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Die Retter brauchen selbst Hilfe

Interview mit Tierschützern Die Retter brauchen selbst Hilfe

Sie setzen sich ein für die Rettung von Wildtieren und sie geben schwerkranken und misshandelten Tieren ein Zuhause. All das ist den Leuten vom Gnadenhof und der Wildtierrettung eine Herzenssache. Nun braucht der Verein selbst Hilfe. Nach langer Suche ist endlich eine neue Bleibe für die Tiere gefunden. Doch der Verein kann das Grundstück wahrscheinlich nicht nutzen.

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Ruth Schnitzler liegen Tiere einfach am Herzen, so wie ihren Mitstreitern. Seit vier Jahren engagiert sie sich im Verein.

Quelle: Privat

Wensickendorf. Ruth Schnitzler ist engagierte Tierschützerin und seit knapp vier Jahren aktiv im Verein Gnadenhof & Wildtierrettung Notkleintiere e. V.

Was müssen wir unter der Nottierrettung und dem Verein verstehen?

Ruth Schnitzler: Wir engagieren uns für Haus-, Nutz und Wildtiere gleichermaßen. Behörden und Ordnungsämter, die Polizei und die Feuerwehr, sie alle bitten uns um Hilfe, wenn Wildtiere gefunden oder verletzt wurden. Eine andere Anlaufstelle als unseren Verein gibt es im Raum Berlin und Brandenburg teilweise noch weiter, weder für Privatleute noch für die Behörden. Wir arbeiten eng mit dem Naturschutzbund und diversen Tierschutzorganisationen zusammen. Erwähnen möchte ich, dass das für jeden der auf uns zukommt vollkommen unentgeltlich geschieht. Erfreulicherweise melden sich auch immer mehr Privatpersonen, die Wildtiere gefunden haben. Für uns ein positives Signal. Zum einen werden wir, der Verein, aber vor allem auch einheimische Wildtiere mehr wahrgenommen.

Wie oft werden Sie denn um Hilfe gebeten?

Schnitzler: Bis heute waren es schätzungsweise 130 Einsatzfahrten. Erst am Donnerstagabend hat uns die Oranienburger Polizeihauptzentrale zu Hilfe gerufen. Ein Schwan hatte sich in einer Angelschnur verfangen und saß im Schilf fest. Vor einigen Wochen wurden wir zu einem Fuchs gerufen, der sich in ein Parkhaus verirrt hatte. Er irrte dort seit Tagen herum Polizei und Feuerwehr fühlten sich nicht zuständig. Der Parkhausbetreiber bekam dann den Tipp, die Wildtierrettung zu rufen. Zwei unserer Wildtierretter sind daraufhin mit Fangnetzen raus. Der Fuchs hat die beiden gut beschäftigt und auf Trab gehalten. Nach geraumer Zeit konnten Sie ihn aber sichern. Reinecke Fuchs bedankte sich mit einem Biss in die Hand bei einem der Retter.

Der Schwan hatte sich in einer Angelschnur verheddert

Der Schwan hatte sich in einer Angelschnur verheddert.

Quelle: Privat

Und was ist dann mit dem Tier passiert?

Schnitzler: Der Fuchs war zum Glück nicht verletzt. Wir mussten ihn nicht zum Tierarzt bringen. Er hat eine Erstversorgung von uns bekommen und wurde in einem nahegelegen Wald wieder ausgewildert. Die meisten Wildtiere bleiben ansonsten kurz in unserer Station, werden von Parasiten befreit und bekommen eine Wurmkur. Verletzte oder verwaiste Wildtiere werden gesund gepflegt oder großgezogen bis sie wieder ausgewildert werden können. Sie sollen so schnell wie möglich wieder in die Freiheit zurück. Das gelingt uns nicht immer. Manchmal geben wir Tiere in einen Wildpark oder an eine andere Institution ab damit sie einen annähernd artgerechten Lebensraum finden. Manche Tiere bleiben aber auch auf Lebzeit bei uns.

Gerettet, der Schwan konnte von der Schnur befreit werden

Gerettet, der Schwan konnte von der Schnur befreit werden.

Quelle: Privat

Sind Sie sonst auch mit mehreren Leuten im Einsatz?

Schnitzler: Oh ja, in Wensickendorf wollten wir im Sommer einen verletzten Storch einfangen. Zwölf Tierretter, der Storchenbeauftragte und ein Tierarzt sind ihm gut zehn Stunden auf dem Wensickendorfer Feld hinterhergejagt bis wir ihn in der Dunkelheit endlich einfangen konnten.

Gibt es so etwas wie Saisonzeiten für die Wildtierrettung?

