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Oberhavel Der Postplatz war voller Blut
Lokales Oberhavel Der Postplatz war voller Blut
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21:26 08.09.2016
Das Geschehen spielte sich zwischen Ziel-Center und Bahnhofsimbiss ab. Quelle: Paetzel
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Hennigsdorf/ Neuruppin

Blut klebte überall. Auf dem Postplatz, auf den Stehtischen, auf dem Fußboden des Geschäfts. So schildern es Zeugen. Die Gegend um den Hennigsdorfer City-Imbiss am Bahnhof muss grausig ausgesehen haben in der Nacht des 9. August 2015. Hier soll der Hennigsdorfer René B. zwei afrikanische Asylbewerber mit Fäusten und einer zerschlagenen Bierflasche angegriffen haben. Am Mittwoch begann sein Prozess vor dem Neuruppiner Landgericht.

Vorgeworfen werden dem 37-Jährigen unter anderem Misshandlung und versuchter Totschlag. Die Afrikaner hatten etliche Zentimeter lange Wunden am Hals und im Gesicht davongetragen. Der Angeklagte soll bei einem gar Halsschlagader und Drosselvene nur knapp verfehlt haben. Nur ein wenig tiefer, und die Verletzung hätte lebensgefährlich sein können, erklärte Staatsanwalt Torsten Sauermann. „Er hat den Tod der Männer billigend in Kauf genommen.“ René B. soll die beiden auch rassistisch beleidigt und wegen seiner eigenen Handverletzung gerufen haben: „Das ist Arierblut. Ich bin Arier, kein scheiß Nigger.“ Nur das Eingreifen eines Ehepaares habe laut Staatsanwalt Schlimmeres verhindern können. Die Asylbewerber konnten flüchten und mussten danach ins Krankenhaus.

Dabei hatte der Abend offenbar friedlich begonnen. René B. soll laut Zeugenaussagen hinter dem Ziel-Center mit den Asylbewerbern Bier getrunken und Fotos auf seinem Handy gezeigt haben. Dann sei das Telefon verschwunden. B. forderte die Afrikaner auf, ihre Taschen zu leeren. Weil das erfolglos blieb, schnappte er sich den Pass eines der beiden und wollte Anzeige erstatten. Die Männer seien ihm gefolgt. Einer der Flüchtlinge habe dann am Döner-Imbiss am Bahnhof grundlos einen Mitarbeiter des Ladens angespuckt, der sich gewehrt habe. In diesen Konflikt – die Lage schien sich mehrmals beruhigt zu haben – habe sich René B. eingemischt und die beiden Afrikaner lebensgefährlich attackiert.

B., ein schmächtiges Kerlchen mit Brille und Kurzhaarschnitt, wollte selbst nichts zu seiner Verteidigung sagen. Er sei aufgeregt und spreche nicht gerne vor vielen Leuten. Stattdessen ließ er seine Verteidigerin Marlen Block eine Erklärung vorlesen. Er könne sich nur schemenhaft erinnern, weil er den ganzen Abend über Whiskey-Cola getrunken habe. „Ich bin nicht so viel Alkohol gewöhnt und war an dem Abend so betrunken wie schon lange nicht mehr“, verlas Marlen Block. Er habe die Männer mehrmals aufgefordert, ihm sein Telefon zurückzugeben und einen mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Der andere solle ihm daraufhin sein Handy wiedergegeben habe, auch ihm schlug er dann ins Gesicht. „Ich war einfach wütend darüber, dass die beiden mich beklaut hatten.“An eine zerbrochene Bierflasche könnte er sich nicht erinnern. Er sei auf sein Verhalten nicht stolz und habe nicht aus Fremdenhass gehandelt.

Drei junge Männer, die die Attacke am Döner-Imbiss beobachtet hatten, waren als Zeugen geladen. Die Befragungen waren schwierig, immer wieder mussten sich die Zeugen revidieren. Welcher Afrikaner hatte den Dönermann angespuckt? Wie betrunken waren die Kontrahenten? Wer war in den Konflikt verwickelt, der sich auch im Bahnhofstunnel abspielte? Diese Fragen konnten die Zeugen nicht einwandfrei beantworten, sie widersprachen teilweise ihren Aussagen bei der Polizei. In einem waren sich die Männer aber einig: Zwar habe der Angeklagte einem der Afrikaner eine Flasche auf den Kopf geschlagen und ihm die Nase gebrochen, die lebensgefährlichen Stiche in Hals und Gesicht will aber keiner beobachtet haben. Einer der Männer bezweifelte gar, dass der René B. der Verdächtige aus der Tatnacht war. Auch rassistische Beleidigungen wollen sie nicht gehört haben. Richter Udo Lechtermann ging das gegen den Strich, die Männer hätten doch alles mitgehört. „Es wundert manchmal, dass man sich einiges genau merkt und anderes überhaupt nicht.“ Einem der Zeugen entglitt bei der Schilderung auch das Schimpfwort „Neger“. Tülay Tonyali, Verteidigerin eines der Opfer, fragte den Gebäudereiniger-Azubi, ob das sein normaler Sprachgebrauch sei. „Nein, das ist mir rausgerutscht, sonst sage ich Afrikaner.“ Zudem, legte Tonyali nach, habe er die beiden Afrikaner bei seiner ersten Aussage als „Asylanten“ bezeichnet. Woher habe er gewusst, dass es Flüchtlinge seien?

Ein Wachmann, der das Treiben vom Ziel-Center aus beobachtet hatte, zeigte sich im Zeugenstand wütend über die Berichterstattung der Presse zum Fall. Die Hennigsdorfer hätten kein Problem mit Ausländern, der Fall werde in den Medien falsch dargestellt. Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt, dann kommen die beiden Asylbewerber zu Wort.

Von Marco Paetzel

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