird nun als Bereicherung empfunden – auch knapp drei Jahre danach. „Es ist eine Geschichte, die sich überall in Deutschland wiederholen kann“, ist Mathis Oberhof überzeugt. „Die Mehrheit will sich den Herausforderungen konstruktiv stellen. Die Erfolgsgeschichte von Wandlitz beweist, dass es gelingen kann.“

Ministerpräsident Dietmar Woidke schrieb nicht nur das Gleitwort für das Buch, sondern kam auch persönlich zur Präsentation nach Wandlitz

Ministerpräsident Dietmar Woidke schrieb nicht nur das Gleitwort für das Buch, sondern kam auch persönlich zur Präsentation nach Wandlitz.

Quelle: Helge Treichel

„Ich bin froh, dass ich für so ein Mutmach-Buch das Geleitwort schreiben darf“, sagt Dietmar Woid­ke. Gut sei, dass Oberhof seine anfängliche Angst zugegeben habe. Dass er aber auch selbst den Mut fasste, um anderen Mut zu machen. Mut zu Begegnungen und gegenseitigem Kennenlernen, aus denen Verständnis erwachse. Verständnis wiederum sei die Grundlage dafür, dass Vorurteile verschwinden und damit auch die Ängste, sagt der Ministerpräsident. Auf diesem Wege lasse sich Rechtspopulismus am besten bekämpfen. NPD, AfD und Pegida versuchten nicht, Pro­bleme zu lösen, sondern Ängste zu schüren. „Es geht ihnen weder um die Flüchtlinge noch um die Menschen, die hier wohnen“, sagte Woidke. Rund 150 Initiativen würden dem in Brandenburg inzwischen entgegen treten. Dafür sei im vergangenen November auch das „Bündnis für Brandenburg“ gegründet worden. Oberhofs Buch enthalte nicht nur gute Hinweise, „es liest sich auch noch ganz hervorragend“, lobt Woidke.

Mathis Oberhof während der Buchlesung, für die auch syrische Gäste musikalische Beiträge beisteuerten

Mathis Oberhof während der Buchlesung, für die auch syrische Gäste musikalische Beiträge beisteuerten.

Quelle: Helge Treichel

Bürgermeisterin Jana Radant beschrieb ihrerseits die politische Strategie in Wandlitz: „Transparenz und breite Öffentlichkeit“. Die Erfahrung habe gezeigt: „Das Wichtigste ist Offenheit.“ Es komme darauf an, die Bürger ins Heim zu lassen. Mit Verweis auf die Worte von Bundespräsident Joachim Gauck („Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“) forderte sie zudem eine „realistische Politik“. Das bedeute, auf Waffenexporte zu verzichten, in Bildung zu investieren und Frieden wieder zu einem Hauptinhalt der internationalen Diplomatie zu machen. Sie dankte allen Mitstreitern der Willkommensinitiative: Sie hätten den (guten) Ruf von Wandlitz geprägt.

Mathis Oberhof bereut seinen Rückfall zur politischen Einmischung nicht: „Das sind die glücklichsten Monate meines politischen Lebens geworden“, sagt er.

Am Willkommens-Büfett, dessen Speisen von Wandlitzer Flüchtlingen zubereitet und ausgegeben worden waren

Am Willkommens-Büfett, dessen Speisen von Wandlitzer Flüchtlingen zubereitet und ausgegeben worden waren. Inzwischen leben rund 300 in der Gemeinde.

Quelle: Helge Treichel
Die Wandlitzer Kantorei während ihres Auftritts bei der Buchpräsentation

Die Wandlitzer Kantorei während ihres Auftritts bei der Buchpräsentation. Der Chor sang auch „Das Bürgerlied“ von Adalbert Harnisch.

Quelle: Helge Treichel

Das Buch

„Refugees Welcome! – Die Geschichte einer gelungenen Integration. So können Sie Flüchtlingen helfen“, 256 Seiten, Goldmann Taschenbuch, Originalausgabe, ISBN: 978-3-442-17631-1, Preis: 8,99 Euro.

Das eBook ist bereits am 21. Dezember 2015 erschienen.

Koautor neben Mathis Oberhof ist der freiberufliche Journalist, Autor und Texter Carsten Tergast.

Von Helge Treichel

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