Schnitzler: Im Frühjahr haben wir extrem viele Jungtiere, weil die Muttertiere überfahren oder abgeschossen wurden. Wir päppeln die Kleinen dann etwa ein halbes Jahr auf. Später kommen sie in Auswilderungsvolieren, damit sie gar nicht erst zu viel Kontakt zum Menschen haben. Und in größeren Gruppen werden die Tiere dann zu gegebener Zeit wieder ausgewildert. In diesem Sommer hatten wir es aufgrund der langen heißen Phase mit vielen dehydrierten Tieren zu tun. Beispielsweise an die 50 bis 60 Mauersegler, das war eine ganze Schwemme. Die Tiere landen nicht, sie nehmen nur im Flug Wasser auf über Regentropfen. Fehlt der Regen dehydrieren die Tiere.

Und wie sieht es jetzt im Herbst aus?

Schnitzler: Jetzt in der Dunkelheit passieren natürlich verstärkt Wildunfälle. Nach der Zeitumstellung werden viele Tiere angefahren. Wir versuchen möglichst vielen verletzten Tieren zu helfen ansonsten müsste der Förster oder ein Jäger die verletzten Tiere abschießen. Und Igel sind gerade in unserer Obhut, die den Winter draußen nicht schaffen würden. Wir haben vor einigen Wochen gleich fünf kleine Geschwister aufgenommen.

Ihr Verein hat noch einen zweiten Arbeitsbereich, den Gnadenhof. Was verbirgt sich dahinter?

Schnitzler: Es ist für uns einfach eine Herzenssache, behinderten und schwer kranken, misshandelten und vernachlässigten Tieren ein artgerechtes Zuhause zu geben. Durch die Zusammenarbeit und Kooperation mit vielen Partnervereinen gelingt es, die Zahl der Gnadenhoftiere konstant und damit überschaubar zu halten. Es handelt sich hierbei sowohl um Haus- als auch um Nutztiere. Wir haben uns ein Limit von circa 80 Bestandstieren gesetzt. Neben Pferden, Schweinen, Hunden, Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen, Vögeln und einer Schildkröte befinden sich sechs Waschbären und zwei Stinktiere in unserer Obhut.

All diese Aufgaben können Sie aber im Moment gar nicht optimal erfüllen. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Bleibe?

Schnitzler: Die Bleibe haben wir eigentlich bereits gefunden. Nachdem die Familie Giese nach der Schließung des Hofes in Lehnitz mehrere Tausend Kilometer gefahren ist um ein adäquates Grundstück zu finden, wurde uns im Frühjahr ein Grundstück in Wensickendorf angeboten.

Haben Sie in Wensickendorf nun ein neues Domizil gefunden?

Schnitzler: Ja und nein. Uns wurde das Objekt am Gärtnerweg 15 angeboten. Die Vorbesitzerin hatte den Wunsch, dort weiter Tieren ein zu Hause zu geben. Sie liebte Tiere sehr und hatte dort auch vielen Tieren ein Zuhause gegeben. Schnell wurden wir uns einige und haben das sehr verwahrloste Gelände mit gut 50 Helfern beräumt. Dabei haben wir unter anderem 80 Tonnen Müll entsorgt. Das Grundstück ist wirklich ideal für die Zwecke des Vereins. Und inzwischen haben wir das Grundstück auch gekauft.

Was wollen Sie denn auf dem Grundstück noch verändern?

Schnitzler: Eigentlich wollen wir nur den Bestand nutzen und die alten Hütten und die Scheune reparieren. In der Scheune mit Außengehegen sollen Unterkünfte für Waschbären, Füchse Kaninchen usw. entstehen. Ein Teil soll ein Pferdeoffenstall für unsere 3 Pferde werden. Neue Bauten sollen nicht entstehen. Wir wollen das Gelände so erhalten, wie es ist und immer war. Und natürlich brauchen wir einen Zaun um das Gelände. In dem Wohnhaus soll Familie Giese leben. Damit hätten wir auch wieder eine Anlaufstation. Im Moment haben wir all unsere Tiere im Umkreis von 100 Kilometern auf Pflegestellen verteilt. Die Versorgung wird nach fast 2 Jahren immer schwieriger.

Warum geht es nicht weiter auf dem Hof?

Schnitzler: Die Fläche liegt im Außenbereich, das Bau- und Ordnungsamt hat die Familie Giese angeschrieben und einen sofortigen Baustopp verhangen, das Gelände sei nicht für die Tierhaltung freigegeben. Der Ortsvorsteher von Wensickendorf, Herr Ließke, und der Bürgermeister von Oranienburg, Herr Laesicke haben uns ihre Unterstützung zugesagt. Wir haben uns an das Stadtplanungsamt in Oranienburg gewandt und beraten lassen. Im Spätsommer haben wir ganz konkret den Antrag zur Aufstellung eines Bebauungsplanes gestellt. Am Donnerstag kamen leider keine guten Nachrichten zu unserem Vorhaben bei uns an.

Was bedeutet das?

