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Der Kopf sagt ja, der Bauch nein

Tarifeinigung für Kita-Erzieherinnen Der Kopf sagt ja, der Bauch nein

Die Urabstimmung über den ausgehandelten Kompromiss im Tarifstreit für Kita-Erzieherinnen endet im Oktober. In Oberhavel wird die Tarifeinigung kritisiert. Dennoch glauben viele Erzieherinnen, dass er angenommen wird. Denn 75 Prozent der Kolleginnen müssten dagegen stimmen.

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Beim tagelangen Kita-Streik ging es um die Aufwertung des Berufes der Erzieherin.

Quelle: Dpa

Oberhavel. War nicht mehr herauszuholen? Sollten die Gewerkschaftsmitglieder unter den Kita-Erzieherinnen den zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelten Kompromiss im Kita-Streit in der Urabstimmung annehmen? In Oberhavel sehen Kita-Erzieherinnen das kritisch. Zwar würden jüngere Kolleginnen jetzt besser bedacht, dafür die älteren wieder schlechter als nach dem Schlichterspruch Ende Juni. Und Sozialarbeiter würden nur zwei Prozent mehr Lohn erhalten. „Das ist ein Witz“, sagt Rita Kunath, Leiterin der Kita in Lehnitz. Dabei sei Sozialarbeit so wichtig und nehme angesichts der Eingliederung von oftmals traumatisierten Kindern aus Flüchtlingsfamilien an Bedeutung zu. Kunath vermutet, dass der Kitakompromiss trotzdem angenommen wird: „Denn die Streikbereitschaft ist nicht mehr so hoch.“

Das sieht die Sachsenhausener Kita-Erzieherin und Verdi-Funktionärin Marina Risse differenzierter. Besonders in den alten Bundesländern seien viele Kolleginnen „voll streikbereit“. Denn runtergerechnet auf 32-Wochen-Stunden, und so würden die meisten Erzieherinnen nur arbeiten dürfen, kämen für Berufseinsteigerinnen gerade mal 45 Euro netto pro Monat mehr Gehalt und für die älteren Kolleginnen 55 Euro mehr heraus. Für die älteren seien das zehn Euro weniger als nach dem Schlichterspruch im Juni. Risse: „Die Basis der Gewerkschaftsmitglieder ist in Sachen Urabstimmung sehr gespalten. Mein Bauchgefühl sagt, das dürfen wir nicht annehmen. Mein Kopf sagt jedoch ja.“ Die Hürde bei der jetzigen Urabstimmung liege hoch. 75 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder müssten gegen den Kompromiss und damit für eine neue Streikwelle stimmen. „Das ist wohl nicht zu schaffen.“

Was Risse ebenfalls am Kompromiss kritisiert, sind zwei weitere Mängel. Nicht erreicht hat Verdi, dass geleistete Dienstjahre beim Arbeitgeberwechsel automatisch anerkannt werden. Risse: „Ich habe jetzt die Gehaltsgruppe 6, wenn ich in eine andere Einrichtung wechsele, würde ich in die Gruppe drei oder vier runtergestuft werden. Das sind erhebliche finanzielle Einbußen.“ Mangel Nummer zwei: Die jetzige Tarifeinigung gilt für fünf Jahre. „Viel zu lange Laufzeit für ein schlechtes Ergebnis“, sagt Risse.

Fakten zur Tarifeinigung

Lohnsteigerungen von im Durchschnitt 3,7 Prozent haben Gewerkschaften und Arbeitgeber für Erzieherinnen und Sozialarbeiter in Deutschland vereinbart.

Für Berufsanfänger sei das Berufsfeld attraktiver gestaltet worden, sagt Verdi-Chef Frank Bsirske. Erzieher erhalten zwischen 4 und 4,5 Prozent mehr Geld, Leiter von Kitas und Behinderteneinrichtungen zwischen 5 und 9 Prozent, Sozialarbeiter nur 2 Prozent mehr.

Ursprünglich hatten die Gewerkschaften im Schnitt allerdings rund 10 Prozent mehr Gehalt vom Arbeitgeber gefordert.

Gescheitert ist Verdi mit dem Ziel, bei einem Arbeitgeberwechsel bisherige Beschäftigungszeiten verpflichtend anerkannt zu bekommen.

Die Urabstimmung der Gewerkschaftsmitglieder zu diesem Kompromiss hat begonnen und ist Ende Oktober beendet.

Trotzdem sieht sie auch Positives. „Es war ein großes Umdenken im Vergleich zum Tarifabschluss 2009 zu verzeichnen. Denn erstmals haben auch viele Kolleginnen mitgemacht, die nicht in der Gewerkschaft organisiert sind.“ Außerdem wurde nicht nur einen Tag lang, sondern mehrere Tage lang gestreikt. Die Öffentlichkeit habe erfahren, worum es geht. Nämlich um eine Aufwertung des Berufes der Erzieherin. Darin stimmt ihr auch Rita Kunath aus Lehnitz zu. Immer mehr Kinder mit Auffälligkeiten seien in den Kitas zu betreuen. Die Erzieherinnen hätten viel mehr zu dokumentieren, so zum Beispiel Lerngeschichten oder die Sprachstandsermittlung. Auch die Gespräche mit den Eltern würden mehr Zeit beanspruchen. Deshalb müsse endlich der Personalschlüssel verändert werden. Danach hat eine Erzieherin im Krippenbereich 5,5 Kinder zu betreuen, im Kitabereich zwölf Kinder. Bei Urlaub und Krankheit kämen weit mehr Kinder auf eine Erzieherin. „Das ist unser nächstes Ziel, der Kita-Schlüssel muss bundesweit verringert und generell nicht auf Landesebene bestimmt werden“, erklärt Verdi-Funktionärin Marina Risse.

Die Urabstimmung über den Tarifkompromiss endet Ende Oktober. Dann haben auch Eltern in Oberhavel Gewissheit, ob die Streiks der Kita-Erzieherinnen weitergehen oder nicht.

Von Marion Bergsdorf

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