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Die Puhdys, die Sowjets und die heitere Muse

Fürstenberg Die Puhdys, die Sowjets und die heitere Muse

Das Klubbuch hütet Wolfgang Geisler wie einen Schatz: 35 Jahre und alle Künstler, die in dieser Zeit in Fürstenberg auftraten, sind darin vertreten. Das Klubhaus der Wasserstadt war zu DDR-Zeiten eine gute Adresse für Konzerte und Partys.

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Wolfgang Geisler (l.) und Alfred Karbowiak blättern im Gästebuch des Klubhauses – über 30 Jahre Kultur in Fürstenberg.

Quelle: Foto: Cindy Lüderitz

Fürstenberg. Ausgerechnet die erste Party im neuen Jugend-Klubhaus wäre fast zu einer Pleite geworden. Die Puhdys waren gebucht und kamen nicht, weil man ihnen nicht gesagt hatte, dass sie Silvester 1964 in Fürstenberg spielen sollen. Die waren an dem Abend irgendwo in der Tschechei. „Wir hatten zum Glück noch eine andere Band und jeder, der eine Mundharmonika hatte, hat dann gespielt. So wurde es doch noch ein rauschendes Fest“, erinnert sich der damalige Leiter Wolfgang Geisler an die Premiere. Die Puhdys kamen später doch noch öfter in die Wasserstadt und wurden Freunde des Hauses – den letzten Auftritt bestritten sie 2015 im Schlosshof. „Die haben damals ordinäre Tanzmusik gemacht und hätten gut zum Start gepasst“, sagt Geisler, der die Klubszene erst ehrenamtlich aufbaute, sich später dann hauptberuflich um die Kultur in Fürstenberg kümmerte. 35 Jahre lang. Er hatte gute Kontakte und war umtriebig genug, um vieles möglich zu machen. „Unser Klubhaus war schon eine Nummer damals. Wir hatten viele Veranstaltungen, um die uns andere beneideten. Bis auf Frank Schöbel waren auch so ziemlich alle DDR-Künstler da, die man so kannte.“ Und sie haben sich alle mit einem Gruß im großen roten Klubbuch verewigt, das Wolfgang Geisler wie einen Schatz hütet. Da verewigten sich Erhard Juza, Gerty Dolleys, Andreas Holm, Thomas Lück, Achim Menzel oder Heinz Rennhack und schrieben Sachen wie „Dankeschön an ein duftes Publikum“.

Für Wolfgang Geisler eine tolle Zeit. Der Programmdirektor ist in Hohen Neuendorf groß geworden, hat später im Stahlwerk Hennigsdorf gearbeitet und dort schon nach Feierabend am Kulturhaus mitgebaut. Die Kulturabteilung des Kreises kam dann auf ihn zu und fragte, ob er nicht das Freizeitangebot in Fürstenberg beleben könne. Weil da nichts los sei. Wolfgang Geisler suchte sich ein paar Leute, die den Klubrat bildeten und gemeinsam im heutigen Gasthaus zur Alten Bornmühle den Saal zu einem Tanzraum umbauten. Mitte der 1960er Jahre war noch nicht die Disco-Zeit, die kam später. „Damals spielten noch Kapellen und die Besucher kamen mit Schlips und Kragen. Wer in Westjeans vor der Tür stand, musste nach Hause, sich umziehen. Und die Krawatten wurden im Saal abgenommen, um sie denen zu geben, die noch draußen standen“, erinnert sich Alfred Karbowiak, der eine Stütze im Klubhaus war.

An der Bar war zu jener Zeit Kaffeelikör der Renner und es wurde getanzt, bis tatsächlich irgendwann Boden und Wände wackelten und der Saal baupolizeilich gesperrt wurde. „Wir tingelten eine Weile durch die Stadt, erst im Saal der Schiffselektronik, dann im Spezialbau“, sagt Wolfgang Geisler. Neben den wöchentlichen Club-Veranstaltungen gab es auch eine Reihe mit dem schönen Namen „Anrecht auf heitere Muse“. Zwölf Konzerte durften in diesem Rahmen jedes Jahr gespielt werden. Ausgezeichnet wurde das Klubhaus für sein Open-Air-Fest „Guten Tage Genosse, was macht die Fahne?“, das zusammen mit russischen Soldaten organisiert wurde. Da wurde eine der DDR-weit ersten Lasershows eingebaut, es gab Spiele wie Bettenbau und Panzer, auf denen die Kinder spielten. Unter dem Dach des Klubhauses entwickelte sich ein munteres Angebot, von der Tanzkapelle, der DAT-Disco über die Kindertanzgruppe und die Karnevalsfreunde bis zum Zirkel für Künstlerisches. „Wir hatten damals auch als einziges Haus einen Computerclub“, erzählt Wolfgang Geisler.

Nicht alles, was in Fürstenberg über die Bühne ging, wurde von staatlicher Seite gebilligt. Diskussionsrunden und Spezialitätenessen waren verpönt und für die Reden auf den Karnevalsveranstaltungen erhielt der Programmdirektor im Nachhinein immer einen Rüffel. Aber besser so als umgekehrt, sagt er heute. Die Fürstenberger Saalrallye war erst vorbei, als mit dem „Templiner Hof“ eine neue Bleibe für das Klubhaus gefunden war. Parallel zum Betrieb musste erst wieder gebaut werden: Toiletten, Bar, Bühne.

Es war die letzte Station der Jugend-Szene, die sich in der Wendezeit praktisch auflöste. Wolfgang Geisler hat noch versucht, weiter Programm zu machen, war extra nach West-Berlin gefahren, um zu gucken, wie das „drüben funktioniert“. Der Abschied war den 35 Jahren nicht würdig. Geblieben seien schöne Erinnerungen. Alfred Karbowiak schmunzelt heute noch über die Disco ohne Strom, irgendwo am Elbogensee. „Wir haben Batterien zusammengelötet. Das war unser Generator. Da haben wir alles angeschlossen und Musik gemacht. Nach drei Stunden hörte man dann, wie es langsam leiser wurde.“

Von Cindy Lüderitz

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