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„Das ist keine Hängematte hier“

Klaus-Dieter Hartung im Interview „Das ist keine Hängematte hier“

Im Jahr 2007 hatte Klaus-Dieter Hartung (Die Linke) Monika Mittelstädt (CDU) als Bürgermeisterin abgelöst. Ende Februar muss der 59-Jährige nun selbst nach achtjähriger Amtszeit aufhören.

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Klaus-Dieter Hartung an seinem Schreibtisch im Rathaus.

Quelle: Helge Treichel

Hohen Neuendorf. Im Jahr 2007 hatte Klaus-Dieter Hartung (Die Linke) Monika Mittelstädt (CDU) als Bürgermeisterin abgelöst. Ende Februar muss der 59-Jährige nun selbst nach achtjähriger Amtszeit aufhören.

MAZ: Zunächst einmal mein herzliches „Beileid“ zum Wahlergebnis.

Klaus-Dieter Hartung: Wieso Beileid? So dramatisch sehe ich das nicht. Das sind die demokratischen Spielregeln. Das muss man akzeptieren.

Hat Sie das Wahlergebnis überrascht?

Hartung: Nein. (Pause)

Warum nicht?

Hartung: Dass es eine knappe Entscheidung wird, war mir im Vorhinein klar. Ich hatte allerdings gehofft, dass es ein positiveres Ergebnis wird. Der Ausgang hat mich aber nicht überrascht, auch nach der Art und Weise des Wahlkampfes nicht. Ich halte es in diesem Zusammenhang mit einem Aphorismus: „Verlange von einem Ochsen nicht mehr als Rindfleisch“. Ich bin bloß entsetzt darüber, dass man in einem Wahlkampf, in dem es um Argumente und Konzepte gehen sollte, Leute diffamiert. Es ging nicht nur um mich, sondern auch um andere, die einfach nur ihre Meinung gesagt haben. Die politische Kultur ist auch über die Stadtverordnetenversammlung hinaus – nahe daran, zu verkommen. Ich bin auch deswegen nicht so überrascht, weil ich im Wahlkampf viele, viele Gespräche geführt habe. Über die teilweise verkappt und teilweise offen geäußerte Ausländerfeindlichkeit bin ich aber echt entsetzt.

Was ist Ihrer Ansicht nach die Ursache dieses Wahlergebnisses?

Hartung: Erst mal würde ich das positiv sehen. Der Wahlsieger hat einen intensiven und offensiven Wahlkampf geführt. Er hat alle Themenfelder beackert und allen möglichen Leuten alles versprochen. Ich habe das anders gemacht, wofür ich von meinen Genossen im Übrigen auch kritisiert worden bin. Aber ich bin Realist. Ich sage auch, wenn etwas nicht geht oder ich etwas für nicht richtig halte. Das darf man im Wahlkampf offenbar nicht machen. Das ist einer Wiederwahl nicht förderlich. Aber ich denke auch, dass mein klares Votum für die Unterbringung von Asylbewerbern zum Ergebnis beigetragen hat. Rund um die geplanten Standorte von Flüchtlingsunterkünften ist das Wehlergebnis besonders deutlich ausgefallen – in der Niederheide, in Borgsdorf und in Bergfelde.

Und die Wahlempfehlungen der beiden ausgeschiedenen Mitbewerber?

Hartung: Ob oder in wie weit Wahlempfehlungen von anderen Parteien dazu beigetragen haben, dass ich nicht gewählt wurde, wage ich nicht zu sagen. Aber es ist schon interessant, gegen so eine sozialistische Einheitsfront anzukämpfen und die Rechtfertigungen einer Entscheidung gegen mich oder für den CDU-Kandidaten zu hören. Da nützt es leider nichts, dass sich einige Mitglieder von SPD und Bündnisgrünen bei mir für die Wahlempfehlung ihrer Vorstände entschuldigt haben. Das zeigt aber, wie wenig Rückhalt diese Empfehlungen hatten.

Ein möglicherweise wahlentscheidender Streitpunkt war die Anschaffung des Feuerwehrfahrzeugs. War es in der Nachbetrachtung ein Fehler, den Kauf zu blockieren?

