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Der große Umzug der kleinen Krabbler

Oberhavel Der große Umzug der kleinen Krabbler

Die Autobahn A 10 und A 24 soll bereits ab 2018 sechsstreifig ausgebaut werden. Ende 2022 soll das Projekt beendet sein. Darüber informierte Lutz Günther von der Deges GmbH. Bevor jedoch die Planierraupen anrücken, mussten im geplanten Baufeld zwischen Dreieck Pankow, Dreieck Havelland und Anschlussstelle Fehrbellin 200 Ameisenvölker umgesiedelt werden.

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Nur mit ihren Händen hebt die Diplom-Biologin und Geschäftsführerin Christina Grätz, im Wald bei Birkenwerder Teile eines Ameisenvolks hoch.

Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild

Oberhavel. So viele Ameisen haben Christina Gräz und ihr siebenköpfiges Team noch nie in so kurzer Zeit umgesiedelt: 195 Völker waren es zwischen Mitte Juni und Ende August. Bevor die Planierraupen und Bagger anrücken, mussten die Insekten jene Trasse entlang der Autobahn A 10 verlassen, der für den geplanten sechsstreifigen Ausbau der Strecke benötigt wird. Betroffen ist der Abschnitt zwischen den Dreiecken Pankow und Havelland sowie weiter an der A 24 bis zur Anschlussstelle Fehrbellin.

Eine Kahlrückige Waldameise (Formica polyctena) im Wald nahe Birkenwerder

Eine Kahlrückige Waldameise (Formica polyctena) im Wald nahe Birkenwerder.

Quelle: Patrick Pleul, dpa

Die meisten Ameisenvölker hat die Diplom-Biologin jedoch im Bereich Birkenwerder entdeckt. Fünf verschiedene Arten sind darunter: die Rote Waldameise, die Wiesenwaldameise, die Große Kerbameise, die Kahlrückige Waldameise und die Strunkameise. In den Landes- und Bundeswaldforsten in Zühlsdorf, Briese oder auch Velten haben die Krabbler ein neues Zuhause gefunden. Besonders viele wurden auf den ehemaligen Truppenübungsplatz zwischen Summt und Lehnitz umgesiedelt – mit freundlicher Zustimmung der Bundeswaldförster, sagt Christina Gräz. Die Entfernung sei kein Problem. Im Gegenteil: Mindestens 500 Meter müssten der alte und der neue Wohnort auseinanderliegen. Auf ausdrücklichen Wunsch habe sie einmal ein Nest um nur 200 Meter versetzt. „Zwei Tage später waren die Ameisen zurück.“ Überhaupt hätten die Tierchen ihr von Menschenhand auf den Kopf gestelltes Nest in Windeseile perfekt wiederhergestellt, teilweise schon nach vier Tagen. „Manchmal beginnen die Ameisen noch in den Papiersäcken, in denen wir sie transportieren, sich zu reorganisieren“, sagt Christina Gräz. Eier und Puppen seien oft schon sortiert.

Die 42-Jährige ist seit ihrer Studienzeit hochgradig fasziniert von diesen Lebewesen, die wie auf ein magisches Signal hin alle das selbe Ziel verfolgen: „Wie kommunizieren sie? Sind sie Einzelorganismen oder doch ein einziges Wesen?“ Darüber hinaus seien Ameisen im Ökosystem Wald unter anderem von unschätzbarem Wert, da sie Insekten fressen, die Bäumen schaden.

Diplom-Biologin und Nagola-Re-Geschäftsführerin Christina Grätz im Juli in einem Wald nahe Birkenwerder

Diplom-Biologin und Nagola-Re-Geschäftsführerin Christina Grätz im Juli in einem Wald nahe Birkenwerder.

Quelle: Patrick Pleul, dpa

Nachdem sie mehrere Jahre für andere Firmen tätig war, hat sich Christina Gräz 2011 mit der Nagola Re GmbH selbstständig gemacht – im Lausitzer Braunkohlenrevier. Das Wiederherstellen der naturräumlichen Identität ihrer vom Bergbau beeinflussten Heimat war ihr ein Anliegen von frühester Jugend an. Nur dort hat sie schon einmal ähnlich viele Ameisenvölker umgesiedelt wie jetzt entlang der A 10.

Auftraggeber ist die Deges Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH. Laut Firmensprecher Lutz Günther wurden im Baufeld außerdem Zauneidechsen erfasst und eingesammelt. Noch in diesem Jahr würden die Amphibien in Ersatzhabitate umgesetzt.

Bauende für das Autobahnprojekt ist für 2022 vorgesehen

Der Autobahnausbau steht nach seinen Worten kurz bevor: Die Planfeststellung, also das Genehmigungsverfahren, sei abgeschlossen. Die Vergabeunterlagen wurden den teilnehmenden Bietern im zweiten Halbjahr 2016 zur Angebotsbearbeitung übergeben. „Ziel ist, die Vergabe Ende 2017 durchzuführen und im Jahr 2018 mit dem Bau zu beginnen“, sagt Günther. Vertraglich vorgegebenes Bauende sei Ende 2022.

Noch einmal kommt Christina Gräz zuvor zum Einsatz. In der nächsten Woche will sie an vier Stellen in der Nähe von Pinnow zum letzten Mal die verbliebene Restbevölkerung aus Altnestern in Papiersäcke füllen und zum neuen Zuhause bringen. Dreimal müssen die Nachzügler pro Nest eingesammelt werden. Im Schnitt kostet der Umzug eines Volkes rund 680 Euro. Dafür könnte man allerdings nur wenige Zentimeter Autobahn bauen, hat die Biologin ausgerechnet.

Ameisenschützer suchen Nachwuchs

Chistina Gräz übernimmt den Ameisenschutz gewerblich als einen kleinen Teil des Dienstleistungsangebots ihrer Firma. Sie ist jedoch zusätzlich auch ehrenamtlich für die Ameisenschutzwarte tätig. Wenn Familien die Umsiedlung eines Volkes nicht bezahlen können, genügt auch eine Spende.

Die Deutsche Ameisenschutzwarte e.V. ist in Landesverbände aufgeteilt. Vorsitzende der Brandenburgischen ASW ist Dr. Katrin Möller aus Eberswalde. Nähere Informationen unter www.asw-brandenburg.de. Kontakt unter 03334/2 75 91 01.

Es werden stets freiwillige Helfer gesucht, die mit einem Lehrgang auf ihre Aufgabe als Ameisenretter vorbereitet werden.

Von Helge Treichel

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