Schnitzler: Die Stadt Oranienburg hat uns mitgeteilt, dass nur nach dem Aufstellen eines vorhabenbezogenen Bebauungsplanes überhaupt geprüft werden kann, ob unser Vorhaben zulässig ist. Die Stadt befürchtet - wenn wir das richtig verstanden haben - es könnte eine Splittersiedlung entstehen. Und wir könnten uns das Verfahren nicht leisten. Bis zum Baurecht würden anderthalb bis zwei Jahre vergehen, hat man uns geschrieben.

Was wird nun passieren?

Schnitzler: Diese Nachricht müssen wir erst einmal verdauen und beraten. Aber wenn das in Wensickendorf nicht klappt, müssen wir den Gnadenhof und auch die Wildtierrettung aufgeben. Es ist jetzt schon sehr schwer, ohne Anlaufpunkt weiterzuarbeiten. Auch für den Zusammenhalt unserer Vereinsmitglieder und Helfer ist eine Anlaufstelle extrem wichtig. Unsere Leute wollen am Tier und mit dem Tier arbeiten und verstehen nicht, dass es nicht weitergeht. Selbst Wensickendorfer kommen schon vorbei und fragen, wann sie mal unsere Tiere anschauen können. Und natürlich warten unsere Rollifahrer.

Wie meinen Sie das mit den Rollifahrern?

Schnitzler: Für unseren Gnadenhof trifft auch der Begriff Lebenshof zu.

Wir möchten Schulklassen, Kita-Gruppen und Behinderten wieder die Gelegenheit bieten, einheimische Wildtiere kennenzulernen und einiges darüber zu erfahren. Wir möchten Kinder und Jugendliche inspirieren respektvoll auch mit Tieren umzugehen.

Das hat der Verein in der Vergangenheit schon praktiziert?

Schnitzler: Ja, zwischen dem Gnadenhof und der Jugendgerichtshilfe Oranienburg bestand eine enge Zusammenarbeit. Wir durften auch regelmäßig Senioren oder querschnittsgelähmte Menschen auf unserem Hof begrüßen. Unsere alten und behinderten Tiere zauberten durch ihre Fröhlichkeit regelmäßig ein Lächeln in die Gesichter der Menschen. Wenn ein Rolli-Fahrer einen Rollihund Fußballspielen sieht, ist das für ihn eine ganz besondere Erfahrung, sagte mir mal ein Rolli-Fahrer. Auch diese Arbeit möchten wir gerne fortsetzen und ausbauen.

Den Hunden von Ruth Schnitzler geht es gut, um die beiden macht sie sich keine Sorgen mehr

Den Hunden von Ruth Schnitzler geht es gut, um die beiden macht sie sich keine Sorgen mehr

Quelle: Privat

Wie finanzieren Sie das alles ?

Schnitzler: Unser Verein finanziert sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Flohmarktverkäufen und Aktionen. Zur Zeit beteiligen wir uns gerade bei einer Aktion des Berliner Rundfunks 91,4. Unglaublicherweise steht unser kleiner Verein auf Platz 6 von 336 Vereinen. Es macht uns stolz, dass so viele Menschen für uns voten und damit unserer Arbeit Respekt zollen. Aber gewonnen haben wir noch lange nicht und hoffen weiterhin auf viele klicks. Natürlich brauchen wir gerade in dieser für uns so schwierigen Zeit, weitere Unterstützung damit wir unseren Gnadenhof und die Wildtierrettung fortführen können. Die uns zugesagte Unterstützung durch die zuständigen Behörden ist leider bisher ausgeblieben. Sollte es uns nicht gelingen, unseren Verein, unseren Gnadenhof und unsere ehrenamtliche Wildtierrettung aufrecht zu erhalten, gibt es im Raum Berlin und Brandenburg keine Anlaufstelle mehr für Privatpersonen und Behörden wenn es um in Not geratene Tiere geht.

Ein gemeinnütziger Verein

Der Gnadenhof besteht bereits seit 2004, es gab eine Station in Lehnitz, die vor knapp zwei Jahren geschlossen werden musste.

Seit 9. Februar 2015 ist der Gnadenhof & Wildtierrettung Notkleintiere e.V. ein eingetragener, gemeinnütziger Verein mit Vereinssitz in Brieselang. Im Verein arbeiten neun ordentliche Mitglieder und 20 Fördermitglieder. Es gibt circa 40 ehrenamtliche Helfer, davon 25 Tier- bzw. Wildtierretter

Am 7.Oktober diesen Jahres hat der Verein das Grundstück in Wensickendorf, Gärtnerweg 15, gekauft.

Im Vereinsvorstand sitzen Sandra Giese, diplomierte Tierheilpraktikerin und Tierpsychologin (erste Vorsitzende), Bettina Weber (Stellvertretende Vorsitzende), Andrea Rammisch (Öffentlichkeitsarbeit) und Ruth Schnitzler (Kassenwartin)

Von Andrea Kathert

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