Hartung: Es ist schon ein gewisser Anachronismus, wenn ein roter Bürgermeister über ein rotes Auto stolpert. Das ist ein ganz entscheidender Punkt gewesen. Ich sehe das trotzdem als richtig an, weil ich den Leuten die Wahrheit gesagt und keine Klientelpolitik betrieben habe. Hauseigentümern wurde eine kostenlose Laubentsorgung versprochen, den Tagesmüttern mehr Zuwendungen und den Feuerwehrleuten eine nicht benötigte Drehleiter. Das habe ich nicht gemacht, denn wir leben in einer realen Welt: Unser Geld wächst nicht auf Bäumen. Das alles, was die Stadtverordneten beschlossen haben, ist mit den realen finanziellen Mitteln der Stadt nicht umzusetzen. Wenn man das nur annähernd machen will, wird sich der neue Bürgermeister etwas einfallen lassen müssen. Aber von Gebühren- oder Steuererhöhungen hat er bisher nichts gesagt.

Ist denn die Einsatzfähigkeit der Feuerwehr eingeschränkt?

Hartung: Nein, unsere Freiwillige Feuerwehr ist sehr gut ausgestattet, die Kameraden sind sehr gut ausgebildet. Allerdings lässt die innere Organisation zu wünschen übrig, da ist viel nachzuholen. Ich hoffe, der neue Stadtbrandmeister wird dieses Problem lösen. Im Übrigen ist die Anschaffung eines neuen Löschfahrzeugs bereits ausgeschrieben. Es wird voraussichtlich im ersten Halbjahr 2016 geliefert. Die Ausschreibung für einen neuen Rüstwagen ist in Vorbereitung. Was sinnvoll und erforderlich ist, wird also auch abgearbeitet.

Bürgernähe sei Ihr Maßstab, haben Sie auf Wahlplakaten proklamiert. Genau das Gegenteil wurde Ihnen vorgeworfen. Hinzu kamen weitere Vorwürfe wie Lügen, Vetternwirtschaft und Intrigantentum. Was sagen Sie dazu?

Hartung: Auf einen schmutzigen Wahlkampf werde ich nicht reagieren, darauf werde ich nicht antworten. Zur Wahlaussage, der Bürgerwille ist mein Maßstab, dazu stehe ich. Auch wenn sich einige nicht so gern daran erinnern mögen: Die Beteiligung an Straßenbauvorhaben ist zwei Monate vor meiner Amtseinführung beschlossen worden. Und das ist mehr als nur ein bisschen „auf meinem Mist gewachsen“. Manche Ausbauvorhaben wurden zwei- oder dreimal diskutiert, um ein möglichst großes Einvernehmen mit den Bürgern zu haben. Ein weiteres Thema ist das breit diskutierte Leitbild in Hohen Neuendorf. Diese Initiative kam nicht etwa aus den Reihen der Stadtverordneten. Das gleiche gilt für den gemeinsamen Demografieprozess mit Birkenwerder. Bürgerbeteiligung stand auch im Mittelpunkt beim Verkehrsentwicklungsplan, dem Grünordnungsplan und natürlich beim Bürgerhaushalt. Der Erfolg hat eben viele Väter. Und der Misserfolg ist ein Waisenkind.

Welche Dinge möchten Sie bis zur Amtsübergabe Ende Februar noch erledigen? Und gibt es noch offene Rechnungen?

Hartung: Ich würde den Stadtverordneten gerne noch eine Vorlage unterbreiten zur Gründung eines Eigenbetriebes für kommunales Wohnen – um sie an ihre eigenen Worte zu erinnern. Vorbild dafür könnte die Gemeinde Rangsdorf sein, übrigens mit einem FDP-Bürgermeister. Das ist ein Thema, das ich glaube den Bürgern der Stadt noch schuldig zu sein. Das ist kein Privatding. Und obwohl die CDU die Schuldenfreiheit im Blick hat, sollten wir dem Kremmener Beispiel folgen und über eine Kreditaufnahme für den Bau von Wohnungen diskutieren. Das halte ich für wichtig und richtig. Wer, wenn nicht eine relativ reiche Stadt wie Hohen Neuendorf kann überhaupt Unterkünfte für Flüchtlinge und andere Bedürftige schaffen? Ich sehe uns da in der sozialen Verantwortung. Das ist eine Pflicht. Wenn in Hohen Neuendorf nur gut 44 Prozent zur Bürgermeisterwahl gehen, dann zeigt mir das, dass unsere Bürger satt sind und zufrieden. Es geht uns also sehr gut.

