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Der Fahrstuhl im Ärztehaus ist eine Lachnummer

Barrierefreiheit in Oranienburg Der Fahrstuhl im Ärztehaus ist eine Lachnummer

Johanna Schneider ist auf ihren E-Rollstuhl angewiesen. Im Oranienburger Ärztehaus ist sie damit aber aufgeschmissen. Jede Woche beginnt dann für die Rollstuhlfahrerin die selbe Tortur. Die 84-Jährige muss in einen kleineren Rollstuhl umsteigen, um zu ihrem Arzt zu kommen. Doch schon die schwere Eisentür des Fahrstuhls ist die nächste Hürde.

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Mit ihrem E-Rollstuhl kann Johanna Schneider den Fahrstuhl im Ärztehaus nicht benutzen.

Quelle: Andrea Kathert

Oranienburg. Johanna Schneider muss mindestens einmal pro Woche ins Ärztehaus in der Berliner Straße 106. Aber der Weg zu ihren Ärzten in die obere Etage ist eine Tortur für sie. Die 84-Jährige ist zu hundert Prozent schwerbeschädigt, leidet seit Geburt an extremer Luftnot und kann sich außerhalb ihrer Wohnung nur mit ihrem Elektrofahrstuhl fortbewegen. Ihr E-Scooter ist etwa 65 Zentimeter breit. „Aber immer noch kleiner als die Elektrofahrstühle mit Joystick-Lenkung“, sagt Johanna Schneider.

Der Fahrstuhl für das Ärztehaus liegt auf der Rückseite, eine Rampe führt ins Kellergeschoss. Doch vor dem Fahrstuhl endet die Fahrt der 84-Jährigen mit ihrem E-Scooter, mit dem kann sie nicht Fahrstuhlfahren. Johanna Schneider muss sich aus ihrem Scooter quälen, das Gefährt mit ihren Taschen im Flur stehen lassen und in einen Kinderfahrstuhl umsteigen. Schon das ist eine Strapaze. Die nächste Hürde ist die schwere Eisentür, die sie aus dem Rollstuhl heraus nie aufbekäme. „Das ist alles ein Mist hier“, nimmt Johanna Schneider überhaupt kein Blatt vor den Mund.

Ihren E-Scooter muss Johanna Schneider in der Ecke im Flur abstellen und dafür den kleinen Rollstuhl benutzen

Ihren E-Scooter muss Johanna Schneider in der Ecke im Flur abstellen und dafür den kleinen Rollstuhl benutzen.

Quelle: Andrea Kathert

Selbst mit dem Kinderrollstuhl kann sie nur vorwärts in den Fahrstuhl fahren, die Tür hinter sich muss jemand anderes verschließen, denn der Platz im Fahrstuhl reicht längst nicht aus, um sich einmal umzudrehen. „Ich kann auch keine Begleitperson mitnehmen, die passt gar nicht rein“, schimpft Johanna Schneider. „Die müsste ich mir auf die Schulter schnallen, oder was?“

Für die 84-Jährige ist der Fahrstuhl eine glatte Fehlplanung, dabei sei doch noch genügend Platz im Treppenhaus, meint die Rentnerin. „Wenn solche Projekte geplant werden, sollten doch Behinderte einbezogen werden.“

Bärbel Jonas weiß auch nicht, wie sie nun die Tür inter sich schließen soll

Bärbel Jonas weiß auch nicht, wie sie nun die Tür inter sich schließen soll. Selbst mit dem Rollator kann sie sich nicht umdrehen im Fahrstuhl.

Quelle: Andrea Kathert

Auch Elfriede Hörschelmann hätte mit ihrem E-Rollstuhl keine Chance, allein ins Obergeschoss zu kommen. Bärbel Jonas macht ebenfalls den Test mit ihrem Rollator. Das Modell ist recht breit und passt gerade so in den Fahrstuhl. „Aber nur, wenn ich die Ellbogen nicht aufstütze“, sagt Bärbel Jonas. Sich umdrehen, um die Tür zu schließen, ist auch für sie vollkommen unmöglich.

Johanna Schneider findet: „Der Fahrstuhl ist eine Lachnummer.“ Der wäre nur etwas für Leute, die zu faul seien, Treppen zu steigen. „Die das hier veranlasst haben, fahren bestimmt alle Auto“, vermutet Johanna Schneider. „Die müssten das mal eine Woche mitmachen, dann würden sie was ändern.“

Auch Gerd Feierbach, Mitglied im Seniorenbeirat der Stadt, schaut sich die Sache mit an. „Das geht gar nicht“, ist sein Urteil. Er will das Problem in den nächsten Kreissausschuss „für demografischen Wandel“ mitnehmen. Da sei es genau richtig. „Das Thema ist bei mir in guten Händen“, versichert Feierbach.

Gerd Feierbach will das Thema im Kreisausschuss vortragen

Gerd Feierbach will das Thema im Kreisausschuss vortragen.

Quelle: Andrea Kathert

Den Fahrstuhl in der ehemaligen Poliklinik hat der Landkreis bauen lassen. Die Kreisverwaltung ist zuständig für das Gebäude aus den 1950er-Jahren, dessen Fassade unter Denkmalschutz steht. „Wir wissen darum, dass größere Rollstühle nicht reinkommen“, räumt Kreissprecher Ronny Wappler ein. Das sei kein böser Wille gewesen, baulich war nichts anderes möglich. „Wir haben uns das nicht leicht gemacht und auch mitgedacht.“ Der Fahrstuhlbau sei umfangreich geplant und mehrere Varianten durchgespielt worden, meint Wappler. „Den Fahrstuhl am Giebel anzusetzen, war nicht möglich“, sagt er. Als Option sei übrig geblieben, ihn ins Treppenhaus einzubauen. „Dafür musste schon die Treppe auf das zulässige Maß gekürzt werden.“ Mit dem Fahrstuhl sollte die Barrierefreiheit verbessert werden. Aber das bestehende Gebäude setzt Grenzen. „Wir arbeiten gerade an einem automatischen Türmechanismus“, kann Wappler Hoffnung machen. Zudem stünde am Hintereingang eine Klingel zur Verfügung, um Hilfe zu holen. „Wir nehmen das Problem sehr ernst.“

Von Andrea Kathert

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