Haben Sie noch offene Rechnungen?

Hartung: An dieser Stelle halte ich es mit John F. Kennedy: Verzeihe deinen Feinden, aber vergiss ihre Namen nicht. Ich bin grundsätzlich nicht nachtragend, aber ich vergesse auch nicht. Offene Rechnungen gibt es nicht, nur ein paar Dinge, die ich im Kleinen noch regeln muss. Den Mitarbeitern gegenüber habe ich die Pflicht, dass der dringend notwendige Rathausanbau endlich beginnt. Ein wichtiges Thema ist für mich auch der Sportplatz Bergfelde. Der hat mich mehr als acht Jahre beschäftigt. Das Beispiel zeigt auch, dass es mit Beharrlichkeit möglich ist, so ein Vorhaben umzusetzen. Das ist jetzt nicht mehr aufzuhalten.

Sie sind von Hause aus Diplomingenieur für Bauwesen. Wie geht es ab März für Sie beruflich weiter?

Hartung: Das weiß ich noch nicht. Es gab ja keinen Plan B. Ich habe mich bisher komplett auf meine Aufgaben im Rathaus konzentriert und werde das auch weiter tun. Ab Weihnachten werde ich mich damit befassen, wie es weitergeht. Meine Tochter hatte mir am Nachmittag des Wahlsonntags gesagt: „Papa, du wirst auf jeden Fall gewinnen – entweder die Wahl oder die Freiheit. Du hast Familie und zwei Enkelkinder.“ Eigentlicher Gewinner wird also meine Familie sein. Das sind neben meinen Kindern und Enkeln natürlich auch meine Eltern. Ich bin 59 und muss mir oder anderen nichts mehr beweisen. Und Betätigungsfelder gibt es für mich viele: Freunde, Reisen, Radfahren, Bücher, Tischtennis und Skat.

Wie sehen Sie denn Ihre künftige Rolle in der Kommunalpolitik Hohen Neuendorfs?

Hartung: Also auf keinen Fall als graue Eminenz. Ich werde mich nicht aus dem Hintergrund als Strippenzieher betätigen. Ich tue das offen und ehrlich als engagierter Bürger in der Stadtverordnetenversammlung, aber nicht noch mal in der ersten Reihe. Gern stehe ich als Ansprechpartner zur Verfügung, falls jemand Fragen hat. Ich möchte mich künftig mehr in die Kulturpolitik der Stadt einbringen. Ich glaube, da liegt sehr viel brach. Das Potenzial ist ganz erheblich. Der Kulturbahnhof wird da ganz oben stehen. Also wird die Kommunalpolitik durchaus von mir zu hören bekommen.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Hartung: Ehrlich? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus. Die sind freundlich, querköpfig, kreativ, fleißig, meckerig, nett, störrisch, flexibel – die komplette Palette also. Der Umgang mit ihnen und den Menschen wird mir am meisten fehlen. Man kriegt ja kein Hausverbot, aber in die Arbeit meines Nachfolgers will ich mich nicht einmischen. Er wird schnell merken: Das ist keine Hängematte hier.

Und worauf freuen Sie sich nun besonders?

Hartung: Ganz besonders darauf, dass ich einmal in der Woche meinen Enkel Oskar aus dem Kindergarten abholen darf. Dafür hab ich jetzt schon die Zusage. Und darauf, viel mehr Zeit für die Familie haben zu können, für die Frau und die Kinder und die Eltern. Meine Eltern, beide weit über 80, haben mich in den vergangenen Jahren nur jeden Tag als Kostgänger zum Mittagessen erlebt. Das ist viel zu wenig. Als Hohen Neuendorfer würde ich würde es mit unseren Oranienburger Originalen, den Puhdys in ihren Song „Wenn ein Mensch lebt“ aus dem Film „Paul und Paula“ halten: „Jegliches hat seine Zeit, Steine sammeln, Steine zerstreuen…“


Von Helge Treichel

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